Das Rathaus Bühlertal wurde nach Plänen der Architekten Adler + Retzbach erweitert. Die Gemeindeverwaltung ist nun in einem zentralen Gebäude statt bisher in drei Häusern untergebracht. | Foto: Ulrich Coenen

Rathauserweiterung Bühlertal

Neubau ordnet sich bescheiden unter

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Wenn der Neuduft nicht durch die Räume wehen würde, könnte man glauben, es sei immer so gewesen. Der Erweiterungsbau des Bühlertäler Rathauses nach Plänen der Architekten Adler + Retzbach (Karlsruhe) fügt sich unauffällig und unaufdringlich ins Obertal ein und ergänzt den denkmalgeschützten Altbau vortrefflich.

Der zweigeschossige flach gedeckte Baukörper schmiegt sich zwischen die Rückseite des Bestandsgebäudes und den steilen Berghang. Das Kulturdenkmal und das Ortsbild der Schwarzwaldgemeinde werden durch diesen Neubau, der für die Kommunalverwaltung eine erhebliche organisatorische Verbesserung, ja einen Quantensprung bedeutet nicht beeinträchtigt. (Die BNN haben über den Entwurf ausführlich berichtet.)

Auf drei Gebäude verteilt

Bisher war die Verwaltung nicht nur im Rathaus untergebracht, sondern auf zwei weitere Nachbargebäude verteilt. Von diesen wurde das rückwärtige, übrigens das Elternhaus von Bürgermeister Hans-Peter Braun, für den Neubau abgerissen.

Korridor und Treppenhaus im Untergeschoss des Erweiterungsbaus | Foto: Ulrich Coenen

Vornehmes Kulturdenkmal

Das denkmalgeschützte Rathaus aus der Zeit um 1840 ist eines der vornehmsten Bauwerke der Talgemeinde und erhebt sich an prominenter Stelle. Erst seit 1925 ist die ehemalige Tabakfabrik Sitz der Gemeindeverwaltung und wurde für diese Zwecke mehrfach umgestaltet. Der Dachreiter mit der Rathausuhr und das große Zwerchhaus im Satteldach sind spätere Zutaten, die dem Gebäude in dörflicher Umgebung eine angemessene Sonderstellung verleihen. Die behält das Rathaus nach dem geglückten Erweiterungsbau, der sich unter das Kulturdenkmal duckt und nicht in Konkurrenz zu ihm tritt.

Der Neubau wurde über eine Fuge an das denkmalgeschützte Bestandsgebäude angeschlossen. Im neuen Treppenhaus blieb des Rückseite sichtbar. | Foto: Ulrich Coenen

Anschluss über Fuge

Adler + Retzbach haben den Neubau über eine Fuge an den Altbau angeschlossen. Der verzahnt beide nicht nur geschickt, sondern stellt die rückwärtige Rathausfassade mit ihren schönen sandsteingerahmten Fenstern zumindest teilweise in dem neu entstandenen Korridor frei. Das Raumprogramm ist kompakt. Insgesamt steht weniger Fläche als in den drei Verwaltungsbauten zuvor zur Verfügung. Das wird durch eine Verringerung der Verkehrsflächen möglich, die dennoch großzügig wirken.

Fuge zwischen Alt- und Neubau im Obgerschoss | Foto: Ulrich Coenen

Spezialisten für Bauaufgabe

Die Karlsruher Architekten haben bereits die Rathäuser in Ittersbach und Ottenhöfen modernisiert beziehungsweise erweitert und außerdem beim Museum Simplicissimus-Haus in Renchen bewiesen, dass sie historische Gebäude mit großem Einfühlungsvermögen für ihre Aufgaben in einer modernen Gesellschaft wappnen können. Ihr Spezialistentum für diese Bauaufgabe zeigt sich auch in Bühlertal.
Die Architektur des schlichten mit anthrazitfarbenen Fassadenplatten verkleideten Neubaus wird an der Rückseite durch lang gestreckte Fensterbänder in beiden Geschossen bestimmt. Der Grundriss des Neubaus ist auf beiden Ebenen klar gegliedert. Alle Büros öffnen sich zur Fuge, in der sich auch das neue Haupttreppenhaus befindet. Im Kellergeschoss befinden sich Archivräume, die es in dieser Form bisher in der Bühlertäler Gemeindeverwaltung nicht gab.

Rückwärtige Ansicht des Erweiterungsbaus an der Bergseite | Foto: Ulrich Coenen

Originale Eichentreppe erhalten

Die originale Eichentreppe im Altbau blieb erfreulicherweise zusätzlich erhalten. Daneben wurde, um die Barrierefreiheit für die gesamte Verwaltung zu erreichen, in der ehemaligen Arrestzelle ein Aufzug eingebaut. Das erstaunlich schlichte Dienstzimmer von Bürgermeister Braun wurde vom ersten Obergeschoss ins Dachgeschoss des Altbaus verlegt. Die neuen Büros seiner Amtsleiter im Neubau sind zweifellos repräsentativer.

Blick in ein Büro im Erweiterungsbau | Foto: Ulrich Coenen

Neuer Haupteingang

Der bisherige Haupteingang des Rathauses wurde von der linken auf die rechte Gebäudeseite verlegt. Dort ist auf dem Niveau des Sockelgeschosses ein kleiner Vorplatz entstanden, an den der großzügig verglaste Kopfbau der Rathauserweiterung mit seiner charakteristischen Lamellenfassade aus Holz grenzt.
Materialien und Farben wurden sorgsam und sparsam ausgewählt. Im Neubau dominiert entlang des mit anthrazitfarbenen Fliesen belegten Bürokorridors eine Holzwand aus heller Fichte mit Oberlicht. Die entsprechenden Türen haben „Guckfenster“ in die Büros, die dadurch einladend und transparent erscheinen.

Treppenhaus aus Sichtbeton

Das neue Treppenhaus besteht aus Sichtbeton. Fliesen und Fichtentüren begegnen dem Besucher im neuen Hauptfoyer des Altbaus, an das die publikumsintensiven Ämter grenzen. In den oberen Geschossen des Baudenkmals findet mit Eiche eine weitere heimische Holzart Verwendung.

Dachterrasse über dem Erweiterungsbau | Foto: Ulrich Coenen

Nichts Schrilles

Funktionell sind Alt- und Neubau zu einer Einheit verschmolzen, gestalterisch ordnet sich der Neubau mit seiner klaren und reduzierten Architektursprache bescheiden unter. Schrilles und Überflüssiges sucht man vergeblich. Das ist ein Glück für die Schwarzwaldgemeinde.