Die Schwarz-Orgel in Bühl hat dank eines neuen Gutachtens wieder eine Spiel-Perspektive. | Foto: Lienhard

Hoffnung für Bühler Instrument

Neue Perspektive für Schwarz-Orgel

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Um die historische Schwarz-Orgel war es ruhig geworden – in einem doppelten Sinne: Der Zustand des Musikinstruments auf der Empore der Bühler Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul ließ ein Spielen kaum zu, und die Diskussion um eine Sanierung war angesichts gewaltiger Kosten verstummt. Jetzt aber verkündete Pfarrer Wolf-Dieter Geißler eine überraschende Wende: Eine fachgerechte Restaurierung könnte nach einem neuen Gutachten deutlich geringere Ausgaben erfordern als angenommen, erläuterte Geißler im Silvester-Gottesdienst. Das eröffne die Perspektive, dass die Orgel im kommenden Jahr sich wieder akustisch voll entfalten kann. Es wäre ein passendes Geburtstagsgeschenk: 2018 wird die Schwarz-Orgel 90 Jahre alt.

Kosten deutlich geringer

Indirekt machte eine Initiative des „Vereins zur Erhaltung der historischen Schwarzorgel der Stadtpfarrkirche Bühl“ den Weg frei. Dessen Mitglieder hatten sich 2012 in Abstimmung mit dem Denkmalamt und unter Aufsicht eines Orgelbauers um eine Stimmung, grobe Reinigung und technische Durchsicht gekümmert. Beim Ordinariat in Freiburg löste das eine gewisse Skepsis aus. Es wollte ausschließlich ausgewiesene Fachleute mit Orgelarbeiten betraut sehen. Sollte das Instrument „nur“ als Denkmal erhalten werden oder nicht doch auch spielbar sein? An dieser Frage habe sich eine Diskussion zwischen Pfarramt und Ordinariat entsponnen, die in einem Vorschlag aus Freiburg mündete, eine neue Kostenschätzung für eine fachgerechte Komplettsanierung einzuholen und dieses Gutachten aus der Ordinariatskasse zu bezahlen. Als das Ergebnis des von einem Bautzener Orgelbauunternehmen erstellten Gutachtens im Spätjahr in Bühl ankam, war die Überraschung groß: Inklusive Nebenarbeiten kämen Kosten von 400 000 Euro auf die Gemeinde zu. Das ist ein gewaltiger Unterschied zur bisherigen Schätzung: Ein früheres Gutachten hatte 750 000 Euro für die Restaurierung ermittelt, mit notwendigen Nebenarbeiten wären da schnell eine Million Euro zusammengekommen. Das ist jenseits der finanziellen Möglichkeiten der Pfarrgemeinde. Nun sieht Geißler, der von einem solide erstellten Gutachten ausgeht, neue Möglichkeiten: „Das hat die Situation wesentlich geändert“.

2018 soll die Orgel wieder jubilieren

Wie es weitergeht, ist allerdings spekulativ, sagt Geißler. Es gebe Finanzierungsideen, die jedoch noch im Stiftungsrat besprochen werden müssten; der Grundsatzbeschluss indes, die Sache anzugehen, ist bereits gefasst. Von den 400 000 Euro könnten die Hälfte aus verschiedenen staatlichen und kirchlichen Fördertöpfen geschöpft werden, sodass Pfarrgemeinde und Orgelbauverein noch 200 000 Euro aufbringen müssten. Geißler ist durchaus optimistisch, dass dies gelingen kann: „Der Orgelbauverein hat viele Mitglieder, die bereit sind, für den Erhalt der Schwarz-Orgel zu spenden.“ Dass sie es bisher nicht getan hätten, habe seinen Grund einzig in der fehlenden Perspektive gehabt. „Die Schwarz-Orgel hat viele Liebhaber auch über Bühl hinaus“.
Zudem wolle man sich verschiedene Aktionen überlegen, um die Orgelkasse zu füllen und den Haushalt so weit wie möglich zu entlasten. Erarbeitet werden müsse auf Wunsch des Ordinariats auch ein Nutzungskonzept, wie die Orgel in Konzerten oder besonderen Gottesdiensten eingesetzt werden kann. Das Ziel ist jedenfalls gesetzt: 2018 soll die Schwarz-Orgel wieder in voller Pracht spielen. Im Silvester-Gottesdienst hatte Geißler bereits das Signal zum Aufbruch auf den Orgel-Weg gegeben: „Wir wollen das angehen.“

Freude beim Orgelverein

Vorfreude herrscht beim Orgelverein, wie dessen Schriftführer Bernhard Götz berichtet. In den kommenden Wochen wolle man sich zusammensetzen und besprechen, wie man sich auf dem weiteren Weg einbringen könne. Schließlich sei das große Ziel des Vereins in greifbare Nähe gerückt: Die Schwarz-Orgel wieder regelmäßig erklingen zu lassen.

Baujahr 1928

Die Orgel auf der Empore der Bühler Pfarrkirche St. Peter und Paul gilt als die größte noch vollständig erhaltene rein pneumatische Orgel in Baden-Württemberg. Zur Zeit ihrer Entstehung war sie nach der Freiburger Münsterorgel die größte Orgel im Erzbistum. Sie stammt aus dem Jahr 1928; als ihr Erbauer gilt die Überlinger Firma Friedrich Wilhelm Schwarz, für die das Opus 224 das größte je gebaute Werk war. Der Bühler Orgelverein sieht indes zahlreiche Hinweise darauf, dass die Orgel bis auf Gehäuse, Bälge und größere Holzpfeifen wohl komplett von der weltbekannten Orgelbaufirma E. F. Walcker & Cie aus Ludwigsburg gebaut und von Schwarz in Bühl nur aufgestellt und intoniert wurde. Bei der Einweihung 1928 spielte Professor Ernst Kaller neben Orgelstücken von Max Reger auch Werke von Johann Sebastian Bach und Johann Pachelbel. Die Orgel kostete seinerzeit 40 000 Reichsmark. Dass sie in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Zeit angeschafft werden konnte, sei allein den Spenden von 88 Bühler Bürgern und Familien zu verdanken; die Kirchengemeinde selbst beteiligte sich nicht an der Finanzierung. Erst 1938 war die Orgel vollständig bezahlt.
Schlagzeilenträchtig wurde die Orgel vor etwas mehr als einem Jahrzehnt. Im Zuge der damals bevorstehenden Kirchenrenovierung war auch über die Orgel nachgedacht worden. 1976 war eine neue Orgel angeschafft worden, die alte Schwarz-Orgel war schadhaft geworden (die Möglichkeit einer Restaurierung war damals wohl nicht ernsthaft geprüft worden). Aus der Befürchtung heraus, die Orgel könnte verkauft werden (was das Ordinariat präventiv untersagte), gründete sich 2008 in Bühl ein Orgelverein, der sich die Restaurierung der nicht mehr funktionsfähigen Orgel zum Ziel setzte. Als 2008 der Pfarrgemeinderat St. Bonifatius Gießen Kaufinteresse anmeldete, begannen intensive Diskussionen. Im Dezember 2009 stimmte der Bühler Pfarrgemeinderat einem Verkauf grundsätzlich zu. Wieder ein Jahr später zog die Gießener Pfarrgemeinde ihr Angebot wieder zurück. Der Grund: Die mit dem Verkauf verbundene Forderung, dass die Orgel vollständig restauriert und als Ganzes wieder aufgebaut werden müsste, könne nicht erfüllt werden. Das nährte beim Orgelverein die Hoffnung, das Gerät mit seinen rund 5 000 Pfeifen in Bühl wieder zum Klingen bringen zu können. Ein Gutachten bezifferte die notwendigen Kosten aber auf 750 000 Euro plus Nebenarbeiten. So musste man sich zunächst 2012 mit einigen wenigen Arbeiten begnügen – die aber immerhin dazu führten, dass die Schwarz-Orgel am 20. Oktober 2012 zum ersten Mal seit 1976 wieder erklang.