Im Sitzungssaal des Neusatzer Ortschaftsrates reichten die Stühle für die zahlreichen Besucher nicht. | Foto: Ulrich Coenen

Umstritten

Neusatzer Ortschaftsrat lehnt Seniorenzentrum im Kloster Neusatzeck ab

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Der Ortschaftsrat Neusatz hat den Bebauungsplan für das umstrittene Seniorenzentrum im Mutterhaus des Klosters Neusatzeck am Dienstagabend mit 8:2 Stimmen abgelehnt und gleichzeitig eine Veränderungssperre beantragt . Das Dorfparlament befürchtet, dass die Projektentwickler im neuen Jahr die Abrissbagger anrollen lassen und vollendete Tatsachen schaffen.

Der Ortschaftsrat hat innerhalb der Stadt Bühl aber nur beratende Funktion. Die endgültige Entscheidung über den Bebauungsplan für das Seniorenzentrum fällt der Bühler Gemeinderat.

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Das Interesse der Bürger war riesengroß. Die 32 Stühle im Sitzungssaal in der Schlossberghalle reichten nicht annähernd. Am Ende war es eine Rekordkulisse von mehr als 50 Zuhörern, die bei Redebeiträgen der Ortschaftsräte gegen das Seniorenzentrum immer wieder begeistert Beifall spendeten.

Ortsvorsteher ist verärgert

Ortsvorsteher Hans-Wilhelm Juchem (CDU) berichtete, dass das Thema die Bevölkerung stark bewegt. In einer ausführlichen Stellungnahme erläuterte er das Großprojekt. Juchem zeigte sich verärgert, dass der Ortschaftsrat in dieser Sache unter Zeitdruck gesetzt werde. „Bis Montag lag uns lediglich der Bebauungsplanentwurf mit Lageplan und Gebäudehöhen vom 21. November vor“, erklärte er. „Am 16. Dezember wurden dem Ortschaftsrat geänderte Pläne des Investors per Mail zugesandt. Die geforderten Ansichten, selbst in einfachster Ausführung, liegen immer noch nicht vor.“

Juchem erinnerte daran, dass der Ortschaftsrat der ersten Planung der Projektentwickler im Frühjahr 2018 zugestimmt hat. Nach diesem Konzept sollte das Ökonomiegebäude erhalten werden, alle anderen Gebäude sollten abgerissen und durch drei Neubauten ersetzt werden. Weil im Dachstuhl des 1928 entstandenen Altbau des Mutterhauses im Sommer 2018 artengeschützte Fledermäuse entdeckt wurden und weil das statische Gutachten das Ökonomiegebäude für nicht erhaltenswert hält, änderten die Projektentwickler ihre Pläne.

Viel zu groß

„Anstelle des Ökonomiegebäudes ist nun ein Z-förmiger Neubau für das Pflegeheim vorgesehen“, sagte Juchem. „Die Beratung im Ortschaftsrat verlief im Hinblick auf die Lage, Größe und Gestaltung der Baukörper im Herbst des vergangenen Jahres sehr kritisch.“

Die modifizierten Pläne, die in der Ortsverwaltung seit dem 16. Dezember vorliegen, sah Juchem ebenfalls mit sehr großer Skepsis. Der Z-förmige Baukörper sei so weit wie möglich von der Schwarzwaldstraße abgerückt. Wenig erfreut zeigte sich der Ortsvorsteher über die drei Neubauten, die oberhalb eines Parkdecks auf dem Gelände des talseitigen Gebäudetraktes von 1981 entstehen sollen. „Im Untergeschoss sind Tief- und Doppelparkgarage geplant, darüber drei Gebäudeteile als drei bis fünfgeschossige Bauten inklusive Penthäuser“, berichtete er. Die maximale Wandhöhe betrage beim niedrigsten Gebäudeteil zirka 17 Meter. Der fünfgeschossige Bau habe eine Wandhöhe von 20,8 Meter inklusive Penthouse.

Ein großes Z in der Landschaft

Der Z-förmige Bau auf dem Gelände des Ökonomiegebäudes erscheint nach den Ausführungen des Ortsvorstehers aufgrund der Topografie von Norden fünfgeschossig, nach Osten dreigeschossig. „Die Gesamthöhe des Neubaus ist rund einen halben Meter höher als die Traufhöhe des Mutterhauses, liegt aber 6,5 Meter unterhalb des Firstes des Mutterhauses“, erklärte Juchem.

Den Wunsch der Bühler Zentralverwaltung, den Bebauungsplan durchzuwinken, ignorierte Juchem. Er hatte eine eigene Beschlussvorlage vorbereitet, die das Projekt ablehnt. Diese wurde durch den Antrag von Franz Fallert (FW) um eine Veränderungssperre verschärft.

Der Antrag von Simon Westermann (FW), die Projektentwickler neue, umweltverträglichere Pläne erarbeiten zu lassen, fand mit zwei Stimmen keine Mehrheit.

Es wird nicht besser

Von der größten Baumaßnahme, die es in Neusatz jemals gegeben habe, sprach Franz Fallert (FW). „Dass Seniorenzentren gebraucht werden, ist unbestritten“, räumte er ein. Deshalb habe er im Frühjahr 2018 auch dem ersten Entwurf zugestimmt. „Aber jede Veränderung hat das Konzept nicht besser gemacht“, konstatierte er.

Fallert berichtete, dass die Gesamtanlage entlang der Schwarzwaldstraße eine Länge von rund 160 Metern haben solle. Er kritisierte die Haltung der Bühler Zentralverwaltung, die dieses Projekt „auf Biegen und Brechen durchboxen“ wolle. „Wo ist die Bürgerbeteiligung, die in Bühl immer gepredigt wird?“ fragte er. Fallert sieht Alternativen zum Seniorenzentrum. Das Kloster werde im nächsten Jahr aufgelöst. „Wir verschenken nichts, wenn wir warten“, meinte er.

Es gibt bessere Beispiele

Hubert Oberle (CDU) sprach von „riesigen, überdimensionierten Baukörpern mitten im Landschaftsschutzgebiet“. Er berichtete von fünf und sechs Geschossen bis nahe an die Schwarzwaldstraße. Das Volumen sei vier mal so groß wie der Bestand. „Da gibt es bessere Beispiele“, fand er. Er nannte die Neubaugebiete beim Bühler Kloster und auf der Schlosshöhe in Rittersbach. „Dort hat man nach dem Abriss angepasste und ins Ortsbild passende Vorhaben entwickelt“, stellte er fest. „Auch die Pflegeheime in Obersasbach und Steinbach sehen anders aus.“ Oberle warnte vor Eile. „Wenn Zeitdruck eine Rolle spielt, ist an der Sache etwas faul“, sagte er. „Die Neusatzer Bürger bleiben auf der Strecke. Wenn die bauen wollen, bekommen sie tausend Steine in den Weg gelegt.“

Problem der Kirche

„Die Projektentwickler klammern sich an dieses Vorhaben wie an einen letzten Strohhalm“, wunderte sich Helmut Krampfert (SPD). Er habe Bedenken im Hinblick auf den Bedarf für ein solches Seniorenzentrum, die Lage und die Infrastruktur. „Das Mutterhaus ist kein kommunales Problem, sondern eines der Kirche.“ Nun werde sich zeigen, ob der Gemeinderat den Beschluss des Ortschaftrats respektiere. „Das wird uns die Wertschätzung unseres Gremiums verdeutlichen“, sagte Krampfert.

Simon Westermann (FW) sprach von einem in aller Eile vorgelegten überarbeiteten Entwurf der Projektentwickler. Trotz allem sehe er die sinnvolle Nutzung des Mutterhauses als Seniorenheim positiv.
Allerdings verlangte Westermann eine Überarbeitung des Entwurfs, dessen unzureichende Präsentation mit Skizzen er als „Witz“ bezeichnete.

Das Flachdach des Z-Baus müsse begrünt, alle Gebäude um ein Geschoss reduziert werden. Außerdem müssten die Baukörper um fünf Meter von der Schwarzwaldstraße abrücken. Die Fassaden sollten mit Holz verkleidet werden, um sie besser in die Landschaft einzufügen. Westermann warnte davor, das Seniorenzentrum abzulehnen. „Auch für das Josef-Bäder-Haus wird es keine andere Lösung als einen Investor geben“, stellte er fest.

Nicht das Gelbe vom Ei

Zuletzt ergriff Ludwig Löschner das Wort. Der Bühler GAL-Stadtrat hat im Ortschaftsrat Rederecht. Auch er kritisierte das Projekt. Nach seinen Informationen sei jedes siebte Altersheimprojekt insolvenzgefährdet. „Gibt das die nächste Insolvenz-Ruine?“ fragte er. „Außerdem verbauen wir uns mit diesem Seniorenzentrum eine landschaftsverträglichere Gesamtlösung in Neusatzeck. Wir stehen nicht so sehr unter Zeitdruck. Diese Lösung ist nicht das Gelbe vom Ei.“