Nobuhiro Sonoda ist neuer Vorsitzender der Architektenkammer Baden-Baden/Rastatt. | Foto: Ulrich Coenen

Architekt Nobuhiro Sonoda

„Wir haben den Sinn für schönes Bauen verloren“

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Nobuhiro Sonoda ist neuer Vorsitzender des Kammergruppe Baden-Baden/Rastatt der Architektenkammer Baden-Württemberg. Die rund 400 selbstständigen und angestellten Architekten, Stadtplaner, Innenarchitekten und Landschaftsarchitekten der Region haben den 57-jährigen Baden-Badener in einer Online-Abstimmung zum Nachfolger von Rolf Buttkus gewählt. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen hat sich mit Sonoda unterhalten.

Die Architektenkammern werden gerade von ihren Mitgliedern gerne als Zwangsvereinigungen kritisiert. Wieso haben Sie sich für den Kammervorsitz beworben?

Sonoda: Ich bin bereits seit einigen Jahren Beisitzer im Vorstand. Berufspolitisch ist das Amt des Vorsitzenden hochinteressant. Wir müssen die Arbeit der Kammer im Hinblick auf berufspolitische Angelegenheiten ausrichten. Außerdem sind aktuell wichtige Fragen offen.

Wettbewerbe sind wichtig

Wie sehen die aus?

Sonoda: Ich denke dabei zunächst an das Wettbewerbswesen. Es ist sehr wichtig für die Architektur, je nach Größe der Bauaufgabe mehrere Lösungsansätze zum Vergleich zu erhalten. Das ist ein sinnvolles Instrument für alle Beteiligten. Daneben gibt es berufspolitische Anliegen, wie die gesamtschuldnerische Haftung des Architekten für alle Baugewerke und die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Die Haftungsfrage muss geklärt werden und die HOAI würde ich gerne erhalten. Sie gibt Architekten Sicherheit, dass sie nicht bei jedem Auftrag das Honorar individuell verhandeln müssen.

Magisches Viereck

Werden Sie die Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden suchen?

Sonoda: Selbstverständlich werde ich Gespräche mit allen Baubürgermeistern führen. Zum Bauen gehört ein „magisches Viereck“, das aus den Architekten, den Kommunen, den Bauherren und den Investoren besteht. Wer erfolgreich bauen will, muss alle diese Parteien, die voneinander abhängig sind, zufriedenstellen.

Mehr Gestaltungsbeiräte

In zwei mittelbadischen Städten, nämlich in Baden-Baden und in Offenburg, gibt es Gestaltungsbeiräte. Wünschen Sie sich solche Gremien auch in Rastatt, Bühl oder Gaggenau?

Sonoda: Gestaltungsbeiräte sind ein sinnvolles und wichtiges Instrument für die Baukultur, um bei der Entscheidungsfindung die Balance zu finden. Es geht um die Frage, was machbar ist. Nach meiner Erfahrung in Baden-Baden akzeptieren Stadtverwaltung und Gemeinderat die Meinung des Expertengremiums. In den Niederlanden gibt es übrigens eine Schönheitskommission. Das macht Sinn, weil ein Projekt nicht nur nach baurechtlichen, sondern auch nach gestalterischen Aspekten beurteilt werden muss. Letztendlich geht es auch um die Frage, wie ein Bauwerk sich in seine Umgebung einfügt.

Wir bauen banal

Können Sie das präzisieren!

Sonoda: Ich will es auf den Punkt bringen: Wieso bauen wir so banal? Wir haben den Sinn dafür verloren, aufwendig und schön zu bauen. Jedes Bauwerk sollte ein Statement sein. Es sollte so aussehen, als habe es schon immer an diesem Ort gestanden. Stattdessen spielen beim Bauen weniger die Ästhetik als der Profit eine Rolle.

Rekonstruktionen muss man nicht machen

Die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses steht vor dem Abschluss, in der Frankfurter Altstadt wurden gerade ganze Straßenzüge rekonstruiert. Ist das die Architektur der Zukunft?

Sonoda: Zunächst ist gute Architektur unabhängig vom Stil. Es spielt keine Rolle, ob es sich um ein Bauwerk der klassischen Moderne oder des Dekonstruktivismus handelt. Die Architektur muss stimmig sein. Rekonstruktionen wie in Frankfurt kann man machen, man muss es aber nicht. Wir leben im Jahr 2018 und wir sollten auch so bauen.

Nicht endlos weitere Neubaugebiete

Wir leben in einer wirtschaftlich starken, aber ländlich geprägten Region fernab der Metropolen. Die Mittelstädte wachsen, aber die Kleinstädte und Landgemeinden im Schwarzwald haben mit der Landflucht zu kämpfen.

Sonoda: In den Mittelstädten müssen die Architekten ihren Beitrag zur notwendigen Nachverdichtung leisten. Wir können im Sinne der Nachhaltigkeit nicht endlos weitere Neubaugebiete ausweisen. Wir müssen in den Städten Wohnraum schaffen und gleichzeitig den Charme und die Infrastruktur dieser Städte und ihre prägenden Bauwerke erhalten. Eine optimale Nachverdichtung sieht so aus, als wäre sie immer schon da gewesen.

Vernünftige Stadtentwicklungskonzepte

Und wie geht es mit den Landgemeinden im Schwarzwald weiter?

Sonoda: Die Tendenz, dass die Menschen aus den kleinen Gemeinden wegziehen, ist europaweit spürbar. Wir brauchen vernünftige Stadtentwicklungskonzepte, um dem entgegenzuwirken. Wichtig ist, dass auch Kleinstädte Arbeitsplätze binden.

Nachhaltigkeit in der Architektur

Bauen im Bestand wird immer wichtiger. In diesem Zusammenhang spielen energetische Sanierungen eine große Rolle. Die sind aber längst nicht immer gelungen oder sinnvoll.

Sonoda: Es geht darum, die Bestandsgebäude im Sinne der Nachhaltigkeit zu verbessern. Natürlich muss nicht zwanghaft jedes Haus energetisch saniert werden, wenn das der Ästhetik widerspricht. Dennoch wird gerade auch im Bausektor mehr Nachhaltigkeit erwartet. Das ist eine gesellschaftliche Frage. Wir werden bei Neubauten nicht umhinkommen, Häuser zu planen, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Wir müssen die Umweltbelastung senken.

Schnittmengen bei Baukultur

Sie waren Kreisvorsitzender des Bundes Deutscher Architekten (BDA). Wie stellen sie sich die Zusammenarbeit mit den Architektenverbänden vor?

Sonoda: Wir werden vor allem in Sachen Baukultur eng zusammenarbeiten. Da sind die Schnittmengen groß.

Keine Käseglocke für Weltkulturerbe

Ihre Heimatstadt Baden-Baden will gemeinsam mit anderen europäischen Kurstädten Weltkulturerbe werden. Wie sind die Perspektiven?

Sonoda: Es ist legitim, diesen Titel anzustreben. Aber das Weltkulturerbe darf nicht mit einer Käseglocke verbunden sein, die man über die Stadt stülpt. Auch in Zukunft müssen im Rahmen eines mehrstufigen Prozesses Veränderungen im Bestand möglich sein.

Der freiberufliche Architekt Nobuhiro Sonoda ist japanischer Staatsbürger und wurde am 2. Dezember 1960 in Berlin geboren. Bereits als Kind kam er mit seinen Eltern nach Baden-Baden, wo er aufwuchs. Er studierte von 1980 bis 1988 an der Universität Karlsruhe (heute KIT) Architektur und legte dort bei Prof. Jo Coenen, gleichzeitig Reichsbaumeister der Niederlande, die Diplomprüfung ab. Anschließend arbeitete Sonoda im Büro seines Lehrers in Eindhoven und Maastricht, bevor er sich 1994 in Karlsruhe selbstständig machte. Im Jahr 2000 verlegte Sonoda sein Büro nach Baden-Baden. Von 2000 bis 2004 war er Vorsitzender der Kreisgruppe Baden-Baden/Rastatt/Offenburg des Bundes Deutscher Architekten (BDA).