Das Mansarddach über dem ältesten Profangebäude Steinbachs ist verschwunden. Das barocke Wohnhaus Steinbacher Straße 49 wurde nach ungenehmigten Zerstörungen aus der Denkmalliste gestrichen. | Foto: Ulrich Coenen

In Baden-Baden

Nur noch Denkmal für Steuerabschreibung ?

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Die Hängepartie geht weiter. Im Sommer 2018 sorgte ein handfester Denkmalskandal in Steinbach für erheblichen Unmut bei den Fachbehörden und auch in der Öffentlichkeit. Das Landesamt für Denkmalpflege musste damals zwei denkmalgeschützte Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft des Rathauses im Baden-Badener Stadtteil Steinbach aus der Denkmalliste streichen (wir berichteten). Anlass waren nicht genehmigte Umbauten an den barocken Häusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert (Steinbacher Straße 49 und 53). Jetzt hat Sibylle Hurst, Pressereferentin der Stadt Baden-Baden, auf Anfrage dieser Zeitung per Email eine überraschende Mitteilung: „Nach heutigem Stand spricht vieles dafür, dass die Denkmaleigenschaft erhalten bleibt.“

Vandalismus am Denkmal

Das ist erstaunlich, denn die ungenehmigten Eingriffe an den beiden Baudenkmälern durch den Investor grenzen an Vandalismus. Konsequenterweise stellte Désirée Bodesheim, Pressereferentin des Regierungspräsidiums Stuttgart, zu dem das Landesamt für Denkmalpflege seit der letzten Reform gehört, im Juli 2018 gegenüber dieser Zeitung fest: „Die beiden betreffenden Objekte stellen mittlerweile keine Kulturdenkmale mehr dar. Dies wurde hervorgerufen durch die abweichend von den Abstimmungen beziehungsweise Auflagen der denkmalrechtlichen Genehmigung ausgeführten Maßnahmen, was zu einem sehr hohen Verlust an durchaus instandsetzungsfähiger historischer Substanz führte. Die erhaltene beziehungsweise einbezogene Originalsubstanz liegt leider unter 50 Prozent.“

Rechtliche Gründe

Oberkonservator Martin Wenz, der zuständige Gebietsreferent der Landesdenkmalpflege für Baden-Baden, erläuterte jetzt auf Anfrage dieser Zeitung, wie es weiter geht: „Aus rechtlichen Gründen werden beide Objekte in der Denkmalliste weitergeführt, bis die maximale steuerliche Abschreibungsfrist von zwölf Jahren erreicht ist. Die beiden Barockhäuser sind bis zu diesem Zeitpunkt lediglich noch Kulturdenkmäler aus rechtlichen Gründen. Ihr Denkmalwert ist untergegangen. Sie entsprechen nicht mehr den Anforderungen, die das baden-württembergische Denkmalschutzgesetz an ein Denkmal stellt.“

Große Zerstörungen

Die Zerstörungen, die im Auftrag des Investors innerhalb von nur wenigen Stunden vorgenommen wurden, waren gewaltig. Der Dachstuhl des Hauses 49 wurde abgerissen. Es handelt sich dabei um das einzige Mansarddach im Steinbacher Städtl. Auch im Inneren gab es große Eingriffe. Zwischendecken wurden nach BNN-Informationen entfernt. Nachdem seit 2010 bereits zwei Investoren an dem Projekt gescheitert waren, bemüht sich seit dem Spätjahr 2015 ein dritter um das hübsche Ensemble nordöstlich des Steinbacher Rathauses. Es besteht aus drei Altbauten, von denen zwei unter Denkmalschutz standen. Die Gebäude wurden in insgesamt zehn Wohnungen aufgeteilt und verkauft.

Steuerliche Vorteile

Käufer von Denkmälern können mit einer beachtlichen steuerlichen Förderung für die Sanierung ihrer Kulturdenkmälern rechnen. Die wäre natürlich mit dem Verlust der Denkmaleigenschaft passé. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung der Behörden, die Denkmaleigenschaft bis zum Ende der Abschreibungsfrist weiterzuführen, offensichtlich ein Kompromiss, um die Käufer zu schützen, die für den Vandalismus keine Verantwortung tragen. Für die meisten von ihnen steht und fällt die Finanzierung der Immobilien mit den in Aussicht gestellten Steuervorteilen.

Frühe Beispiele für Wiederaufbau

Martin Wenz ist angesichts des Wertes der beiden zerstörten Steinbacher Denkmäler sehr verärgert. „Für Mittelbaden, wo 1689 durch französische Truppen fast alles zerstört wurde, stellt das Steinbacher Städtl, in dem inklusive Stadtmauer noch alles vorhanden ist, eine Besonderheit dar“, sagte er. „Die beiden Barockhäuser gehören zu den ältesten erhaltenen in Steinbach und zu den frühesten Beispielen der Wiederaufbauphase nach dem Krieg im späten 17. Jahrhundert.“  Dass die beiden Häuser nun wieder hergestellt werden, begrüßte Wenz. „Mit Denkmalpflege hat das allerdings leider nichts mehr zu tun“, bedauerte er. „Es geht nur noch um die Ensemblewirkung des Städtls, also um eine Stadtbildpflege.“

Knappe Auskunft der Stadt Baden-Baden

Aus Sicht der Stadt Baden-Baden ist alles unprobelmatisch. Martin Zordick, stellvertretender Fachgebietsleiter Bauordnung, teilt per Mail mit: „Der Fortbestand der Denkmaleigenschaft der Gebäude Steinbacher Straße 49 und 53 konnte durch die untere Denkmalschutzbehörde – in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt – bestätigt werden. Ein Dissens lag nicht vor. Die Baugenehmigung mit entsprechenden denkmalschutzrechtlichen Auflagen wurde am 10. Januar erteilt. Die Bauarbeiten können fortgesetzt werden. Über den weiteren Baufortschritt liegen uns aktuell keine Informationen vor.“