Der Innenraum der Pfarrkirche in Altschweier wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter der Leitung von Johannes Schroth ausgemalt. Der Sakralbau erhielt auch eine neue Ausstattung. Ausmalung und große Teile der Ausstattung fielen einer Modernisierung 1963 zum Opfer. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

BNN-Serie zur Baugeschichte

Pfarrkirche Altschweier wird 150 Jahre alt

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Die Pfarrkirche St. Gallus im Bühler Stadtteil Altschweier wird 150 Jahre alt. Sie ist das letzte Werk des großen badischen Baudirektors Heinrich Hübsch, der die Architektur des Großherzogtums in der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hat. Aus diesem Anlass stellen die BNN in einer sechsteiligen Serie die Kirche und den Architekten vor. Die erste Folge ist am 16. September erschienen.  

Folge 1: „Eigenwillig und sinnlich“

„In welchem Style sollen wir bauen?“ Diese Frage stellte Heinrich Hübsch 1828 im Titel seines gleichnamigen Buches. Dass dieser Stil nicht der Klassizismus seines zwei Jahre zuvor verstorbenen Lehrers Friedrich Weinbrenner sein sollte, war für den erst 33-jährigen Architekten klar. In seinem kleinen und doch bedeutenden architekturtheoretischen Frühwerk spricht Hübsch ein Problem an, das im Laufe des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus bis zum 1. Weltkrieg immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Nach dem Ende des nun als karg empfundenen Klassizismus um 1840 rezipierte die Architektur alle früheren Stile von Romanik, über Gotik und Renaissance bis zum Barock und selbst der Klassizismus kam als Neoklassizismus im frühen 20. Jahrhundert wieder zu Ehren.

Bauwerke von Hübsch sind originell

Dabei wurden die historischen Stile zum Teil allerdings keineswegs verbindlich bestimmten Bauaufgaben zugeordnet, beispielsweise Neoromanik und Neogotik dem Sakralbau. Das Buch von Hübsch darf keinesfalls als Grundlage für die spätere Stilvielfalt missverstanden werden. Sie war nicht sein Ziel.
Der badische Baudirektor Heinrich Hübsch steht aber als Architekt und Architekturtheoretiker am Anfang einer Entwicklung, die um 1830 begann. Seine zahlreichen Bauwerke, die vor allem im Großherzogtum Baden entstanden sind, unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Originalität deutlich von den späteren Bauwerken des Historismus, die gerne als eklektizistisch bezeichnet werden, weil sie die Formen früherer Epochen lediglich neu komponieren.

Architekt als Revolutionär

In gewisser Weise war Heinrich Hübsch ein Revolutionär, der erheblich zur Überwindung des Klassizismus beigetragen hat. Die Kunsthistorikern Silke Walther hat in ihrer 2004 von der Universität Stuttgart angenommenen Dissertation gezeigt, wie Hübsch zwischen 1825 und 1847 „Schritt für Schritt ein neues Stilkonzept entwickelt hat, wobei er den Stil aus dem Material, der Konstruktion und anderen, äußerlichen Faktoren wie religiösen oder kulturellen Werten entwickeln wollte“.

„Unwiederholbare Solitäre“

Ulrich Maximilian Schumann, Privatdozent für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie und Präsident der Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft, charakterisiert in seinem 2013 anlässlich des 150. Todesjahres erschienen Buch über Heinrich Hübsch dessen Gebäude als „unwiederholbare Solitäre“, sie seien „eigenwillig, farbig, materialbetont, sinnlich.“

„Antike ist unzulänglich“

Wie sieht Heinrich Hübsch das selbst: „Meine erste Überzeugung, dass die antike Architektur auch bei der freiesten Behandlung für unsere heutigen Gebäude unzulänglich sei, und denselben als Kunstwerken den organischen Zusammenhang ihrer Teile benehme, fällt schon in das Jahr 1815, wo ich mich auf dem Atelier Weinbrenners befand“, schreibt er 1838 in der Einleitung zu seinem Buch „Bauwerke“. „Aber ich war natürlich damals noch zu unreif, um etwas anderes an die Stelle des Bisherigen setzen zu können.“

Im Schatten Weinbrenners

Die Pfarrkirche St. Gallus in Altschweier, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird, ist das letzte Werk von Heinrich Hübsch. Der Sakralbau wurde erst mehr als zwei Monate nach seinem Tod begonnen und steht damit am Ende einer Entwicklung, die die Architektur des 19. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst hat, gleichzeitig aber in der bauhistorischen Forschung nicht die Beachtung gefunden, die Hübschs großem Vorgänger Friedrich Weinbrenner zu Teil wurde.

Die Trinkhalle in Baden-Baden von Heinrich Hübsch zählt ohne jeden Zweifeln zu den schönsten Beispielen für diesen im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Bautyp. | Foto: Ulrich Coenen

Arthur Valdenaire legte Grundlagen

Arthur Valdenaire, der 1914 an der Technischen Hochschule Karlsruhe (heute KIT) ausgerechnet über Weinbrenner promovierte, veröffentlichte 1926 die erste Biografie über Hübsch. 1974 nahm die Universität Karlsruhe eine Dissertation über Heinrich Hübsch aus der Feder von Joachim Göricke an. An der ursprünglich Polytechnische Schule genannten Einrichtung war Hübsch übrigens von 1832 bis 1854 Leiter und Professor der Bauschule, also der heutigen Fakultät für Architektur.

„In welchem Style sollen wir bauen?“

Anlässlich des 120. Todestages von Hübsch veranstalteten das Stadtarchiv Karlsruhe und das Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe 1983 im Prinz-Max-Palais eine Ausstellung, zu der ein umfangreicher Katalog erschienen ist. Die wichtigste Publikation ist aber die bereits erwähnte, mit 820 Seiten sehr umfangreiche Dissertation „In welchem Style sollen wir bauen?“ von Silke Walther, die bislang nur im Internet veröffentlicht ist.

Schumann eröffnet neuen Blick

Zuletzt wies mit Ulrich Maximilian Schumann, der sich über Weinbrenner habilitiert hat, erneut ein ausgewiesener Weinbrenner-Experte in seinem oben erwähnten Buch auf bislang unbeachtete wesentliche Aspekte im Werk von Heinrich Hübsch hin. Aus dem Schatten seines Lehrers zu treten, ist für Hübsch offensichtlich in jeder Hinsicht schwierig.

Der linke Teil des Hauptgebäudes der Karlsruher Universität stammt von Heinrich Hübsch, erweitert wurde es ab 1861 durch Friedrich Theodor Fischer. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 2: Architektur-Rebell macht in Baden Karriere

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder gegen ihre Eltern und Schüler gegen ihre Lehrer rebellieren. Heinrich Hübsch wollte anders bauen als die Klassizisten, die sich am Vorbild der Antike orientierten. Der wichtigste Vertreter dieser Epoche im Land Baden war Friedrich Weinbrenner. Ausgerechnet an der von ihm gegründeten Bauschule (heute KIT) studierte Hübsch von 1815 bis 1820 Architektur.

Ungewöhnlicher Lebenslauf

Dabei ist der Lebenslauf von Hübsch nicht typisch für Architekten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er begann zunächst eine akademische Ausbildung, bevor er zur Architektur wechselte. Sein Werdegang wird hier in enger Anlehnung an die Hübsch-Biografie von Arthur Valdenaire nacherzählt. Der Sohn des fürstlich Thurn- und Taxischen Postverwalters Karl Samuel Hübsch und seiner Frau Sophie Friederike Pagenstecher wurde am 9. Februar 1795 in Weinheim an der Bergstraße geboren. Karl Samuel Hübsch, der an der Universität Marburg studiert hatte, war ein angesehener Mann und Besitzer des Reichspostmeisteramtes in Weinheim. Der älteste Sohn Heinrich erhielt eine gute Ausbildung. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Darmstadt begann Heinrich Hübsch 1813 an der Universität Heidelberg das Studium der Philosophie und Mathematik.

Von der Uni zur Bauschule

Doch die wissenschaftliche Ausbildung gefiel dem Studenten nicht. Unter anderem beeinflusst durch Goethe, der nach einem Besuch des Straßburger Münsters bereits 1873 in seinem Aufsatz „Von altdeutscher Baukunst“ die Schönheit der Gotik entdeckt hatte, wuchs seine Begeisterung für diesen mittelalterlichen Baustil. Hübsch wechselte an die von Weinbrenner gegründete Karlsruher Bauschule, wo er aber zunächst eigene künstlerische Ambitionen zurückstellen und sich dem in seinen Augen langwierigen und nutzlosen Studium der antiken Formensprache widmen musste.

Reise nach Italien

Wichtige Impulse erhielt Hübsch durch seine Italienreise 1817. Italien war schon für die Generation Weinbrenners das wichtigste Ziel gewesen. Eine Anstellung in der staatlichen Bauverwaltung war ohne dies nicht zu erreichen. Das geistige Klima in Rom hatte sich, wie Valdenaire feststellt, seit dem späten 18. Jahrhundert aber verändert. Die kritiklose Begeisterung für die antiken Baudenkmäler war in der deutschen Künstlerkolonie in Rom einem pluralistischen Kunstverständnis gewichen. Hübsch interessierte sich in Italien für die frühchristlichen Kirchenbauten und die Gotik in Nord- und Mittelitalien.

Keine geeignete Stelle

1821 kehrte Hübsch nach Karlsruhe zurück und legte ein Jahr später bei Weinbrenner die Staatsprüfung ab. Eine geeignete Stelle für den Berufsanfänger gab es aber nicht. Freie Architekten, die für Bauherren gegen Honorar Häuser planten, setzen sich erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam durch. Alle wichtigen Projekte wurden zuvor von fürstlichen Baubeamten realisiert. Nachdem Hübsch bereits 1819 Athen und Konstantinopel besucht hatte, kehrte er, weil Perspektiven für eine Anstellung fehlten, für weitere Studien nach Italien zurück. Schließlich erhielt er 1824 auf Vermittlung des Historikers Böhmer eine Stelle als Lehrer an der Gewerbeschule des neuen Städelschen Instituts in Frankfurt, wechselte aber bereits 1827 in den badischen Staatsdienst. Einen Ruf als Architekturprofessor an die Akademie der bildenden Künste in Dresden lehnte er im Sommer 1826 ab.

Erste große Projekte

Wenige Wochen zuvor war in Karlsruhe Friedrich Weinbrenner gestorben. Hübsch wollte nun in seiner badischen Heimat Karriere machen. Die Chancen standen gut. Inzwischen hatte er die evangelische Kirche in Wuppertal-Barmen und das Waisenhaus in Frankfurt entworfen. In Karlsruhe lief zunächst aber nicht alles wunschgemäß. Nach Forschungsergebnissen von Silke Walther war Hübsch als Bezirksbaumeister nur für Instandsetzungen und die Prüfung baubehördlicher Vorschriften zuständig. Erst im Herbst 1829 wurde er zum Baurat befördert und durfte eigene Ideen realisieren.

Leiter der Bauschule in Karlsruhe

1832 wurde Hübsch die Leitung der Karlsruher Bauschule übertragen, wo er bis 1854 lehrte. Für eine Würdigung seines künstlerischen und architekturtheoretischen Schaffens fehlt hier der Raum, allerdings sollen einige seiner bedeutendsten Bauwerke zumindest genannt werden: Hauptgebäude der Polytechnischen Schule, heute KIT (1832-1836), Kunsthalle (1837-1846) und Bauten im Botanischen Garten (1853-1858) in Karlsruhe, Trinkhalle in Baden-Baden (1837-1840) und Westbau des Speyrer Domes (1848-1853).

Die Pfarrkirche St. Gallus im Bühler Stadtteil Altschweier ist das letzte Werk des badischen Baudirektors Heinrich Hübsch. Mit den Bauarbeiten wurde erst nach dem Tod des Architekten begonnen. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 3: „Die höchste Aufgabe des Architekten“

Speziell die Sakralarchitektur von Heinrich Hübsch hat Joachim Göricke in seiner in dieser Serie bereits erwähnten Dissertation beschrieben. Der Bauhistoriker charakterisiert den badischen Baudirektor, der neben dem Klassizismus seines Lehrers Weinbrenner auch die ihm in ihrer Struktur unklare Gotik ablehnte, folgendermaßen: „Der Romantiker beeindruckte das religiöse Zeitempfinden, die weltfremde Hinneigung zu vergangenen Zeiten größerer Glaubenstiefe. In seiner Kirchenbautätigkeit sah er einen Gottes-Dienst, der frei zu sein hatte von aller Selbstdarstellung.“

Werk in drei Perioden

Göricke gliedert das Werk von Hübsch in drei Perioden. Das Spätwerk beginnt 1850, als er zum Katholizismus konvertierte. „Die durch das Studium der altchristlichen Kirchen bis hin zur Frührenaissance gewonnen Erkenntnisse hinsichtlich einer anspruchsvollen Dekoration des Kirchenraumes verwendete er erstmalig bei der Gestaltung der Fassade des Speyerer Domes (1848-1853) in praktische Form“, stellt Göricke fest.

Begeisterung für Dorfkirchen

Dass Hübsch ein gläubiger Christ war, bestätigt er in seinen architekturtheoretischen Veröffentlichungen ausdrücklich. „Ich – meines Theils – sehe aber den Kirchenbau so unbedingt für die höchste Aufgabe des Architecten an, daß mir der Entwurf zu der geringsten Dorfkirche mehr Freude macht, als derjenige zu dem noch so großen Hause eins luxuriösen Privat-Mannes“, schreibt er 1838 in seinem Buch „Bauwerke“.
Es ist unmöglich, in dieser Serie alle Sakralbauten von Heinrich Hübsch vorzustellen. Der Fokus liegt auf der „Jubiläumskirche“ in Altschweier, neben der katholischen Pfarrkirche St. Michael in Bühlertal eines der beiden Spätwerke, die erst nach seinem Tod 1863 vollendet wurden. Ein drittes etwas jüngeres Spätwerk steht im Stadtgebiet Baden-Baden. Es ist die katholische Pfarrkirche St. Dionysius (Oos).

Innenansicht der Pfarrkirche St. Michael in Bühlertal | Foto: Ulrich Coenen

St. Michael in Bühlertal

St. Michael im Bühlertäler Untertal, errichtet 1862 und 1863, ist die größte und repräsentativste dieser Kirchen. Die dreischiffige Basilika aus roten und gelben Sandsteinen erinnert in ihrer Musterung an das fast gleichzeitig errichtete Gotteshaus in Altschweier. Sie besitzt ein niedrigeres Chorhaus mit Apsis (halbkreisförmiger Abschluss) und einen viergeschossigen Glockenturm an der Nordseite. Das Langhaus ist flachgedeckt; seine rundbogigen Arkaden ruhen auf achtseitigen Pfeilern. Die von einem flachen Dreiecksgiebel bekrönte zweigeschossige Westfassade wird durch vier Lisenen (Wandvorlagen) in drei Felder geteilt. Im Erdgeschoss eines jeden dieser Felder befindet sich ein rundbogiges Portal, wobei das säulengerahmte Mittelportal größer ist als die Seiteneingänge. In dem durch ein kräftiges Gesims abgesetzten Obergeschoss entspricht dem Mittelportal ein Radfenster mit vier Speichen. Auch der Giebel ist durch Lisenen dreigeteilt, im mittleren Feld befindet sich ein Relief aus Terrakotta des Freiburger Bildhauers Eckert mit der Kreuzigung Christi.

Campanile steht frei neben der Kirche

Die Hübsch-Biografin Silke Walther weist in ihrer Dissertation darauf hin, dass der badische Baudirektor vergleichbare Basiliken mit Pfeilerarkaden und Seitenturm geplant hat. Das Bühlertäler Konzept findet sich mit geringfügigen Abweichungen auch in Bad-Säckingen-Obersäckingen, Baden-Oos und Bruchsal-Untergrombach, allerdings wurde der Campanile (frei stehende Seitenturm) wegen des Widerspruchs der Bürger in Oos nicht realisiert.

Unterschiede zu Weinbrenner

Walther verdeutlicht auch die Unterschiede zwischen den Kirchen Weinbrenners, beispielsweise in Lichtenau-Scherzheim, und den späten Sakralbauten von Heinrich Hübsch. „Wie die polychrome Steinsichtigkeit die monochrome Blässe des Klassizismus verdrängt hatte, so wich seit den Anlagen im Botanischen Garten in Karlsruhe (1852-1857) auch im Sakralbau der strenge Grundsatz der Axialsymmetrie zugunsten einer aufgelockerten Gruppierung der Bauglieder.“, schreibt sie. „Das wiederholte Studium des italienischen Kirchenbaus zwischen Romanik und Quattrocento (italienische Frührenaissance) bewirkte ein Interesse an einer mannigfaltigen Gruppierung und führte bei den größeren Kirchen zu seitlichen Turmstellungen.“ Im Jahr der ersten Lieferung seines Buches „Altchristliche Kirchen nach den Baudenkmalen“ (1858) habe Hübsch die Rezeption italienischer Glockentürme in einer Entwurfserläuterung analog mit historischen und ästhetischen Argumenten begründet. St. Michael in Bühlertal, 1860 von Hübsch entworfen, sei ein typisches Beispiel für die Basiliken mit Seitenturm. Walther verweist auf das Buch „Altchristliche Kirchen“. In diesem Buch befinden sich seitenverkehrte Pläne, die mit dem Sakralbau in Bühlertal übereinstimmen.

Schumann lobt städtebauliche Einordnung

Ulrich Maximilian Schumann lobt in seinem bereits erwähnten Buch über Heinrich Hübsch die städtebauliche Einbindung der Bühlertäler Kirche. Sie sei geschickt in den Abzweig zwischen Haupt- und Schulstraße gelegt. „Auch die Fassaden sind, obwohl einfach und flächig, auf Fernwirkung angelegt, insbesondere durch die Beschränkung auf wenige große Elemente und das auffällige Farbenspiel des Materials“, sagt er im Hinblick auf die grauen und roten Sandsteinquader.

Malerische Gruppierung

Der Architekt selbst betont in den Bauakten des Generallandesarchivs Karlsruhe ausdrücklich die „malerische Gruppierung“, die nach seinen Ausführungen bei Landkirchen dem Geschmack der Zeit entspricht und einer streng symmetrischen Anlage (wie sie im Klassizismus üblich war) vorgezogen wird. Von der ursprünglichen Ausstattung der Kirche ist nach mehreren Umbauten leider nichts erhalten.

Die Pfarrkirche St. Michael in Bühlertal ist eine Spätwerk von Heinrich Hübsch. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 4: „Kirchenbau ist im Verfall“

Die katholische Pfarrkirche St. Dionysius wurde in den Jahren 1864 und 1865 in Oos erbaut. Sie ist ein weiteres sakrales Spätwerk von Heinrich Hübsch in Mittelbaden. Wie der bereits vorgestellten Sakralbau in Bühlertal ist sie typisch für die Kirchen, die der badische Baudirektor in seinen letzten Lebensjahren geschaffen hat. Auch St. Dionysius wurde erst nach seinem Tod begonnen und durch seinen Schüler Lukas Engesser ausgeführt.

Betrachtungen über Landkirchen

Das 1838 erschienene Buch „Bauwerke“ von Heinrich Hübsch, das in dieser Serie bereits erwähnt wurde, enthält ein Kapitel mit „Betrachtungen über Landkirchen“. Das verdeutlicht sein Interesse an dieser Bauaufgabe. Hübsch schreibt: „Es regt mich sehr schmerzlich an, dass unser Kirchenbau namentlich auf dem Lande in einen solchen Verfall geraten ist. Unsere Dorfkirchen gleichen wahrhaftig eher Notbehältern als Gotteshäusern. Unförmliche Scheunen-Dächer auf niedrigen Mauern, unverhältnismäßig, große lange Treibhaus-Fenster; im Inneren kahle Wände und leere glatte Decken, welche im Verhältnis ihrer großen Ausdehnung zu nahe auf dem Auge liegen und den Eindruck einer Reitschule machen.“

Die Pfarrkirche in Oos | Foto: Ulrich Coenen

Keine religiösen Ideale

Als Ursache dieser Mängel kritisiert Hübsch eine rationalistische Zeit, die keine religiösen Ideale kennt und für eine würdige Ausführung von Sakralbauten weder Sinn noch Geld hat. Vorbildlich erscheinen dem Architekten die frühchristlichen Basiliken, die er in Rom kennenlernte und die er 1862 in seinem umfangreichen Buch „Die altchristlichen Kirchen nach den Baudenkmalen und älteren Beschreibungen und der Einfluß des altchristlichen Baustils auf den Kirchenbau aller späteren Perioden“ vorstellte. „Die von Hübsch ermittelten Grundmodelle im Kirchenbau sollten zweifellos den lokalen Wildwuchs der zünftigen Handwerkertraditionen in der Provinz begradigen“, vermutet Silke Walther in ihrer Dissertation über Hübsch.
Die Ooser Pfarrkirche prägt das Dorf. „Weil die Ooser Kirchstraße vor dem Gebäude, dem sie ihren Namen verdankt, in rechtem Winkel abknickt, läuft sie aus zwei Richtung auf St. Dionys zu“, stellt Ulrich Maximilian Schumann in seinem Buch über Heinrich Hübsch fest. „Beide Seiten erscheinen gleichberechtigt und haben ihren jeweils eigenen Charakter.“

Fertigstellung in Oos durch Lukas Engesser

Die dreischiffige Basilika in Oos aus rotem Sandstein mit Fassadenturm, der sich über mächtigem Unterbau erhebt, wurde nach Plänen des badischen Baudirektors ein Jahr nach dessen Tod als Ersatz für einen spätgotischen Vorgängerbau begonnen. Lukas Engesser, der ausführende Architekt in Oos, veränderte aber den Plan seines Lehrers.

Originalentwürfe nicht erhalten

Die Originalentwürfe von Hübsch sind, wie Schumann berichtet, nicht erhalten. Ursprünglich sollte nach Ausführungen von Silke Walther die Kirche im Hinblick auf den Turm dem Vorbild von Bühlertal folgen, doch die Ooser wünschten sich (wie bereits in Folge 3 erwähnt) eine konventionelle Lösung mit einem Fassadenturm wie beispielsweise in Altschweier.

Kein frei stehender Turm

Engesser ersetzte deshalb den Campanile, den frei stehenden Turm nach italienischem Vorbild, durch einen Fassadenturm und wölbte außerdem das Schiff mit Tonnen nach romanischem Vorbild. Nach Forschungsergebnissen von Ulrich Maximilian Schumann hatte Hübsch bis zu seinem Tod die Form der Wölbung noch nicht eindeutig festgelegt. Engesser habe sich deshalb am Vorbild der Kirche St. Cyriak in Karlsruhe-Bulach orientiert, die Hübsch drei Jahrzehnte zuvor realisiert hatte.

Mehrfarbigkeit ist typisch

Das Mittelschiff in Oos ist mit vier Tonnengewölben, die auf schlanken Pfeilern ruhen, gedeckt. Im Seitenschiff erheben sich die Tonnengewölbe über nach innen gezogenen Strebepfeilern. Die Wölbung der Apsis (Chor) und des Vorchorjochs besitzt kräftige Gurtbögen. Die Ausmalung des Innenraums, der 1976 restauriert wurde, akzentuiert die Wandvorlagen und die Gurtbögen. Typisch für die Bauwerke von Heinrich Hübsch ist die Mehrfarbigkeit des Außenbaus. In Oos besteht er aus rotem Sandstein mit Gliederungselementen aus gelbem Sandstein.

 

Die Pfarrkirche in Altschweier | Foto: Ulrich Coenen

Folge 5: Fernwirkung dank der malerischen Lage

Die Kirche St. Gallus in Altschweier steht am Ende eines langen Architektenlebens mit einem umfangreichen Werk. Sie ist der letzte Sakralbau von Heinrich Hübsch. Der Grundstein wurde am 16. Juni 1863 gelegt, also mehr als zwei Monate nach dem Tod des Baudirektors. Die Weihe war am 20. September 1868. Den Auftrag erhielt Hübsch bereits 1861.

Bewegte Topografie

Die besondere Lage des Bauwerks und seine Einbettung in die Landschaft charakterisiert Ulrich Maximilian Schumann in seinem Buch über Hübsch sehr treffend: „Die Fernwirkung der Galluskirche in Altschweier entsteht bereits aus ihrer malerischen Lage, in der sich die bewegte Topografie des heutigen Stadtteils von Bühl verdichtet, der Übergang von der Rheinebene zum Schwarzwald und von Obstwiesen zu Weinhängen.“ Das ist kein Zufall. Schumann weist darauf hin, dass auch andere Bauplätze im Gespräch waren. „Zur markanten Erscheinung trägt nicht wenig der Turm bei, der etwas größer ausgefallen ist, als es der Baukörper verlangt hätte“, konstatiert Schumann. „Offensichtlich haben allerletzte Planänderungen den Eindruck noch verstärkt.“

Ursprünglich andere Pläne

Nach Vorstellungen von Hübsch sollte die Altschweierer Kirche ursprünglich ein anderes Erscheinungsbild erhalten. Der schließlich realisierte Zustand lässt sich folgendermaßen beschreiben. St. Gallus ist eine einschiffige Wandpfeilerkirche. Die Pfeiler, die die Gewölbe tragen, treten also im Innenraum vor die Wand. Der Sakralbau besitzt an seiner Eingangsseite einen kräftigen viergeschossigen Turm. Dessen Pedant ist an der gegenüberliegenden Schmalseite des Schiffs eine Apsis (halbrunder Chor). Die Eingangsseite des aus roten und grauen Sandsteinquadern errichteten Gotteshauses ist als Turmfassade ausgebildet. Im Erdgeschoss des Turmes befindet sich ein rundbogiges von zwei Säulen flankiertes Portal; über der von Lisenen (Wandvorlagen) gerahmten Fassade erwachsen die beiden oberen Turmgeschosse. Der Innenraum erstreckt sich über fünf Joche (Gewölbefelder) mit spitzbogigen Tonnengewölben.

Reifer Abschluss

Silke Walther urteilt in ihrer Dissertation, dass das Schema der schlichten Saalkirche mit Giebelturmfassade aus den Anfangsjahren von Heinrich Hübsch in Altschweier zum reifen Abschluss entwickelt sei. Die ursprüngliche Konzeption gehe auf die Planung von 1861 zurück und sei anhand von erhaltenen Lithografien im Generallandesarchiv Karlsruhe nachvollziehbar.

Einsturz während Bauarbeiten

Nach Forschungsergebnissen von Walther führte während der Ausführung der Kirche unter der Leitung Michael Armbrusters, eines Schülers von Hübsch, ein Teileinsturz des Langhauses 1864 zur Modifizierung des ursprünglichen Plans. Eigentlich sollte der Sakralbau in Altschweier eine Holzbalkendecke mit seitlichen Abschrägungen erhalten, wie Hübsch sie 1861/62 in der Kirche in Kronau verwirklicht hatte.

Schüler setzt Arbeit fort

Friedrich Feederle, ein anderer Hübsch-Schüler, entschloss sich nach dem Unfall während der Bauarbeiten zur Überwölbung nach Art der Bulacher Kirche, die Hübsch in den 1830er Jahren realisiert hatte. Das Langhaus in Altschweier wurde verkürzt, die schmalen Lisenen als kräftige Strebepfeiler ausgebildet, die den Gewölbeschub aufnehmen sollten.

Vorbild in Kronau

„In Altschweier nie ausgeführt, lässt sich diese Decke heute bei der Kronauer Laurentiuskirche gut studieren“, schreibt Walther. „Das mittlere Deckenfeld besteht dort aus 13 rechteckigen, flachen Kassetten und zwei schrägen Seitenflächen mit nur vier solcher Felder. Balken und teilweise auch die Felder wurden mit Ornamentmalerei verziert.“

Die Pfarrkirche St. Gallus erhebt sich am Übergang der Rheinebene in den Schwarzwald, der im frühen 20. Jahrhundert, als dieses Foto entstand, noch stärker von Obstwiesen geprägt war als heute. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Folge 6: Abschluss der künstlerischen Entwicklung

1863 hat Heinrich Hübsch sein letztes großes und in dieser Serie bereits erwähntes architekturtheoretisches Werk veröffentlicht. Es trägt den Titel „Die altchristlichen Kirchen nach den Baudenkmalen und älteren Beschreibungen und der Einfluss des altchristlichen Baustyls auf den Kirchenbau aller späteren Perioden“. Dass der Baudirektor gegen Ende seines Lebens den Sakralbau in den Mittelpunkt seiner theoretischen Betrachtungen stellt, zeigt dessen wachsende Bedeutung in seinem Spätwerk.

Italienische Türme

Silke Walther konstatiert in ihrer Dissertation über Hübsch: „Die übrigen, in den ,Altchristlichen Kirchen’ publizierten Bauten lassen sich zwei Gruppen zuordnen, die auch im späten Gesamtwerk dominant blieben: die schlichte Saalkirche und die dreischiffige, flachgedeckte oder gewölbte Basilika.“ Je nach Finanzlage der Gemeinde seien diese, so Walther, mit der herkömmlichen Giebelturmfassade oder italienisierendem Glockenturm (also Seitenturm) geplant worden. Für beide Typen stehen die in dieser Serie vorgestellten mittelbadischen Beispiele in Oos und Altschweier beziehungsweise in Bühlertal.

Farbiges Mauerwerk

„Der schlichte Grundriß ohne Querschiff mit nur einer Apsis (halbrunder Chor) blieb die Regel, doch trotz dieser Kontinuität glich keine Kirche der anderen“, stellt Walther fest. „Ein durchgängiges Charakteristikum seiner späten Kirchenbauten ist eine gesteigerte Polychromie der Mauerwerke, wie sie schon bei der Orangerie in Karlsruhe vorkam.“

Pfarrkirche Altschweier um 1970 | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Formen frei entwickelt

Die klassischen Gesetze Weinbrenners sind nach dem Urteil seines Biografen Arthur Valdenaire im Spätwerk längst dem eigenen Stilwillen des Architekten gewichen, während er sich trotz seiner strikten Ablehnung des Klassizismus in seinen frühen Bauten formal am Vorbild des Lehrers orientierte. In Altschweier und Bühlertal sei der relative Maßstab der Antike für die Proportionierung der Wand nicht mehr maßgebend. Die vertikale Tendenz des Klassizismus wird nach dem Urteil Valdenairs durch eine horizontale Gliederung der Wände ersetzt, die Wand wird in Geschosse aufgeteilt. Hübsch suche seine Formenelemente entweder in der Spätantike, dem Frühmittelalter und in der Renaissance oder entwickelt sie frei aus der Konstruktion. Weil Material und Konstruktion für Hübsch wichtig sind, werden die Kirchen nicht verputzt. Die konstruktiven Elemente der beiden Gotteshäuser bleiben für den Betrachter, wie es Hübsch in seinem Buch „In welchem Style sollen wir bauen?“ gefordert hat, sichtbar.

Weinbrenner umgebildet

Die Kirchen in Oos, Altschweier und Bühlertal dokumentieren das Ende der künstlerischen Entwicklung des Heinrich Hübsch, der – wie sein Biograf Arthur Valdenaire feststellt – den Typus der Weinbrennerkirchen zunächst nur formal umbildete und dann neuartige Verhältnisse des Raumes und vor allem neue Konstruktionen anstrebte. Nach seiner anfänglichen Begeisterung als Student für die Gotik schöpfte Hübsch seine Formenelemente später aus frühchristlicher Zeit und Renaissance, wobei er bei der Gestaltung der Sakralbauten nicht ausschließlich von künstlerischen Motiven geleitet wurde.

Gemeinsamer Gaube

Schon während seiner ersten Romreise fühlte sich der Protestant Hübsch unter Einwirkung der Nazarener stark zur katholischen Kirche hingezogen, 1850 konvertierte er (wie bereits in dieser Serie berichtet) schließlich. Hübsch träumte – so Valdenaire – von einer alles umfassenden christlichen Architektur, von einer Wiederkehr der Zeit, in der ein gemeinsamer Glaube an Gott den Zusammenhalt der Gesellschaft garantierte.

Viele Umplanungen

Ulrich Maximilian Schumann hat sich in seinem in dieser Serie bereits mehrfach erwähnten Führer zu den Bauten von Heinrich Hübsch mit der Altschweierer Kirche beschäftigt. Er berichtet über eine „ereignis- und hindernisreiche Geschichte“. Der Innenraum, wie er sich heute darstellt, wird durch die einschneidende Umplanung geprägt.

Schroths Ausstattung nicht erhalten

Die Erstausstattung war schlicht mit ornamentalen Wandmalereien. 1904 kam es unter der Leitung von Johannes Schroth, dem Leiter des erzbischöflichen Bauamtes in Karlsruhe, zu einer Neugestaltung. Die neuromanische Ausmalung und Ausstattung des frühen 20. Jahrhunderts fiel schließlich einer Modernisierung 1963 zum Opfer. Wie beim Bildersturm der Nachkriegszeit üblich, wurden die Innenausstattung entfernt und die Wände übertüncht. Bei der bislang letzten Sanierung 1994 bis 1996, die die Bausubstanz sicherte, erhielt der Innenraum eine Farbgebung nach Vorstellungen der Mitte des 19. Jahrhunderts.