Die Trinkhalle in Baden-Baden von Heinrich Hübsch zählt ohne jeden Zweifeln zu den schönsten Beispielen für diesen im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Bautyp. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie zur Baugeschichte

Pfarrkirche Altschweier wird 150 Jahre alt

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Die Pfarrkirche St. Gallus im Bühler Stadtteil Altschweier wird 150 Jahre alt. Sie ist das letzte Werk des großen badischen Baudirektors Heinrich Hübsch, der die Architektur des Großherzogtums in der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hat. Aus diesem Anlass stellen die BNN in einer Serie die Kirche und den Architekten vor. Die erste Folge ist am 16. September erschienen. Wer  Teil 1 bereits gelesen hat, rollte den Text bitte bis Folge 2 ab. 

Folge 1: „Eigenwillig und sinnlich“

„In welchem Style sollen wir bauen?“ Diese Frage stellte Heinrich Hübsch 1828 im Titel seines gleichnamigen Buches. Dass dieser Stil nicht der Klassizismus seines zwei Jahre zuvor verstorbenen Lehrers Friedrich Weinbrenner sein sollte, war für den erst 33-jährigen Architekten klar. In seinem kleinen und doch bedeutenden architekturtheoretischen Frühwerk spricht Hübsch ein Problem an, das im Laufe des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus bis zum 1. Weltkrieg immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Nach dem Ende des nun als karg empfundenen Klassizismus um 1840 rezipierte die Architektur alle früheren Stile von Romanik, über Gotik und Renaissance bis zum Barock und selbst der Klassizismus kam als Neoklassizismus im frühen 20. Jahrhundert wieder zu Ehren.

Bauwerke von Hübsch sind originell

Dabei wurden die historischen Stile zum Teil allerdings keineswegs verbindlich bestimmten Bauaufgaben zugeordnet, beispielsweise Neoromanik und Neogotik dem Sakralbau. Das Buch von Hübsch darf keinesfalls als Grundlage für die spätere Stilvielfalt missverstanden werden. Sie war nicht sein Ziel.
Der badische Baudirektor Heinrich Hübsch steht aber als Architekt und Architekturtheoretiker am Anfang einer Entwicklung, die um 1830 begann. Seine zahlreichen Bauwerke, die vor allem im Großherzogtum Baden entstanden sind, unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Originalität deutlich von den späteren Bauwerken des Historismus, die gerne als eklektizistisch bezeichnet werden, weil sie die Formen früherer Epochen lediglich neu komponieren.

Architekt als Revolutionär

In gewisser Weise war Heinrich Hübsch ein Revolutionär, der erheblich zur Überwindung des Klassizismus beigetragen hat. Die Kunsthistorikern Silke Walther hat in ihrer 2004 von der Universität Stuttgart angenommenen Dissertation gezeigt, wie Hübsch zwischen 1825 und 1847 „Schritt für Schritt ein neues Stilkonzept entwickelt hat, wobei er den Stil aus dem Material, der Konstruktion und anderen, äußerlichen Faktoren wie religiösen oder kulturellen Werten entwickeln wollte“.

„Unwiederholbare Solitäre“

Ulrich Maximilian Schumann, Privatdozent für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie und Präsident der Friedrich-Weinbrenner-Gesellschaft, charakterisiert in seinem 2013 anlässlich des 150. Todesjahres erschienen Buch über Heinrich Hübsch dessen Gebäude als „unwiederholbare Solitäre“, sie seien „eigenwillig, farbig, materialbetont, sinnlich.“

„Antike ist unzulänglich“

Wie sieht Heinrich Hübsch das selbst: „Meine erste Überzeugung, dass die antike Architektur auch bei der freiesten Behandlung für unsere heutigen Gebäude unzulänglich sei, und denselben als Kunstwerken den organischen Zusammenhang ihrer Teile benehme, fällt schon in das Jahr 1815, wo ich mich auf dem Atelier Weinbrenners befand“, schreibt er 1838 in der Einleitung zu seinem Buch „Bauwerke“. „Aber ich war natürlich damals noch zu unreif, um etwas anderes an die Stelle des Bisherigen setzen zu können.“

Im Schatten Weinbrenners

Die Pfarrkirche St. Gallus in Altschweier, die in diesem Jahr 150 Jahre alt wird, ist das letzte Werk von Heinrich Hübsch. Der Sakralbau wurde erst mehr als zwei Monate nach seinem Tod begonnen und steht damit am Ende einer Entwicklung, die die Architektur des 19. Jahrhunderts entscheidend beeinflusst hat, gleichzeitig aber in der bauhistorischen Forschung nicht die Beachtung gefunden, die Hübschs großem Vorgänger Friedrich Weinbrenner zu Teil wurde.

Arthur Valdenaire legte Grundlagen

Arthur Valdenaire, der 1914 an der Technischen Hochschule Karlsruhe (heute KIT) ausgerechnet über Weinbrenner promovierte, veröffentlichte 1926 die erste Biografie über Hübsch. 1974 nahm die Universität Karlsruhe eine Dissertation über Heinrich Hübsch aus der Feder von Joachim Göricke an. An der ursprünglich Polytechnische Schule genannten Einrichtung war Hübsch übrigens von 1832 bis 1854 Leiter und Professor der Bauschule, also der heutigen Fakultät für Architektur.

„In welchem Style sollen wir bauen?“

Anlässlich des 120. Todestages von Hübsch veranstalteten das Stadtarchiv Karlsruhe und das Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe 1983 im Prinz-Max-Palais eine Ausstellung, zu der ein umfangreicher Katalog erschienen ist. Die wichtigste Publikation ist aber die bereits erwähnte, mit 820 Seiten sehr umfangreiche Dissertation „In welchem Style sollen wir bauen?“ von Silke Walther, die bislang nur im Internet veröffentlicht ist.

Schumann eröffnet neuen Blick

Zuletzt wies mit Ulrich Maximilian Schumann, der sich über Weinbrenner habilitiert hat, erneut ein ausgewiesener Weinbrenner-Experte in seinem oben erwähnten Buch auf bislang unbeachtete wesentliche Aspekte im Werk von Heinrich Hübsch hin. Aus dem Schatten seines Lehrers zu treten, ist für Hübsch offensichtlich in jeder Hinsicht schwierig.

Der linke Teil des Hauptgebäudes der Karlsruher Universität stammt von Heinrich Hübsch, erweitert wurde es ab 1861 durch Friedrich Theodor Fischer. | Foto: Ulrich Coenen

Folge 2: Architektur-Rebell macht in Baden Karriere

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder gegen ihre Eltern und Schüler gegen ihre Lehrer rebellieren. Heinrich Hübsch wollte anders bauen als die Klassizisten, die sich am Vorbild der Antike orientierten. Der wichtigste Vertreter dieser Epoche im Land Baden war Friedrich Weinbrenner. Ausgerechnet an der von ihm gegründeten Bauschule (heute KIT) studierte Hübsch von 1815 bis 1820 Architektur.

Ungewöhnlicher Lebenslauf

Dabei ist der Lebenslauf von Hübsch nicht typisch für Architekten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er begann zunächst eine akademische Ausbildung, bevor er zur Architektur wechselte. Sein Werdegang wird hier in enger Anlehnung an die Hübsch-Biografie von Arthur Valdenaire nacherzählt. Der Sohn des fürstlich Thurn- und Taxischen Postverwalters Karl Samuel Hübsch und seiner Frau Sophie Friederike Pagenstecher wurde am 9. Februar 1795 in Weinheim an der Bergstraße geboren. Karl Samuel Hübsch, der an der Universität Marburg studiert hatte, war ein angesehener Mann und Besitzer des Reichspostmeisteramtes in Weinheim. Der älteste Sohn Heinrich erhielt eine gute Ausbildung. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Darmstadt begann Heinrich Hübsch 1813 an der Universität Heidelberg das Studium der Philosophie und Mathematik.

Von der Uni zur Bauschule

Doch die wissenschaftliche Ausbildung gefiel dem Studenten nicht. Unter anderem beeinflusst durch Goethe, der nach einem Besuch des Straßburger Münsters bereits 1873 in seinem Aufsatz „Von altdeutscher Baukunst“ die Schönheit der Gotik entdeckt hatte, wuchs seine Begeisterung für diesen mittelalterlichen Baustil. Hübsch wechselte an die von Weinbrenner gegründete Karlsruher Bauschule, wo er aber zunächst eigene künstlerische Ambitionen zurückstellen und sich dem in seinen Augen langwierigen und nutzlosen Studium der antiken Formensprache widmen musste.

Reise nach Italien

Wichtige Impulse erhielt Hübsch durch seine Italienreise 1817. Italien war schon für die Generation Weinbrenners das wichtigste Ziel gewesen. Eine Anstellung in der staatlichen Bauverwaltung war ohne dies nicht zu erreichen. Das geistige Klima in Rom hatte sich, wie Valdenaire feststellt, seit dem späten 18. Jahrhundert aber verändert. Die kritiklose Begeisterung für die antiken Baudenkmäler war in der deutschen Künstlerkolonie in Rom einem pluralistischen Kunstverständnis gewichen. Hübsch interessierte sich in Italien für die frühchristlichen Kirchenbauten und die Gotik in Nord- und Mittelitalien.

Keine geeignete Stelle

1821 kehrte Hübsch nach Karlsruhe zurück und legte ein Jahr später bei Weinbrenner die Staatsprüfung ab. Eine geeignete Stelle für den Berufsanfänger gab es aber nicht. Freie Architekten, die für Bauherren gegen Honorar Häuser planten, setzen sich erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam durch. Alle wichtigen Projekte wurden zuvor von fürstlichen Baubeamten realisiert. Nachdem Hübsch bereits 1819 Athen und Konstantinopel besucht hatte, kehrte er, weil Perspektiven für eine Anstellung fehlten, für weitere Studien nach Italien zurück. Schließlich erhielt er 1824 auf Vermittlung des Historikers Böhmer eine Stelle als Lehrer an der Gewerbeschule des neuen Städelschen Instituts in Frankfurt, wechselte aber bereits 1827 in den badischen Staatsdienst. Einen Ruf als Architekturprofessor an die Akademie der bildenden Künste in Dresden lehnte er im Sommer 1826 ab.

Erste große Projekte

Wenige Wochen zuvor war in Karlsruhe Friedrich Weinbrenner gestorben. Hübsch wollte nun in seiner badischen Heimat Karriere machen. Die Chancen standen gut. Inzwischen hatte er die evangelische Kirche in Wuppertal-Barmen und das Waisenhaus in Frankfurt entworfen. In Karlsruhe lief zunächst aber nicht alles wunschgemäß. Nach Forschungsergebnissen von Silke Walther war Hübsch als Bezirksbaumeister nur für Instandsetzungen und die Prüfung baubehördlicher Vorschriften zuständig. Erst im Herbst 1829 wurde er zum Baurat befördert und durfte eigene Ideen realisieren.

Leiter der Bauschule in Karlsruhe

1832 wurde Hübsch die Leitung der Karlsruher Bauschule übertragen, wo er bis 1854 lehrte. Für eine Würdigung seines künstlerischen und architekturtheoretischen Schaffens fehlt hier der Raum, allerdings sollen einige seiner bedeutendsten Bauwerke zumindest genannt werden: Hauptgebäude der Polytechnischen Schule, heute KIT (1832-1836), Kunsthalle (1837-1846) und Bauten im Botanischen Garten (1853-1858) in Karlsruhe, Trinkhalle in Baden-Baden (1837-1840) und Westbau des Speyrer Domes (1848-1853). (Serie wird fortgesetzt)

Die Pfarrkirche St. Gallus im Bühler Stadtteil Altschweier ist das letzte Werk des badischen Baudirektors Heinrich Hübsch. Mit den Bauarbeiten wurde erst nach dem Tod des Architekten begonnen. | Foto: Ulrich Coenen