Auf reges Interesse ist die bereits fünfte Bürgerinformation zur PFC-Problematik in Mittelbaden, diesmal in der Rheintalhalle Sandweier, gestoßen. Nach Fachvorträgen standen die Experten wieder zu Einzelgesprächen zur Verfügung. | Foto: Bernd Kappler

Grundwassermodell vorgelegt

PFC-Problematik dauert

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In der Summe ist die maximale Menge an PFC im Grundwasser bereits erreicht und durch den Austrag über die Gewässer, die Anschluss an das Grundwasser haben, nimmt sie langsam wieder ab. Das war eine der wesentlichen Erkenntnisse bei der jüngsten vom Regierungspräsidium Karlsruhe, der Stadt Baden-Baden und dem Landkreis Rastatt am Mittwoch veranstalteten Bürgerinformation zur PFC-Problematik in Mittelbaden. Bei der mit über 200 Interessierten gut besuchten Informationsveranstaltung in der Rheintalhalle in Sandweier ist ferner bekannt gegeben worden, dass die angekündigten Blutuntersuchungen Anfang des kommenden Jahres beginnen werden.

Rechenmodell für PFC-Problematik

Thomas Gudera von der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) stellte das zwischenzeitlich mit der Realität abgeglichene Grundwassermodel für den Schadensbereich im Raum Baden-Baden/Rastatt vor. Ein Rechenmodell, das trotz datenbedingter Wissenslücken plausible Interpretation der aktuellen Verhältnisse liefere, wie Gudera feststellte.
Aus dem Modell lasse sich ableiten, dass die vorhandenen, überwiegend oberflächennahen PFC-Fahnen weiter mit der Grundwasserströmung in Richtung Rheinniederung transportiert und dabei auch verdünnt werden. Gleichzeitig verlagere sich die PFC-Belastungen in tiefere Schichten des Grundwassers.
Eine Unbekannte seien im Moment die so genannten Vorläufersubstanzen, aus denen sich erst mit der Zeit PFC bilden. In welchem Umfang und wie schnell diese abgebaut würden und dabei PFC freisetzen, bedürfe noch weiterer grundlegender Forschungsarbeiten.

1000 Kilogramm PFC ausgetragen

Mit dem Modell könne der PFC-Eintrag in der Vergangenheit nachvollzogen werden, erläuterte Thomas Gudera. Aus der Modellbetrachtung lasse sich ableiten, dass bisher 1 100 Kilogramm PFC aus den Belastungsflächen ausgetragen worden seien. Davon seien nach jetzigem Kenntnisstand noch 680 Kilogramm im Grundwasser und 110 Kilogramm im Oberboden vorhanden. Die Modellrechnung ins Jahr 2026 sage voraus, dass es dann noch 380 Kilogramm im Grundwasser sein werden. Wann auf Grund des rückgängigen Eintrags und der Verdünnung mit Grundwasserneubildung der Geringfügigkeitsschwellenwert im gesamten Untersuchungsraum unterschritten werde, lasse sich derzeit nicht gesichert abschätzen. Betont wird von der LUBW, dass es immer noch Wissenslücken aufgrund fehlender Messstellen gebe, insbesondere in tieferen Schichten.

Blutuntersuchungen beginnen

Günter Pfaff vom Landesgesundheitsamt teilte mit, dass die Vorbereitungen für die angekündigten Blutuntersuchungen weitgehend abgeschlossen und auch datenschutzrechtlich abgesichert seien. Zu Beginn des neuen Jahres würden zufällig aus dem Melderegister ausgewählte Personen in Alter von 30 bis 60 Jahren, die länger als zehn Jahre im Untersuchungsgebiet wohnen, eingeladen. Die Untersuchungen seien freiwillig und sollen nach drei und sechs Jahren wiederholt werden. Bei der Auswahl werden drei Gruppen gebildet: Personen aus dem Einzugsbereich der Wasserversorgung Vorderes Murgtal, Personen die in Bereichen wohnen, bei denen zwar der Boden nicht aber das Trinkwasser belastet ist und schließlich Menschen, die dort wohnen, wo weder im Boden noch im Trinkwasser Belastungen vorliegen. Eine Selbstbewerbung sei deshalb ausgeschlossen, sagte der Mediziner.

Drei Gruppen ausgewählt

Ausgewählt für die Untersuchung wurden deshalb Gernsbach, Kuppenheim und Oberndorf (Gruppe 1), Weitenung, Müllhofen, Halberstung und Schiftung (Gruppe 2), sowie Ötigheim, Steinmauern, Elchesheim-Illingen, Bietigheim, Durmersheim, Würmersheim und Au am Rhein (Gruppe 3). Orte, die einer der drei Gruppen nicht eindeutig zugeordnet werden konnten, sind von vornherein ausgeschlossen worden.
Ziel der Studie ist, die Verteilung von PFC-Werten im Blut bei Personen aus Mittelbaden zu ermitteln und die Frage zu klären, wie sich die PFC-Werte mit der Zeit verändern. Pfaff betonte dabei, dass nach Vorliegen der Ergebnisse individuell keinerlei Rückschlüsse auf die eigene Gesundheit gezogen werden könnten.
Die Leiterin der Stabsstelle PFC beim Regierungspräsidium, Annette Löffelholz-Würz, kündigte an, dass der Handlungsrahmen zu den Bereichen Boden/Grundwasser, Trinkwasser, Landwirtschaft, Gesundheit, Bauleitplanung und Entsorgung im ersten Halbjahr 2018 fertiggestellt werde.

Service

Alle Präsentationen der Info-Veranstaltung und auch das Grundwassermodell der LUBW sowie weitere Informationen zur PFC-Problematik sind auf der Homepage der Stadt Baden-Baden zu finden unter www.baden-baden.de

Kommentar 
Die Diskussion um die PFC-Belastungen in Mittelbaden scheint endgültig auf der sachlichen Ebene angekommen zu sein. So jedenfalls der Eindruck nach der inzwischen fünften groß angelegten Bürgerinformation zum Gift in Boden und Grundwasser. Wesentlichen Anteil daran hat der gegenseitige Austausch. So können Bürgerinnen und Bürger in persönlichen Gesprächen ihre individuellen Fragen stellen.
Gleich zwei Vorteile sind damit verbunden: Es können in der gleichen Zeit wesentlich mehr Fragen und diese viel genauer beantwortet werden und: Emotional geprägte Fensterreden vor dem Plenum sind passé.
Für mehr Ruhe sorgt aber auch die immer weiter um sich greifende Erkenntnis, dass das PFC-Problem über Nacht nicht aus der Welt zu schaffen ist. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis in Mittelbaden wieder Werte an der Nachweisgrenze gemessen werden können. Gleichwohl wird nach Vorlage des Grundwassermodells auch klar, dass die Werte zumindest nicht mehr ansteigen werden – wenigstens ein schwacher Trost.
Drei Jahre nach der ersten, damals ziemlich emotional geprägten Bürgerinformation, wird auch deutlich, dass der von den Behörden eingeschlagene Weg doch nicht so falsch gewesen sein konnte. Vor der Lösung eines Problems kommt eben die gewissenhafte Analyse. Was politisch immer wieder als Zögerlichkeit ausgelegt worden war. Dabei sollte immer bedacht werden, dass hektischer Aktionismus rein gar nichts bringt.