Das Wohngebäude für Flüchtlinge soll auf einem Grundstück in der Bergermühlsiedlung (Bildvordergrund) entstehen. Ob die Fassade den Bestandsbauten angepasst wird, bleibt aus Kostengründen offen. | Foto: Ulrich Coenen

Flüchtlings-Wohnhaus in Bühl

Plötzlich kommt die Grundsatzfrage

Anzeige

Weil die Baukosten explodiert sind, hat der Technische Ausschuss bereits die Notbremse gezogen (wir berichteten). Jetzt beschäftigte das geplante Wohngebäude für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen in der Bergermühlsiedlung in Bühl den Gemeinderat.  Das günstigste Angebot eines Generalunternehmers für eine Modulbauweise in Brettsperrholz lag eine satte halbe Million Euro über der Kostenschätzung.

Ziegel statt Holz

Der von der Stadt beauftragte Architekt Andreas Thoma erhielt vom Technischen Ausschuss den Auftrag, das Gebäude, das nun in konventioneller Bauweise ausgeführt werden soll, neu zu kalkulieren. Auf dieser Basis nannte Thoma nun in der Gemeinderatssitzung eine Summe von knapp 1,9 Millionen Euro. Das führte im Gremium zu einer langen Diskussion, bei der auch gefragt wurde, ob das neue Wohngebäude für Flüchtlinge überhaupt notwendig sei.

Gewerke statt Generalunternehmer

Thoma will das Haus in der Bergmühlsiedlung in Mauerwerksbauweise ausführen und nicht mehr an einen Generalunternehmer vergeben. Die Gewerke sollen einzeln ausgeschrieben werden. Um den Neubau den Bestandsgebäuden in der Bergermühlsiedlung anzupassen, schlug er eine Verkleidung der Außenwände mit Lärchenholz vor.

Grundriss bleibt erhalten

Thoma sprach sich ausdrücklich für einen Mauerwerksbau anstelle von Beton aus. Zwar sei die Betonbauweise wegen der möglichen Verwendung von Fertigteilen schneller, dagegen spreche aber der höhere Preis. Gerade der ist bekanntlich beim geplanten Flüchtlingsheim der Knackpunkt. Der Architekt schlug Lochziegel des Herstellers Poroton vor. Dabei geht er von einer Wandstärke von 36,5 oder nur 30 Zentimetern mit Dämmputz aus. „Am Grundriss des Gebäudes ändert sich nichts“, ergänzte Oberbürgermeister Hubert Schnurr.

Zwei Gegenstimmen der CDU

Der Gemeinderat beschloss das modifizierte Konzept schließlich bei zwei Gegenstimmen aus den Reihen der CDU (Bernd Bross, Daniel Fritz). Offen bleibt aber die Fassadengestaltung des Gebäudes. Nach einer fast endlosen Diskussionen über die Kosten schlug OB Schnurr vor, dieses Thema zurückzustellen.

Erneute Kostenberechnung für Fassade

Damit bleibt offen, ob das Haus die vom Architekten geplante Holzverschalung oder eine Putzfassade erhalten wird. Thoma soll dazu neue Kostenberechnungen vorlegen. Dabei soll er auf Wunsch des Gemeinderates auch die Folgekosten für Pflege und Unerhalt der Fassade einbeziehen.

Neue Zahlen für Flüchtlinge

Die Diskussion im Kommunalparlament wurde vor allem durch einen Hinweis von Bürgermeister Wolfgang Jokerst angeheizt. Er berichtete über Gespräche mit dem Landratsamt. Dabei wurde der Stadt signalisiert, dass sie im Rahmen der Anschlussunterbringung zunächst vermutlich weniger Flüchtlinge zugeteilt bekommt als erwartet. Endgültige Zahlen erwartet Jokerst bei der Bürgermeisterversammlung am 4. Mai. Der zuständige Fachbereichsleiter im Rathaus, Martin Bürkle, berichtete über ständig schwankende Zahlen, die der Stadt vom Landkreis genannt werden. Zunächst sollte sie im Laufe des Jahres 105 Flüchtlinge im Rahmen der Anschlussunterbringung erhalten. Im Januar war dann von 150 Personen die Rede.

Reichen private Unterkünfte?

Es war eine Grundsatzdiskussion. „Reichen private Unterkünfte nicht aus zur Anschlussunterbringung der Flüchtlinge in Bühl?“ fragte Margret Burget-Behm (CDU). „Brauchen wir wirklich einen Neubau?“ Bürgermeister Wolfgang Jokerst konstatierte, dass der Neubau nicht nur für Flüchtlinge genutzt werden könne, sondern alternativ auch als Unterkunft für soziale schwache Personen. „Wir brauchen das Haus auf jeden Fall“, meinte er.

Fertighaushesteller als Alternative

Walter Seifermann (GAL) regte an, das Gebäude von einem Fertighaushersteller bauen zu lassen. „Wir sollten neue Angebote einholen“, meinte er. Im Hinblick auf die hohen Preise könne das auch für weitere kommunale Projekte eine Lösung sein. Der zuständige Fachbereichsleiter Wolfgang Eller wies dies zurück. Mit Fertigbau habe man keine gute Erfahrungen gemacht. Das sei nur interessant, wenn man auf die Schnelle Unterkünfte benötige. Auch der Architekt Andreas Thoma stellte fest: „Ein Fertighaus muss bei gleicher Qualität nicht günstiger sein.“ Er verwies unter anderem auf die Energiesparverordnung und den Schallschutz.

Eine Frage der Optik

Lutz Jäckel (FDP) stellte die Holzverschalung der Fassade in Frage. „Können wir da nicht sparen?“ fragte er. „Es geht schließlich nur um die Optik.“ Er schlug vor, den Preis für einen „ordentlichen Putz“ zu prüfen und warnte vor den hohen Folgekosten für die Pflege einer Holzfassade. Oberbürgermeister Hubert Schnurr wies auf den Ensembleschutz für die Bergermühlsiedlung hin, die durch Holzbauweise geprägt wird. Architekt Thoma erklärte, dass die Holzfassade rund 70 000 Euro teurer sei als Putz.

Bauen auf Vorrat?

Karl Ehinger (FW) forderte einen Verzicht auf die Holzfassade. Hans-Jürgen Jacobs (CDU) wollte die Kosten für das Projekt „so weit wie möglich“ drücken. Bernd Bross (CDU) warnte im Hinblick auf die Bürgermeisterkonferenz am 4. Mai, bei der das Landratsamt die neuen Flüchtlingszahlen bekannt geben will, vor Eile. „Wir sollten nicht auf Vorrat bauen“, meinte er. „Nachher haben wir ein Gebäude, das wir nicht brauchen und das in drei Jahren leer steht.“

Interessen des Hänferdorfes

Lutz Jäckel hielt eine erneute Grundsatzdiskussion über das Gebäude für falsch. Er warf Bross vor, die Interessen der Bürger zu vertreten, die grundsätzlich gegen das Flüchtlingsheim im Hänferdorf sind. „Das Haus steht sicher nicht in drei Jahren leer“, stellte Barbara Becker (SPD) fest. „Es gibt genügend Bedürftige.“ In diesem Bereich sah sie auch in Bühl große Versäumnisse der vergangenen Jahre. Auch Walter Seifermann hielt den Neubau für nötig. „Ich habe keine Angst, dass das Haus nicht genutzt wird“, sagte er. „Es fehlt in Bühl an preiswertem Wohnraum.“ Daniel Fritz (CDU) warnte vor den hohen Kosten des Neubaus und empfahl die Suche nach Alternativen. „Es gibt genug leer stehende Häuser in Bühl“, erklärte er. „Die Gemeinde ist dem Gemeinwohl verpflichtet“, konstatierte Timo Gretz (SPD). „Dazu gehören auch Flüchtlinge und Bedürftige.“