Sinah Amann: Ex-Bundesliga Fußballerin in Freiburg und Sand, erforscht die Geschichte des Frauenfußballs in Südbaden. | Foto: pr

Frauenfußball in Südbaden

Putzmittelverkauf finanzierte Trikots

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Ottersweier/Freiburg. Als im südbadischen Schliengen das erste Frauenfußball-Team an den Start ging, benötigten die Frauen Trikots. Heute würde ein großzügiger Sponsor für ein paar Sätze sorgen, dem Frauenteam der SF Schliengen stellte ein Unternehmen 200 Flaschen Putzmittel hin. „Die könnt Ihr verkaufen“, hieß es. Die Provision aus dem „Deal“ durften die Frauen dann zum Erwerb des Mannschaftsdress’ nutzen.

Gegenwehr in der Männerdomäne

Nein, das war nicht vor 100 Jahren. Die Geschichte spielt Anfang der 1970er-Jahre. Gerade hatte der allmächtige Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Frauen gestattet, ganz offiziell Fußball zu spielen, mit Ligen, Pokalwettbewerben und allem, was sonst noch dazu gehört. Doch in der Gesellschaft war diese Form der Gleichberechtigung auch nach Außerparlamentarischer Opposition (APO) und Studentenrevolten keineswegs Alltag. „Es gab in der Männerdomäne Fußball ordentlich Gegenwehr. In manchen Clubs drohten Spieler und Vorstandsmitglieder mit Rücktritt“, berichtet Sinah Amann.

Forschungsarbeit über Frauenfußball in Südbaden

Die Lehramtsstudentin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hat für eine wissenschaftliche Arbeit die Geschichte des Frauenfußballs in Südbaden systematisch erforscht. Die Sportfreunde (SF) Schliengen und der VfB Unzhurst stehen im Brennpunkt ihrer Arbeit. Schliengen ist der Heimatverein der angehenden Gymnasialpädagogin für Sport und Geschichte, der VfB Unzhurst kann auf 50 Jahre Frauenfußball mit durchgehendem Spielbetrieb zurückblicken – das dürfte wohl ziemlich einzigartig sein.

Sinah Amann spielte beim SC Sand in der Bundesliga

Amann kommt aus einer echten Fußballer-Familie, ihre frühe Laufbahn verbrachte sie in Schliengen, dann wechselte sie aufs Sportinternat des SC Freiburg, spielte später bei den Breisgauern im Bundesligateam, und trug zuletzt das Trikot des Bundesligisten SC Sand. Eine Abschlussarbeit zur Historie des Frauenfußballs im Fach Geschichte bot sich da also geradezu an. Bei ihrer Dozentin – „sie hat einen ihrer Forschungsschwerpunkte im Bereich Frauen- und Geschlechtergeschichte“ – rannte Amann offene Türen ein. Die Recherche für die Zulassungsarbeit im Fach Geschichte sei so aufwendig wie spannend gewesen, resümiert die 27-Jährige.

Unzhurster Hermann Neuburger als wichtige Quelle

Als kundige Quellen mündlicher Überlieferung dienten Karl Mannhardt, Förderer des Frauenfußballs in Schliengen und viele Jahre Vorsitzender der Sportfreunde sowie – natürlich – Hermann Neuburger vom VfB Unzhurst. Der inzwischen 80-jährige, pensionierte Lehrer, trainierte und unterstützte über Jahrzehnte die Fußballerinnen des VfB, ist gleichsam ein wandelndes Lexikon zum Frauenfußball in Südbaden beziehungsweise Deutschland im Allgemeinen und in Unzhurst im Besonderen. Zu den Interviews mit diesen beiden Zeitzeugen und vielen ehemaligen Spielerinnen kam bei der Recherche für die Arbeit das Studium von Festschriften sowie einer großen Zahl an Vereinsdokumenten.

Vereine und Fußballverband öffneten ihre Archive

Ebenfalls durfte Amann historische Fotos aus den Vereinsarchiven nutzen. Bei den SF Schliengen entdeckte sie eine Besonderheit: „Von 1971 bis 1983/84 gibt es Tagebücher mit Spielberichten, Mannschaftsaufstellungen und Zeitungsartikeln.“ Eine Quelle, die der Fußballhistoriker eigentlich nur mit Gold aufwiegen kann. Der Südbadische Fußballverband (SBFV) in Freiburg erwies sich als sehr kooperativ und ermöglichte der Forscherin Zugang zu seinen Archivmaterialien. „Da konnte ich zum Beispiel amtliche Mitteilungen studieren“, wichtige Dokumente, wie ab 1970 der Frauenfußball in Südbaden (analog in Deutschland) Struktur durch die Planung von Ligen und Staffeln bekam.

Manchmal konnte man nur staunen

Manchmal konnte die 27-jährige, ehemalige Bundesliga-Fußballerin „unserer Zeit“ nur staunen. „Kurios waren die Spielregeln extra für Frauen. Eine Partie sollte nicht länger als zweimal 30 Minuten dauern. Heute sind zweimal 45 Minuten, wie bei den Männern, ganz normal.“ Das Spielgerät stammte nicht aus dem Männerfußball. „Es wurden Bälle aus den Jugendklassen benutzt, die waren kleiner und leichter.“ Zudem sollten die Frauen die Strafstöße vom „Acht-Meter-Punkt“ treten, letztlich wurde es dann doch ein echter Elfer. Anfänglich durften die Kickerinnen keine Stollenschuhe tragen, so Sinah Amann weiter.

Die Herren und der Hang zu Sensation

Großen Zuschauerzulauf hatte der Frauenfußball in den frühen Jahren. Doch es ging den Herren der Schöpfung wohl weniger um das spielerische Geschehen auf dem Platz, „da lässt sich Sensations-Geilheit erkennen“. Umso höher sei deshalb die Leistung der rein ehrenamtlich tätigen Pionierinnen im Frauenfußball zu sehen, konstatiert die gebürtige Lörracherin, die übrigens just in dem Jahr zur Welt kam, als die erste Fußball-WM der Frauen in China ausgetragen wurde.

Einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich auf dem Fußballplatz

Mit einer Mutter, die bei den Sportfreunden Schliengen den Frauenfußball mit aufbaute und selbst aktiv spielte, mit einem Vater, der viele Jahre als aktiver Kicker für Schliengen auflief, verbrachte Amann „einen großen Teil ihrer Kindheit auf dem Sportplatz“. Das prägte. (Nur am Rande: Die beiden Schwestern von Sinah Amann spielten bis zum Beginn des Studiums ebenfalls Fußball). Bei den Sportfreunden war Amann bis 2006 aktiv. Dann ging sie zum SC Freiburg, machte im Fußball-Internat ihr Abitur und wechselte, als 2011 ihr Vertrag nicht verlängert wurde, zum SC Sand. Nach dem Kreuzbandriss im vorigen Jahr ruht der „aktive“ Fußball.

Stütztpunktrainerin des DFB

Doch Amann ist nun als Stützpunkttrainerin des Deutschen Fußball-Bundes tätig, bringt Nachwuchskickerinnen im Alter von zwölf bis 14 Jahren das Dribbeln, Passen und Schießen bei. „In vielen der Mädels erkenne ich mich wieder“, sagt Amann. Mit dem Wissen um die Widrigkeiten, gegen die die Pionierinnen des Frauenfußballs in Südbaden kämpfen mussten, ist es der 27-Jährigen umso mehr ein Anliegen, dem Nachwuchs neben dem spielerischen Knowhow das nötige Selbstbewusstsein zu vermitteln. Jetzt blickt Sinah Amann dem Ende ihrer 60 Seiten umfassenden Zulassungsarbeit entgegen und dem Referendariat im Jahr 2020 – idealerweise in der Nähe ihrer Heimat.

Ich bin ein Familienmensch

„Ich bin ein Familienmensch.“ Und natürlich geht es auch um Fußball, wenn die Amanns in trauter Runde zusammen sitzen. Vor allem um den FC Bayern München. Denn trotz über einem Jahrzehnt in Freiburg und der Liebe zum SCF, „bin ich eigentlich Bayern-Fan“. Und eines ist sicher, so Sinah Amann, auch in Sachen Frauenfußball ist der FCB definitiv keine schlechte Adresse. Zeitzeugen Sinah Amann sucht für ihre Forschungen zum Thema Frauenfußball in Südbaden weiter nach Zeitzeugen und Dokumenten.

Kontakt per E-Mail unter zeitzeugen.frauenfussball@web.de