Odyssee im Rettungwagen: Das gab es in den vergangenen Monaten in Mittelbaden gleich in mehreren Fällen. Weil sich Kliniken bei der Leitstelle abgemeldet hatten, mussten Notärzte und Sanitäter Alternativen suchen. | Foto: Roland Spether

Integrierte Rettungsleitstelle

Rettungswagen auf Suche nach einer Klinik

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Rettungswagen und Notärzte, die mit ihren Patienten im Raum zwischen Karlsruhe und Offenburg keine Klinik finden, haben in den vergangenen Wochen für negative Schlagzeilen gesorgt. Wie berichtet, irrten ein Herzinfarktpatient aus Sinzheim und zwei schwangere Frauen aus Bühl im Rettungswagen durch Mittelbaden, bis sie mit deutlicher Verzögerung in Kliniken in Karlsruhe beziehungsweise Lörrach eingeliefert wurden. Der Notarzt beziehungsweise die Sanitäter im Rettungswagen telefonierten lange und mehrfach mit den für die jeweiligen Fälle geeigneten Kliniken, ob entsprechende Kapazitäten im Haus zur Verfügung stehen.

Integrierte Leitstelle koordiniert

Wo liegen die Gründe? Für den Landkreis Rastatt gibt es eine Integrierte Rettungsleitstelle Mittelbaden mit Sitz in Rastatt, die für schnelle Hilfe sorgen soll. „Träger sind neben dem Landkreis der DRK-Kreisverband Bühl/Achern, Aufsichtsbehörde ist das Regierungspräsidium Karlsruhe“, erklärte Jörg Peter, Erster Landesbeamter im Landratsamt Rastatt und für die Rettungsleitstelle verantwortlicher Dezernent. „Die Leitstelle ist neben ihrer Zuständigkeit als Feuerwehr- und Rettungsleitstelle im Landkreis auch für den Rettungsdienst im Stadtkreis Baden-Baden zuständig. Ab dem 1. Januar 2020 wird die Integrierte Rettungsleitstelle auch die Aufgaben der Feuerwehrleitstelle in Baden-Baden übernehmen.“ Im Grunde ist die Integrierte Leitstelle in Rastatt also Anlaufstelle für alle nichtpolizeilichen Hilfeersuchen.

In der Kritik

In die Kritik geraten sind in den vergangenen Wochen nicht die Aufgaben der Feuerwehrleitstellen, sondern die der Rettungsleitstelle. Sie ist laut Jörg Peter zuständig für die „Lenkung, Koordination, Überwachung und Dokumentation aller Einsätze sowie für Alarmierung und Disposition von Notfallrettung“.

Engpässe in Krankenhäusern

Norbert Roeder, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikums Mittelbaden, hat im Interview mit dieser Zeitung darauf hingewiesen, dass sich Krankenhäuser mit ihren Intensivstationen bei den Rettungsleitstellen aufgrund apparativer oder personeller Engpässe abmelden. Dies bestätigte Jörg Peter. „Die Kliniken teilen der Integrierten Rettungsleitstelle täglich ihre zur Verfügung stehenden Betten mit und melden sich im Ausnahmefall auch ab“, sagte er.

„Besorgniserregend“

Das hat Folgen. Selbst wenn Rettungswagen und Notarzt schnell am Einsatzort waren, gab es in der Vergangenheit wiederholt Probleme, weil zunächst unklar war, welche Klinik zuständig ist. „Solche Situationen können für die Patienten besorgniserregend sein“, räumte Jörg Peter ein. „Im Einzelfall ist es unschön, wie das gelaufen ist.“

Kliniken informieren Leitstelle

Der Erste Landesbeamte schloss aber aus, dass die Leitstelle dem Notarzt und den Rettungssanitätern vor Ort vorschreibt, welches Krankenhaus sie anfahren müssen. „Die Kliniken sind verpflichtet, die Leitstelle permanent über ihre Kapazitäten auf dem Laufenden zu halten“, konstatierte er. „Es ist aber immer möglich, dass innerhalb kurzer Zeit gleich mehrere Notfälle gleichzeitig in einem Krankenhaus eintreffen und sich die Situation damit jederzeit sehr schnell ändern kann.“

Notarzt trifft Entscheidung

Vor diesem Hintergrund hält es Peter für sinnvoll, dass nicht nur die Leitstelle, sondern auch der Notarzt vor Ort mit den Kliniken in der Nähe direkt kommuniziert. „Der Notarzt trägt die Verantwortung und nur er und nicht die Leitstelle entscheidet, ob ein Notfallpatient nicht doch in das nächste Krankenhaus gebracht wird, auch wenn sich dieses abgemeldet hat. Notfalls steht dann eben ein weiteres Bett auf dem Flur. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, dass der Notarzt direkt und nicht über den Umweg mit der Leitstelle mit seinen Kollegen in den Kliniken spricht. Ich kann aber gut verstehen, dass Patienten und ihre Angehörigen es nicht als optimal empfinden, wenn sie nicht wissen, in welches Krankenhaus sie eingeliefert werden“, sagte der Dezernent.

Stichwort: Rettungsdienst wird schneller

Wie schnell ist der Rettungsdienst in Mittelbaden? Der Erste Landesbeamte Jörg Peter weist darauf hin, dass dieser gute Fortschritte gemacht hat. „Der Gesetzgeber fordert, dass das erste Rettungsmittel, also entweder Rettungswagen oder Notarzt, innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort sein soll“, berichtete er.
„Dabei ist eine Quote von 95 Prozent vorgeben. Wir erreichen eine Quote zwischen 92 und 93,5 Prozent. Das ist gut und wird vor allem durch die zusätzliche Rettungswache im Bühler Stadtteil Oberbruch möglich, die 2017 eingerichtet wurde. Zusätzlich steht auf dem Baden Airport in Söllingen ein Rettungshubschrauber zur Verfügung, mit dem wir auch Notfälle in entlegenen Gebieten an der Schwarzwaldhochstraße und Unfälle mit langen Staus auf der Autobahn schnell erreichen können.“
Jörg Peter nennt ein Beispiel: „Beim Herzinfarktpatienten in Sinzheim war das erste Rettungsmittel beispielsweise in nur acht Minuten am Einsatzort.“