Martin Strotz arbeitet als Mittetalterarchäologe für das Landesamt für Denkmalpflege. | Foto: Ulrich Coenen

Windecker Reiterlein

Ritter ohne Waffen ist eine kleine Sensation

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Über die Zukunft des „Windecker Reiterleins“ entscheidet der Kadi. Wie berichtet, ist die kleine Tonfigur aus dem Spätmittelalter zwischen dem neuen Windecker Burgherrn Erwin Junker und der früheren Eigentümerin umstritten. Junker will, dass die Skulptur als ständige Leihgabe auch weiterhin im Bühler Stadtmuseum gezeigt werden kann.

Vor dem Amtsgericht

Als der Rechtsstreit sich im Sommer des vergangenen Jahres abzeichnete, hat Martin Strotz das „Windecker Reiterlein“ begutachtet. Strotz ist einer der wenigen Mittelalterarchäologen in Baden-Württemberg und arbeitet für das Landesamt für Denkmalpflege. Nach seiner Ansicht ist das „Reiterlein“ ein Kinderspielzeug, wie es im Spätmittelalter in Deutschland weit verbreitet war. In bundesdeutschen Museen wird eine ganze Reihe Reiterskulpturen aus dem 14. und 15. Jahrhundert gezeigt. Sie sind alle aus Ton und rund 20 Zentimeter groß. Offensichtlich wurden diese Spielzeuge, die meist in Städten, aber auch auf Burgen entdeckt wurden, von Handwerkern seriell in relativ großer Stückzahl gefertigt. „Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts gibt es auch Frauenfigurinen als entsprechendes Spielzeug für Mädchen“, berichtet Strotz.

Ein Sonderfall

Für den Wissenschaftler stellt das „Windecker Reiterlein“ aber einen Sonderfall dar. Fast alle der Reiterskulpturen aus dem Spätmittelalter zeigen nämlich bewaffnete Ritter. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen, entweder getrennt als Pferd und Reiter, die von den Kindern zusammengesetzt werden konnten, oder aber als kombinierte Skulptur. „Der Reiter wird im 14. Jahrhundert mit Schild und Lanze dargestellt“, erklärt Strotz. „Die Lanze besteht aus Metall oder Holz. Im 15. Jahrhundert kommt zu dieser Bewaffnung das Schwert hinzu.“

Ritterturnier

Die Figuren zeigen damit einen Ritter, wie er damals beim Tjost üblich war. Damit bezeichnet man das Lanzenstechen beim Turnier, wie es aus Ritterfilmen auch in der Gegenwart hinlänglich bekannt ist. Die meisten Funde aus dem Mittelalter sind nur fragmentarisch erhalten.

Bedeutende Unterschiede

Gemeinsam mit einem Fund aus Konstanz im Jahr 1985 unterscheidet sich  das „Windecker Reiterlein“ aber erheblich von den üblichen Rittern. Sowohl der Konstanzer als auch der Bühler Reiter werden nämlich ohne Bewaffnung dargestellt, sind also offensichtlich nicht Gast bei einem Turnier oder sogar im Kriegseinsatz. „Die Konstanzer Figur wird in die Zeit um 1300 datiert“, sagt Strotz. „Sie wurde in der dortigen Altstadt gefunden. Ich halte die frühe Datierung für fraglich, weil die Beckenhaube, die der Ritter trägt, erst ab den 1320er Jahren üblich wurde. Bei diesem Typ des Helms handelt es sich um die Weiterentwicklung der leichteren Hirnhaube, die im 12. und 13. Jahrhundert getragen wurde.“

Kopf und Beine fehlen

Auch das „Windecker Reiterlein“ trägt eine Beckenhaube, die aber teilweise abgebrochen ist. Erhalten sind das Ringelpanzergeflecht unterhalb des Helms und der lange Schultermantel des Ritters. Seine Beine sind nicht erhalten. Auch vom Pferd fehlen Kopf, Hinterteil und Beine.

 

 

Das „Windecker Reiterlein“ beschäftigt aktuell das Amtsgericht Bühl. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es ein besonderer Fund. | Foto: Martin Strotz

Schwierige Datierung

Die Datierung des „Windecker Reiterleins“ hält Martin Strotz für schwierig. Es wurde nicht im „Fundkontext“ geborgen, wie der Archäologe sich ausdrückt. Bauarbeiter fanden es beim Aushub der Baustelle für das 1960 eröffnete Restaurant auf dem Gelände der Vorburg. „Wann das war, geht aus den Akten nicht hervor“, berichtet Strotz. Mit den Bauarbeiten wurde 1958 begonnen.

Konstanzer Reiterlein

Während das Konstanzer Reiterlein in mehreren Veröffentlichungen beschrieben wird, gibt es über das „Windecker Reiterlein“ keine Literatur. „Es ist außerhalb von Bühl nicht bekannt“, konstatiert Strotz.
Das „Windecker Reiterlein“ zeigt einen Reiter, der aufrecht und in würdevoller Haltung auf seinem Pferd sitzt. „In sympathischer Körpersprache“, wie Strotz betont.

Lächelnder Ritter

Vor allem das Lächeln des Ritters ist dem Archäologen aufgefallen. Sein breiter Mund wurde vom Kunsthandwerker eingeritzt. „Das Windecker Reiterlein ist sehr viel aufwendiger gearbeitet als das in Konstanz“, erklärt der Archäologe. „Spätere Exemplare dieses Spielzeugtyps wurden mit Hilfe einer Form hergestellt. Beim Windecker Reiterlein wurden Details zusätzlich mit der Hand liebevoll nachgearbeitet, zum Beispiel die Hände.“

Schatzregal

Für Martin Strotz ist das „Windecker Reiterlein“ ein „extrem außergewöhnlicher Fund, der in ein Museum gehört.“ Weil es vor dem Erlass des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes 1972 gefunden wurde, sind seiner Behörde aber die Hände gebunden.  „Es fällt deshalb nicht unter das sogenannte Schatzregal“, sagt Strotz. „Das Land kann es nicht an sich ziehen. Die meisten dieser jüngeren Funde sind im Landesbesitz.“

Martin Strotz wurde 1969 in Bühl geboren und lebt heute in Altschweier. Er hat in Freiburg und Glasgow Archäologie, Geschichte und Germanistik studiert und 2000 seinen Magisterabschluss mit einer Arbeit über Schloss Waldsteg in Neusatz erlangt. Seit 2016 arbeitet Strotz als Gebietsreferent und Inventarisator für das baden-württembergische Landesamt für Denkmalpflege. Sein Dienstsitz ist die Außenstelle in Karlsruhe. Martin Strotz betreut unter anderem den Landkreis Rastatt.