Bereit zum Rathaussturm: Die Otterschwierer Leimewängscht zogen gestern durch die Schulen und den Kindergarten, bevor sie mit Pauken und Trompeten die Verwaltungszentrale einnahmen.
Auch in Ottersweier wurde das Rathaus besetzt. | Foto: Michaela Gabriel

Die besten Fotos

Rund um Bühl: Sturm auf die Rathäuser

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Überall haben die Narren Städte und Dörfer fest im Griff. Und was darf am Schmutzigen Donnerstag natürlich auf keinen Fall fehlen? Richtig, die Rathausstürme! Wir berichten von Amtsbesetzungen rund um Bühl und zeigen die besten Bilder.

Für einige Tage im Jahr müssen Bürgermeister und Landräte allerorten ihre Amtsgeschäfte abgeben – symbolisch in Form des „Schlüssels zur Macht“. Meistens rücken sie den aber nicht widerstandslos heraus. In der Region haben sich die Fastnachtsgesellschaften daher einiges einfallen lassen, um die Rathäuser erfolgreich zu erstürmen. Eine Auswahl.

1. Sinzheim: Obelix unterwegs

Bürgermeister Erik Ernst hatte alle Mühe, sich bei der Sinzheimer Rathausstürmung am Mittwochabend Gehör zu verschaffen. Er begrüßte die Altenburg-Hexen, die Bergseedämonen, die Fidele-Jehle-Runde, den Halberstunger Fastnachtsclub, die Hohnebieger, die Katholische Frauengemeinschaft, die Leiberstunger Muurhexen, die Leiberstunger Sumpfdämonen, den Narrenclub Kartung, die Markbachtrolle, die Nebelmatttrolle und den Narrenclub Sinzheim-Winden mit ihrem jeweiligen Fastnachtsruf.

Harald Liß, Präsident des Narrenclubs Sinzheim-Winden, verkündete in seiner Ansprache so einige Missgeschicke der Verwaltung. So konnten im Oktober am Dienstfahrzeug des Bürgermeisters die Winterreifen nicht aufgezogen werden, da sie sich bereits seit einem Jahr am Fahrzeug befanden. Auch der versetzte Lothar-von-Kübel-Gedenkstein hatte im vergangenen Jahr für Irritationen gesorgt. So „verdonnerte“ Harald Liß Bürgermeister Ernst dazu, im Kostüm von Obelix eine perfekte Nachbildung des Steines vom Rathaus bis zur Fremersberghalle zu tragen. Unter den Klängen des Musikvereins zog die Narrenschar zusammen mit dem „Schwerarbeiter“ Ernst zum Musentempel, wo er von seiner „Last“ befreit wurde. (ahu)

2. Rastatt: Büttenrede zum Abschied

„Heile, heile Gänschen, es tut so richtig weh. Der Jürgen schnürt sein Ränzchen und flüchtet in die Höh“, sangen die Narren im Landratsamt 14. und letzten Schmutzigen Donnerstag in der Amtszeit des Rastatter Landrats Jürgen Bäuerle. Büttenredner Georg Blum und Text-Verfasserin Eva-Maria Eberle schilderten ihm sein künftiges Rentnerdasein in düsteren Farben und riefen nochmals all die Vorzüge in Erinnerung, die das Amt des Landrats mit sich brachte.

Schließlich erfuhr er die Pensionstaufe, bevor einige Mitarbeiterinnen als „alte Säcke“ einen flotten Tanz aufführten. Ein weiterer Höhepunkt war das Männerballett mit ihrem Heidi-Tanz. Junge und ältere Mitarbeiter mit haarigen Beinen, Waschbrettbäuchen und blonden Zöpfen legten in Dirndln eine flotte Sohle auf das Parkett im Kreistagssaal. Die Hausband des Landratsamtes, die ihr 11-jähriges Jubiläum feierte, sorgte für Stimmung und aus Bühlertal war überraschend eine Hundertschaft aus Hexen, Berggeistern und Tänzerinnen angereist. (red)

Landrat Jürgen Bäuerle wurde bei seinem letzten Schmutzigen Donnerstag von den Narren verabschiedet.
Landrat Jürgen Bäuerle wurde bei seinem letzten Schmutzigen Donnerstag von den Narren in den Ruhestand verabschiedet. | Foto: Landratsamt Rastatt

3. Bühlertal: Ein Bürgermeister in Ketten

Pünktlich um 10 Uhr wurde Bürgermeister Hans-Peter Braun im Anfang dieser Woche neu bezogenen Bühlertäler Rathaus von einer Delegation der Elendshexen Bühlertals, der Gertelbacher Dämonen, der Schwarzwaldhexen und der Kellerdämonen entmachtet. Seine Gemeindekasse wurde in Beschlag genommen und geplündert. Der Rathaussturm mit der fast kampflosen Schlüsselübergabe wurde von den zahlreichen Narrenvereinigungen Bühlertals wie den Bühlertäler Bohnestädtlern, den Narren der Bergstaaten, den Felsenteufeln, den Waldmännle, den Schreggen vom Völlerstein und den Blutwurzdrollen begleitet.

Erfolgte die Entmachtung noch am höhenverstellbaren Schreibtisch des neuen Amtszimmers von Bürgermeister Hans-Peter Braun unter Wehklagen und „Schmerzen“ vonseiten der Stadtverwaltung, so wurde schließlich auf der neuen Terrasse zum herzlichen Umtrunk für die Narren eingeladen. Bei Frühlingswetter konnte Bürgermeister Braun den feierwütigen Narren stolz den Ausblick von der Sonnenterrasse auf das neue multifunktionale Sitzungszimmer zeigen, welches auch bei Taufen und Trauungen fungieren wird.

Anschließend wurde Bürgermeister Braun in Ketten gelegt und in das Haus des Gastes verschleppt. Blieb nur noch die Frage offen, ob am Rosenmontagsumzug denn Konfetti erlaubt sei? Damit der Bürgermeister wieder in die Freiheit entlassen werden konnte, stimmte er zu, sofern der Wettergott mitspiele. Braun kam schlussendlich wieder frei, indem er den Kindergartenkindern und deren Müttern versprach, die Kindergärten und Kitas weiterhin zu unterstützen.(asc)

4. Lichtenau: Schnipp-schnapp, Krawatte ab

Große und kleine Narren, junge und alte zogen mit Gesang und Lärm und dem Motto „Wir machen, was wir wollen“ ins Lichtenauer Rathaus. Hier empfing sie Bürgermeister Christian Greilach, doch sein freundliches Entgegenkommen nützte nichts: Die kleinen Narren schnitten ihm die Krawatte ab.

Um jede Fluchtmöglichkeit zu unterbinden, wurde Greilach an eine große Zementkugel gekettet. Auf dem Rathausplatz musste das Stadtoberhaupt dem Narrenvolk symbolisch den silbernen Stadtschlüssel übergeben. Zunftmeister Björn Boschert rief seinem Narrenvolk zu: „Lache, Singe und Schunkle stehn uffem Programm, un weil’s bis Aschermittwoch recht kurz isch, fange mer glich demit an!“ Unter lauten Beifallrufen stellten die fünf anwesenden Narrenvereine den Narrenbaum als Symbol ihrer Macht vor dem Rathaus auf. (asc)

5. Ottersweier: Das Rathaus wird zum Hard-Rock-Café

„Die Narren fordern, so ist es der Brauch, vom Rathaus die Kasse und den Hausschlüssel auch!” Mit dieser Forderung stürmten die Otterschwierer Leimewängscht ins Rathaus. Bürgermeister Jürgen Pfetzer und seine Verwaltungsmannschaft hatten es zum Hard Rock-Café umfunktioniert, sich als Punks kostümiert und warben für die „Otterschwierer Narrenpartei” mit dem Motto „Hoch die Hände – Wochenende”.

Eine tolle Einstellung zu Brauchtum und Tradition habe der Schultes, lobte Zunftrat Linus Maier, der an anderen Tagen Bürgermeister-Stellvertreter und Gemeinderat ist. Es waren nur wenige Sünden, die er dem Schultes diesmal vorhalten konnte: „Pepone Pfetzer” habe sich der Ehrenordnung bei der Kappensitzung widersetzt und sein kahles Haupt nicht mit dem Ehrenhut bedeckt. Dagegen war „Don Camillo Seburschenisch – den Kerle sieht man nicht” gar nicht zur Kappensitzung gekommen.

Allerhand Forderungen hatten die Narren mitgebracht: die Gemeindekasse solle ihre Kosten für Grippemittel und Herpes-Salbe in der Sonnenapotheke übernehmen. Schließlich seien die Zunfträte durch ihre Küsserei besonderen Ansteckungsgefahren ausgesetzt. Breitband für Unzhurst sei überflüssig, wagte Linus Maier zu behaupten. Für den „Himbeerstaat” reiche das Spiel „stille Post”. In Bühl müsse man auf dem Kirchplatz ein Biomasse-Kraftwerk bauen: „Bei dem ganzen Mist, der im Rathaus verzapft wird, lohnt sich das bestens!”

Der Bürgermeister übergab nahezu kampflos den Rathausschlüssel und sagte zu, bis Aschermittwoch inkognito zu bleiben. Als Punk mit Lederweste, tätowierten Armen, Nietenhalsband und kleinen runden Sonnenbrillengläsern wird ihm das sicher gelingen. (mg)

6. Neuweier: Kinder an der Macht

Frei nach einem Song von Herbert Grönemeyer: Im Baden-Badener Rebland sind seit heute die Kinder an der Macht, jedenfalls bis Aschermittwoch. Mit Unterstützung der Mauerberg-Hexen und der Guggemusik stürmten die Kleinen des Kindergartens gegen 11 Uhr in bester Laune das Neuweierer Rathaus. Zum Zeichen der Machtübernahme kürzten sie die Krawatte des stellvertretenden Ortsvorstehers Klaus Blödt-Werner, der auch den Rathausschlüssel rausrücken musste. Kinder, Hexen und Guggemusik waren vorher schon durch Ortsteile gezogen und hatten dort Fastnachtsstimmung verbreitet. (lust)

7. Schwarzach: Der Pfarrer vorn dabei

Von Wehrhaft keine Spur. Bürgermeister Helmut Pautler und seine Rathausmannschaft kapitulierten am Donnerstagmorgen schnell vor dem Angriff der mehr als 200 Hexen, Dämonen, Waldmännle und Teufel, die nicht nur das Verwaltungsgebäude besetzten, sondern auch noch die Lindenbrunnenstraße in Beschlag nahmen.

Sie alle folgten dem Ruf von Mario Müller, stellvertretender Vorsitzender der Grefferner Waldmännle, der sich mit den Hexen und Dämonen in das Amtszimmer des Bürgermeisters geschlichen hatte. Kaum hatten sie ihn ins Freie gezerrt, kamen auch schon Pfarrer Manfred Woschek und seine „Frauenmannschaft“ von der Seelsorgeeinheit Rheinmünster angerannt. Nicht um dem weltlichen Fürsten zur Seite zu stehen, vielmehr um zum ersten Mal in das „Helau“, „Narri-Narro“, „Schnooge-Stich“ und alle die anderen Schlachtrufe einzustimmen.

Als Jäger mit Gewehr trat er auf die Rathausstaffel und begrüßte alle mit einem dreifach kräftigen „Halleluja“. An den anschließenden neckischen Spielchen wollte sich Pfarrer Woschek allerdings nicht beteiligen. Hier musste wieder einmal Standesbeamtin Lia Fichtner herhalten, die sich im Wettstreit mit ihrem Chef, dem Sheriff von Schwarzach, messen musste. (ar)