Barbara Becker ist Mitglied im Hauptpersonalrat Gymnasien am Kultusministerium und Oberstudienrätin in Bühl | Foto: pr

Barbara Becker

Schlechte Noten bei Pisa: Lesen ist die Eintrittskarte für alles Weitere

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Die neue Pisa-Studie stellt deutschen Schülern im internationalen Vergleich schlechte Noten aus. Die Bundesrepublik ist sieben Plätze auf Rang 20 abgerutscht. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen sprach mit der Pädagogin Barbara Becker über die Ursachen. Die Oberstudienrätin aus Bühl ist Mitglied im Hauptpersonalrat Gymnasien am Kultusministerium Baden-Württemberg. 

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Wieso können die deutschen Schüler nach einem zwischenzeitlichen Hoch plötzlich wieder schlechter lesen?

Becker: Die Ursachen sind multikausal. Wir beobachten insgesamt deutlich kürzere Aufmerksamkeitsspannen bei Kindern und Jugendlichen. Es ist schwierig, die Konzentration über eine längere Zeit aufrecht zu erhalten. Das ist aber eine Kernkompetenz beim Lesen: Lesen lernt man nur durch Üben.

Soziale Medien nicht schuldlos

Gibt es einen Grund für die Konzentrationsschwäche?

Becker: Der exzessive Gebrauch der sozialen Medien im Internet ist nicht ganz schuldlos an diesem Problem. Natürlich ist das Internet nicht das Böse an sich. Es ist aber nicht gut, wenn Kinder und Jugendliche nur Häppchen lesen oder Filmchen gucken.

Christine Garbe, Professorin für Literaturdidaktik, hat im Interview mit dem Spiegel das „bornierte, konservative Schulsystem“ in der Bundesrepublik kritisiert und Lehrern empfohlen, bei Grundschülern die Neugier auf Lesen durch Vorlesen zu wecken.

Becker: Für Eltern ist es absolut essenziell, dass sie ihren Kindern vorlesen. Kinder brauchen Rituale und Sicherheit. Das Vorlesen am Abend, bevor das Kind ins Bett geht, gehört fest in den Tagesablauf verankert. Bücher und Literatur werden dann für Kinder interessant, und sie wollen irgendwann selbst lesen. Grundschullehrkräfte können ihren Schüler nicht stundenlang vorlesen. Sie kennen aber viele Methoden, um Lesen spannend zu machen. So liest man vielleicht den Anfang einer spannenden Geschichte und gibt die Rolle an die Schüler weiter. So werden die Kinder selbst in verschiedenen Rollen aktiv. Aber dazu brauchen die Kollegen Zeit – und die haben sie oft nicht.

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Ohne Lesekompetenz auch schlecht in Mathe

Wieso ist Lesekompetenz so wichtig?

Becker. Sie ist die Eintrittskarte für alles Weitere. Nur wer lesen kann, kann auch schreiben und sich hier kreativ ausdrücken. Ohne Lesekompetenz kann ein Kind auch eine Textaufgabe in Mathe nicht verstehen.

Der Bildungsforscher Olaf Köller weist im Interview mit der „Zeit“ auf die steigende Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund hin. Ist das eine Ursache für das schlechte Abschneiden in der aktuellen Pisa-Studie?

Becker: Bei Menschen mit Migrationshintergrund braucht man eine noch gezieltere Förderung. Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Wir brauchen eine Entflechtung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg – bei allen. Wichtig ist eine solide schulische Basis, die zumindest den Hauptschulabschluss ermöglicht. Es ist eine Katastrophe, wenn sieben Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Die jungen Menschen haben Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Gibt es Lösungen?

Becker: Aus Sicht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind Ganztagsschulen wichtig, die nicht eine Verlängerung des Schulvormittags in den Nachmittag darstellen. Systeme, die nicht auf freiwilliger Basis angeboten werden, sind in Baden-Württemberg politisch nicht durchsetzbar. Verpflichtende Modelle haben den Vorteil, dass der Schultag pädagogisch sinnvoll rhythmisiert werden kann. „Vollstoff“ den ganzen Tag – das ist keine gute Ganztagsschule. Kinder, die Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben haben, könnten dies in einer guten Ganztagsschule lernen.

Die digitale Welt will gelernt sein

Welche Rolle spielt die Digitalisierung der Schulen für den Lernerfolg?

Becker: Die Lebenswelt der Kinder ist digitalisiert. Verantworteter Umgang mit den digitalen Welten ist somit unabdingbar – und will gelernt sein. Die Stadt Bühl hat sich im Hinblick auf die digitale Ausstattung der Schulen in den vergangenen Jahren stark engagiert. Wie gut wir ausgestattet sind, merke ich immer, wenn ich mit Kollegen in anderen Städten spreche. Doch auch in Bühl ist noch Luft nach oben: Wir erwarten gespannt die Umsetzung der Medienentwicklungspläne.

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Das bundesweite Zentralabitur ist ein Zankapfel der Politik. Brauchen wir die einheitliche Prüfung?

Becker: Es ist nicht vermittelbar, dass ein Abitur je nach Bundesland mehr oder weniger wert ist. Baden-Württemberg und Bayern sollten von ihrem hohen Ross heruntersteigen. Viele Fachkollegen sind beispielsweise überrascht, wie hoch die Ansprüche im Fach Geschichte in Nordrhein-Westfalen sind. Beruflich bedingte Umzüge binnen zwölf Jahren sind heute soziale Normalität. Da ist es völlig unverständlich, warum Eltern in Deutschland während der Schulkarriere ihrer Kinder nicht umziehen können, ohne diese aufs Spiel zu setzen. Ein Abgleich der Standards ist daher unerlässlich.

Barbara Becker ist Oberstudienrätin für Biologie und Geschichte am Windeck-Gymnasium in Bühl und Mitglied im Hauptpersonalrat Gymnasien am Kultusministerium. Sie engagiert sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): Becker ist Beisitzerin Gymnasien im Bezirksvorstand, stellvertretende Vorsitzende der Landesfachgruppe Gymnasien. Becker ist außerdem SPD-Stadträtin in Bühl.