Das Modell des Seniorenzentrums begutachten Ortsvorsteher Wolfgang Bohnert, Investor Bernd Matthias, Oberbürgermeister Hubert Schnurr und Architekt Carlo Prina (von links). | Foto: Katrin König

Viele Kritikpunkte in Neusatz

Seniorenzentrum auf der Kippe

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Von Katrin König

Die Zeichen standen auf Protest: Schon nach wenigen Minuten wurde die Präsentation des Bauvorhabens „Seniorenzentrum“ im Bereich des Klosters Neusatzeck in der Schlossberghalle durch kritische Fragen unterbrochen. Das Stimmungsbild, das Projektentwickler, Stadtverwaltung und Ortschaftsrat aus der Bürger-Infoveranstaltung „mitnehmen“ wollten, wie Ortsvorsteher Wolfgang Bohnert in der Begrüßung angekündigt hatte, war entsprechend schnell absehbar: Einige der rund 200 erschienenen Bürger sollten dieses in der Folge mit Worten wie „Ablehnung“, „Betonklotz“, „unglaubhafte Angaben“ oder gar dem Vorwurf fehlender Moral von christlicher Seite untermauern. Während Bohnert offensichtlich mit dem Kampfgeist der Neusatzer gerechnet hatte, wirkte zumindest Bernd Matthias von Investorenseite streckenweise verwundert.

„Parkkonzept unzureichend“

Zunächst kristallisierte sich heraus, dass die Neusatzer das Parkkonzept als völlig unzureichend erachten. Auch, wenn man den Vorschriften entspreche, „wird das nicht funktionieren“, so der Tenor. Abgesehen von den Bewohnern der Anlage, zumindest den Mietern der Servicewohnungen, benötigten Mitarbeiter sowie Auswärtige, die die Bewohner oder auch die geplanten Veranstaltungen respektive Arzt, Hofladen oder Friseur besuchten, aus Sicht der Wortführer deutlich mehr Stellplätze. Die Erfahrung zeige, dass Shuttle-Services kaum angenommen würden. Oberbürgermeister Hubert Schnurr, der den Abend moderierte, sagte zu, man werde sich dem Thema erneut widmen. Auf den Vorschlag eines Bürgers hin, die Pläne besser zu visualisieren, sprach Architekt Carlo Prina von der Option, ein „Schaugerüst“ zu erstellen.

Kritik an Verwaltung

Ein Kritikpunkt waren auch die Dimensionen des Neubaus, der das Ökonomiegebäude ersetzen soll, und dessen Flachdach: Der „Koloss“, hieß es, passe nicht ins Landschaftsbild. Einige Bürger schilderten, dass in Neusatz, eingebettet ins Landschaftsschutzgebiet, private Bauvorhaben regelmäßig von den Behörden „ausgebremst“ würden oder die Genehmigungen erst nach Jahren erfolgten. Mehrfach stand der Vorwurf im Raum, die Verwaltung „gängele“ die Hiesigen „bis zum Geht-nicht-mehr“: Bei dem Großprojekt hingegen sei plötzlich alles möglich.

Nicht im Schutzgebiet

Schnurr unterstrich, das Klostergelände sei ob der bestehenden Gebäude nicht als Schutzgebiet ausgewiesen. Die Stadt sei diesbezüglich generell an Vorgaben von Bund und Land gebunden, „das Gebiet wird ja nicht von uns festgelegt“. Zwar nähme der Neubau mehr Fläche in Anspruch, räumte er ein, diese sei aber zum Großteil längst versiegelt. Außerdem sei das neue Gebäude niedriger als das bestehende.
Obwohl Prina dies bestätigte, blieben zweifelnde Stimmen. Sie betrafen auch den Bedarf an Pflegeplätzen. Laut Projektentwicklern war dem Vorhaben eine Bedarfsanalyse vorausgegangen. Sie habe ergeben, dass der Pflegeplatzbedarf im Landkreis dem Markt 25 Prozent „hinterherhinkt“. Mehrfach wurde von Bürgern der Pflegenotstand erwähnt; Matthias zeigte sich indes überzeugt, das Zentrum werde ob der integrierten Wohnungen für Mitarbeiter attraktiv sein.

Sorge vor Scheitern des Projekts

Während er die Wohnlage pries, werteten einige Neusatzer die Abgeschiedenheit eher als abschreckend, für Personal wie Bewohner. Ihnen bereitet ein Scheitern des Projektes Sorge. In dem Kontext sagte Matthias, die künftigen Eigentümer der Servicewohnungen seien über mehrere Ebenen finanziell abgesichert; bei der aus seiner Sicht unwahrscheinlichen Insolvenz eines Betreibers werde man nach ein, zwei Monaten einen neuen finden.

Die Zukunft des Klosters Neusatzeck ist weiterhin offen. Foto: Margull

Planung mehrfach überarbeitet

Die mehrfach überarbeitete, nunmehr mit Blick auf das Bauvolumen um rund 18 Prozent reduzierte Planung für Sanierung und Umbau des Klosters Neusatzeck präsentierten die Projektentwickler Bernd Matthias und Gerd-Arno Stubbe sowie Architekt Carlo Prina. Als Basis nannte Prina Heimbauverordnung und gesetzliche Bestimmungen; die Planung sei mit den möglichen Betreibern abgestimmt. „Es gibt vier Bewerber“, so Matthias. Ein Mietvertrag werde auf mindestens 25 Jahre festgelegt.

Begegnungen sollen gefördert werden

Wie berichtet, soll ein Seniorenzentrum entstehen, das Pflegeheim, Service-Wohnungen (betreutes Wohnen), Mitarbeiter-Apartments und Tagespflegeplätze umfasst. Das Mutterhaus würde saniert, das Ökonomiegebäude durch einen Neubau ersetzt, der Prina zufolge auf Anregung des Ortschaftsrats stärker von der Straße abgerückt. Das Flachdach würde begrünt: „Das ergibt ein besseres Mikroklima, außerdem dient es als Puffer bei der Regenwasserentsorgung.“ Im ebenen Gelände entstünde ein umzäunter Demenzgarten. Die Planung sieht Dienstleistungen vor, die Heimbewohnern und Bürgern zur Verfügung stehen, auch um Begegnungen zu fördern, Stichworte: Arzt, Hofladen, Bistro, Fitnessraum, Friseur. Insgesamt dürften circa 85 Arbeitsplätze entstehen, im Bereich der Pflege in drei Schichten unterteilt. Die Kapelle soll für Veranstaltungen genutzt werden. Die Stellplätze bezifferten die Planer auf knapp 70.

Seit 2009 Investor gesucht

Makler Ralf Olbrück rief in Erinnerung, dass die Kloster-Schwestern seit 2009 nach Investoren suchten; der zuvor einzige, freikirchliche Bewerber sei aus religiösen Gründen abgelehnt worden. Der Orden auf Neusatzeck werde aussterben, die finanzielle Situation sei „nicht gut“. Der Verkaufserlös solle dazu dienen, den Lebensabend der verbleibenden Schwestern zu finanzieren. Diese wohnen inzwischen im sanierten Josef-Bäder-Haus. Den Zustand des Mutterhauses schilderte Olbrück als desolat. „Ich traue dem Investoren zu, dass er sich seine Gedanken gemacht hat. Unser Vertrag endet im Juni: Wenn das Projekt nicht zum Abschluss kommt, fangen wir komplett von vorne an.“

Gibt es noch eine Chance für die Pläne der Investoren? Oberbürgermeister Hubert Schnurr zeigte sich nach der Info-Veranstaltung skeptisch. Er sei von der heftigen Kritik überrascht gewesen; es seien Szenarien in den Raum gestellt worden, „die absolut nicht stimmen“. Den Kritikern sei es weniger um das Seniorenzentrum als solches gegangen; vielmehr sei dies zum Ventil für eigene baurechtliche Fragen im Außenbereich geworden. Sollte der Ortschaftsrat in seiner Sitzung am 12. Februar das Vorhaben ablehnen, werde der Gemeinderat dieses Votum akzeptieren. Dass er dies bedauern würde, lag auf der Hand: „Die Alternative wäre eine weitere Bauruine in der Region.“
Die Investoren, deren Vorkaufsrecht am 30. Juni abläuft, haben allerdings mittlerweile Gesprächsbereitschaft signalisiert. Hubert Oberle, Stadt- und Ortschaftsrat und Gegner des Projekts in der vorgestellten Variante, hatte sich in der Veranstaltung dafür ausgesprochen, das Kloster so zu entwickeln, „dass die Neusatzer damit leben können“, etwa über ein Satteldach auf dem Neubau, einen Abriss des Pfortenbaus und eine Verschiebung des Objekts zum Altbau hin. Die Bürger bat er, gegenüber den Ortschaftsräten bis zu deren Entscheidung Stellung zu beziehen. Der Redaktion liegt inzwischen eine Reaktion der Investoren vor: Sie sind bereit, „sämtliche Forderungen Oberles inklusive eines Teilabrisses des Pfortenhauses zu erfüllen“.