Betrüger sind immer online. Das Polizeirevier Bühl hat einen eigenen Sachbearbeiter für Internetkriminalität, der sich über einen ständigen Zuwachs an Arbeit nicht beklagen kann. | Foto: Uli Deck

Cyberkriminalität

Sextorting und andere Fallen: Bühler Web-Ermittler über seinen Job

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Das Internet ist aus dem modernen Leben nicht mehr wegzudenken. Leider sind auch immer mehr Gauner im Netz unterwegs, um Verbraucher zu betrügen. Die Polizeireviere in Baden-Württemberg haben längst Experten für Cyberkriminalität. Einer von ihnen ist Oberkommissar Bernhard Schölzel. Der BNN-Reporter hat sich mit ihm über die Gefahren im Internet unterhalten und erfahren, wie man sich vor ihnen schützen kann. 

Sein Büro erinnert ein wenig an die Wohnung eines Nerds. Dabei ist Bernhard Schölzel das genaue Gegenteil. Der Polizeioberkommissar ist Sachbearbeiter für Cyberkriminalität im Polizeirevier Bühl. Sein Arbeitsplatz wird von gleich mehreren großen Bildschirmen und Rechnern flankiert. Der technische Aufwand kommt nicht von ungefähr: Internetkriminalität nimmt ständig zu, auch in Mittelbaden. „Jeder hat und nutzt das Internet“, stellt Schölzel fest. „Straftäter haben es längst als lukratives Betätigungsfeld erkannt.“ 124 Anzeigen gab es im Bereich des Polizeireviers Bühl, das den südlichen Landkreis und das Baden-Badener Rebland betreut, im vergangenen Jahr.

Warenbetrug ist weit verbreitet

Cyberkriminalität hat viele Facetten. Am weitesten ist der Warenbetrug verbreitet. Es gibt gefälschte Webseiten mit extrem preiswerten Markenartikeln, die täuschend echt aussehen und ihren Ursprung oft in China haben. Die Gauner verbreiten ihre Lockangebote bewusst über die Grenzen von Nationalstaaten hinaus. Auch seriöse Plattformen werden skrupellos genutzt. „Nahezu alle Onlineplattformen sind betroffen“, berichtet Schölzel. „Zur Eröffnung eines Kontos benötigt man nur eine Mailadresse, die man bei verschiedenen Anbietern anonym anlegen kann.“

Oberkommissar Bernhard Schölzel bearbeitet beim Polizeirevier Bühl die Fälle aus dem Bereich der Cyberkriminalität. | Foto: Ulrich Coenen

„Nachdenken setzt aus“

Dass immer wieder Leute auf Scheinangebote mit dem supergünstigen Smartphone oder der Kamera hereinfallen, schreibt der Oberkommissar einer weitverbreiteten „Schnäppchenmentalität“ zu. „Bei extrem günstigen Angeboten setzt mitunter das Nachdenken aus“, sagt er. „Viele Leute betrachten das Internet als Spielplatz, was es nicht ist. Wenn man nicht aufpasst, wird man reingelegt.“ So ging es einem Mann, der einen (nicht existierenden) preisgünstigen Sportwagen in England angezahlt hat. Das Geld, das die Kunden für solche supergünstigen Schnäppchen überweisen, verschwindet spurlos. Gerade im Ausland ist es für die deutsche Polizei aufwändig, zu ermitteln.

Erpressermails unterwegs

Aktuell rollt wieder eine Welle mit sogenanntem Sextorting. Das Opfer erhält eine Erpressermail, in der behauptet wird, es sei beim Onanieren vor seinem Computer fotografiert oder gefilmt worden. „In der Regel fordern die Täter Summen zwischen 500 und 2 000 Euro, die meist in Form der virtuellen Währung Bitcoin überwiesen werden sollen“, berichtet Schölzel. Die Verbrecher drohen damit, das Bildmaterial online zu stellen. Viele zahlen aus Angst. „Die Dunkelziffer ist extrem hoch“, meint der Polizeibeamte. Er warnt ausdrücklich vor Zahlungen an die Erpresser. „Ich kenne keinen einzigen Fall, in dem tatsächlich diese angeblichen Fotos durch die Täter in die sozialen Netzwerke eingestellt wurden“, sagt er.

Unsichere Passwörter

Ein großes Problem sind unsichere Passwörter, die die Hauptursache dafür sind, dass immer wieder Mail- und Kundenkonten von Verbrechern geknackt werden. „1234 oder Susi43 sind keine guten Passwörter“, warnt der Oberkommissar. Ist das Konto erst einmal geknackt, gehen die Täter auf Einkaufstour. Die Lieferung von Amazon wird an eine Adresse in einer Großstadt bestellt und vorher beim Postboten abgefangen oder an einen Paketagenten geliefert. Der wiederum ist selbst ein Opfer, das sich aber der „leichtfertigen Geldwäsche“ strafbar macht. Die Straftäter werben arglose Bürger an, Warensendungen dieser Art in ihrem Auftrag offiziell anzunehmen und dann weiterzusenden, meist in Richtung Osteuropa.
Auch als Finanzagenten werden Bürger übers Internet angeworben. Sie stellen den Gaunern ihr Privatkonto zur Verfügung, über das Summen weiter ins Ausland transferiert werden. Auch diese Leute machen sich mit ihrem Leichtsinn strafbar. Unabhängig davon können zivilrechtlich hohe finanzielle Forderungen der Geschädigten auf sie zukommen.

Riesige Dunkelziffer

Eine besonders perfide Art der Internetkriminalität ist das Romance-Scamming, auch Love-Scammig genannt. Drei Fälle wurden 2018 beim Polizeirevier Bühl angezeigt. Auch hier vermutet Polizeioberkommissar Bernhard Schölzel eine riesige Dunkelziffer.

Alleinstehende Frauen als Opfer

Die Masche ist immer dieselbe. Die Verbrecher wenden sich über Kontaktforen an alleinstehende Frauen, oft geschieden oder verwitwet. „Wochen- und oft monatelang werden Mails ausgetauscht oder es wird gechattet“, berichtet Schölzel. „Die Frauen erhalten schöne Komplimente. Die Täter, hinter denen gut organisierte Banden, meist in Afrika, stehen, schicken sogar Porträtfotos von sich, vom Haus oder den Kindern.“

Gauner mit angeblichen tollen Jobs

Die sind natürlich alle nicht echt. Die Gauner geben sich tolle Berufe. Der eine behauptet, General im Irak zu sein, der andere ist ein italienischer Schiffbauingenieur. Irgendwann nach vielen Monaten stecken sie dann angeblich in einer finanziellen Klemme. Das Haus ist abgebrannt oder das Schiff gestrandet. Sie bitten die Frauen um Hilfe und die überweisen, oft mehrfach, Summen in der Größenordnung von vielen tausend Euro.
Das Geld ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden, auch wegen der Anonymität im Internet, wie Schölzel betont. „Ich bin ein Befürworter der Vorratsdatenspeicherung“, erklärt der Bühler Oberkommissar. „Das würde es den Tätern schwieriger und der Polizei leichter machen. Ich arbeite in meinem Beruf mit Daten, und ohne Daten habe ich keine Chance.“

Ermittlung im Ausland ist aufwendig

Gerade über die Grenzen hinweg ist es trotz der Europäischen Union immer noch sehr schwierig zu ermitteln. Komplizierte und langwierige Rechtshilfeersuchen stehen dem im Weg. In der Zwischenzeit sind die Täter mit dem Geld über alle Berge.