Irrfahrten im Rettungswagen soll es nach dem Willen der Landesregierung in Zukunft nicht mehr geben. Stattdessen sollen die Rettungsfahrzeuge die nächste Klinik ansteuern. | Foto: Lukas Schulze

Regierungsanfrage in Stuttgart

Staatssekretär Klenk: „Statt Irrfahrten sofort in die nächste Klinik“

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Die Probleme bei der medizinischen Notfallversorgung von Patienten in Mittelbaden schlagen jetzt Wellen bis nach Stuttgart. Wie berichtet, gab es es mehrfach Probleme. Ein Herzinfarktpatient aus Sinzheim und zwei schwangere Frauen aus Bühl irrten im Rettungswagen durch Mittelbaden, bis sie mit deutlicher Verzögerung in Kliniken in Karlsruhe beziehungsweise Lörrach eingeliefert wurden.

In einer Regierungsbefragung äußerte sich Wilfried Klenk (CDU), Politischer Staatssekretär im baden-württembergischen Innenmisterium, zu Fragen der Landtagsabgeordneten. Klenk ist unter anderem für das Rettungswesen zuständig. Der Politiker kennt sich aus. Er war seit 1983 Leiter der Rettungswache in Murrhardt und seit 1986 in Backnang. Von 1991 bis 2015 war er Chef des Stuttgarter Rettungsdienstes und der Oberleitstelle Baden-Württemberg.

„Zeichen aus Mittelbaden“

Der Abgeordnete Rainer Hinderer (SPD) wies darauf hin, dass es häufiger vorkommt, dass sich Notaufnahmen bei der Rettungsleitstelle abmelden. „Wir bekommen Zeichen aus Mittelbaden“, erklärte er. Klenks Meinung war klar: „Abmeldungen von Notfallstationen und sonstigen Stationen mögen für niedergelassene Ärzte gelten, aber sie gelten, wenn sie mich fragen, nicht für den Rettungsdienst. Ich sehe überhaupt nicht ein, dass der Rettungswagen beziehungsweise Rettungshubschrauber vor Ort steht – eine halbe Stunde lang, wie manchmal der Presse zu entnehmen ist – und irgendwelche Telefonate führt. Im Zweifelsfall wird die nächstgelegene geeignete Klinik angefahren, auch wenn es im Ausnahmefall nicht die optimal geeignete Klinik ist. Aber eine Versorgung in der Klinik ist immer besser als im Rettungswagen oder Hubschrauber.“

„Telefonieren keine Aufgabe von Notärzten“

Der Staatssekretär betonte ausdrücklich: „Es ist auch nicht Aufgabe der Notärzte oder Rettungswagenbesatzungen, solche Telefonate zu führen. Da hat sich etwas eingeschlichen.“ Es sei keineswegs so, dass die Rettungsleitstellen sich weigern würden, diese Telefongespräche zu übernehmen. Seit jeder Notarzt und jeder Sanitäter ein Handy habe, komme es vor, das man mit dieser und jener Klinik, in der man jemanden kenne, telefoniere. Klenk stellte klar: „Das ist Aufgabe der Leitstelle … und die hat das entsprechend durchzuführen. Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, wenn irgendjemand aus dem Rettungsdienst, ob Notarzt oder Notfallsanitäter, erzählt, er habe draußen eine halbe Stunde oder Stunde herumtelefonieren müssen. „In solchen Fällen ist die nächste Klinik anzufahren“, forderte der Staatssekretär. Dort werde zunächst eine Erstversorgung durchgeführt und dann sehe man weiter. Im Zweifelsfall werde der Patient anschließend in eine Fachklinik verlegt.

Ist die kleine Klinik eine gute Lösung?

Petra Krebs (Grüne) bohrte weiter: „Es nutzt meiner Ansicht nach niemanden viel, wenn ich eine Hirnblutung habe und bin in einem kleinen Kreiskrankenhaus, in dem ich nicht richtig versorgt werden kann. Ich glaube, da wäre schon eine andere Lösung angebracht.“

„Ich habe mich tierisch aufgeregt“

Klenk antwortete: „Da bin ich voll bei Ihnen. Nur noch einmal! Wenn ich aktuell keine entsprechende Klinikzusage bekomme, ist eine Klinik, auch wenn sie für diesen speziellen Fall nicht in erster Linie qualifiziert ist, immer besser als draußen auf der Straße oder im Hubschrauber.“ Am Ende wurde Klenk noch deutlicher: „Ich habe mich immer tierisch aufgeregt, wenn in der Zeitung stand, ein Rettungswagen oder ein Hubschrauber stand eine Stund lang irgendwo in der Notfallstelle und hat vergeblich versucht, irgendwo ein Bett zu finden.“

Die beiden Abgeordneten für den Wahlkreis Baden-Baden Beate Böhlen (Grüne) aus Baden-Baden und Tobias Wald (CDU) aus Ottersweier sehen die Regierungsanfrage positiv.
„Die Anfrage des Kollegen Hinderer war eine sehr berechtigte Anfrage“, meinte Beate Böhlen gegenüber dieser Zeitung. „Staatssekretär Klenk hat zudem die Frage genauso beantwortet, sodass wir dringend diese Frage an die Verantwortlichen des Klinikums Mittelbadens weiterleiten werden. Es kann nicht sein, dass ein Notarzt selbst Kliniken abtelefonieren muss. Hier hat die integrierte Rettungsleitstelle die Verantwortung, dass die nächstgelegene Klinik angefahren werden können muss.“
Böhlen berichtete, dass sie Ende November die Geschäftsführer des Klinikums Mittelbaden, Landrat Jürgen Bäuerle und die Baden-Badener Oberbürgermeisterin Margret Mergen zu einem Gespräch mit Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) nach Stuttgart eingeladen habe.
„Ich denke, wir werden dort gute und für die Bürgerinnen und Bürger verlässliche Antworten finden und bekommen“, erklärte Böhlen. „Wie man bei der Regierungsbefragung sieht, ist der gesunde Menschenverstand bei diesem Thema fraktions- und regierungsübergreifend vorhanden, und das Wohl der Menschen steht bei den demokratischen Parteien an erster Stelle.“
Auch Tobias Wald ist aktiv geworden. „Ich habe Staatssekretär Wilfried Klenk zu einem Gespräch nach Rastatt eingeladen“, berichtete er.
Wald will gemeinsam mit Klenk und Landrat Jügen Bäuerle die dortige Rettungsleitstelle besuchen und sich vor Ort ein Bild machen. In diesem Zusammenhang werde es auch um die Zusammenarbeit mit dem Klinikum Mittelbaden gehen.
„Wir haben Nachholbedarf“, urteilte Wald. „Das Zusammenspiel zwischen Rettungsleitstelle und Klinikum muss optimiert werden.“ Dabei stelle sich auch die Frage, wie dieses Zusammenspiel in anderen Regionen Baden-Württembergs funktioniere. Es dürfe, so Wald, nicht sein, dass der Rettungswagen irgendwo in der Gegend stehe und die Besatzung rumtelefonieren müsse, um eine Klinik zu finden. Wald warnte ausdrücklich davor, dass der Rettungswagen extrem weite Wege zu einer Klinik zurücklegen muss. „Er fehlt dann, wenn zwischenzeitlich ein neuer Notruf eingeht“, stellte er fest. Deshalb sei es besser, die nächste Klinik anzufahren. Wald wies darauf hin, dass er sich seit längerer Zeit dafür einsetzt, dass der aktuell auf dem Baden Airport stationierte Rettungshubschrauber dauerhaft dort bleiben kann.