Nachverdichtungen machen Städte nach Ansicht von Kritikern unattraktiv. Unser Foto zeigt Bühl mit dem neubarocken Kloster Maria Hilf. | Foto: Ulrich Coenen

Kommentar zur Stadtplanung

Städte sind bei Nachverdichtungen nicht wehrlos

Anzeige

Das Thema Nachverdichtung wird kontrovers diskutiert. Anwohner lehnen solche Projekte ab. Die Argumente sind immer die gleichen. Grün gehe verloren und eine Steinwüste drohe. An die Stelle von Häusern mit Flair rückten Klötze. Auch in den sozialen Netzwerken sorgen die BNN-Beiträge (siehe Links am Ende des Beitrags) zu diesem Thema regelmäßig für Aufregung. Ein Diskutant auf Facebook weiß eine Alternative zur Nachverdichtung: „Um Bühl rum ist genug Platz wenn es um den Wohnraum geht.“

Innenentwicklung hat Vorrang

Dieses Argument zieht nicht, denn längst geht in der Stadtplanung Innen- vor Außenentwicklung. Land steht nicht unendlich zur Verfügung, und es macht Sinn, innerstädtische Freiflächen, die komplett mit Straßen, Kanal, Wasser, Strom und Telefon erschlossen sind, zu bebauen, bevor man auf der „grünen Wiese“ Neubaugebiete ausweist. Das wäre ökologischer Wahnsinn. Neubaugebiete darf es nur geben, wenn Baulücken konsequent geschlossen werden. Laut Statistik gibt es im Stadtgebiet 700 Baulücken mit 35 Hektar Fläche. Im Hinblick auf den riesigen Bedarf an Wohnungen müssen die bebaut werden.

Probleme mit Paragraf 34

Natürlich ist es nicht egal, wie gebaut wird. Die Kritik, dass sich die neuen Gebäude nicht in den Bestand einfügen, wird vor allem bei Projekten laut, die in Zusammenhang mit dem Paragrafen 34 des Baugesetzbuches entstehen, der die „Zulässigkeit von Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile“ regelt. Neubauten sollen sich „nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen“. Dieser Paragraf gilt überall dort, wo es keinen gültigen Bebauungsplan gibt und das sind sehr viele Bereiche im Stadtgebiet. „Referenzobjekte“ in der Nachbarschaft geben vor, wie groß ein Gebäude werden darf, und leider steht fast immer in der Nähe schon ein überdimensioniertes Bauwerk, das dann zum Maßstab wird.

Bebauungsplan verhindert Wildwuchs

Die Kommune ist nicht wehrlos: Den Paragrafen 34 kann nur der Bundestag modifizieren, der leider kein Interesse zeigt. Die Gemeinden können aber für wichtige Quartiere Bebauungspläne erlassen, die Wildwuchs wie Parkdecks im Erdgeschoss von innerstädtischen Neubauten verhindern. Auch in Kappelwindeck, wo auf den vielen großen Grundstücken mit kleinen Altbauten im Erbschaftsfall große Neubauten drohen, würde das Sinn machen.

Urteil des Bundesverwaltungsgerichts

Nachdem die Verwaltungsgerichte in Baden-Württemberg fast jedes Großprojekt in Paragraf-34-Gebieten durchgewunken haben, bleibt den Gemeinden der Weg zum Bundesverwaltungsgericht, wenn sie Monsterbauten verhindern wollen. Das hat am 8. Dezember 2016 ein überraschenden Urteil gefällt (BVerwG 4 C 7.15), so dass nicht jeder Großbau in der Nachbarschaft als Referenzobjekt herangezogen werden kann.