Bei der Betriebsversammlung erfuhren die USM-Mitarbeiter in Bühl von den Details des Sozialplans. | Foto: Bernhard Margull

Umzug von Bühl nach Leipzig

Sozialplan für USM-Monteure nach zähen Verhandlungen

Mit einem Sozialplan endet nach mehr als vier Jahrzehnten die Büromöbelmontage des Schweizer Premiumherstellers USM in Bühl. Die Geschäftsleitung hat Belegschaft und Betriebsrat am 10. Januar mit der völlig überraschenden Mitteilung, dass die Montage nach Leipzig verlegt wird, kalt erwischt (wir berichteten). Nach elf Verhandlungsrunden gibt es nun einen Sozialplan, den der Betriebsratsvorsitzende Anton Wunsch als gut bezeichnet. „Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten, das beste erreicht“, erklärte er gestern gegenüber der Presse. „Wir missbilligen die Schließung der Montage in Bühl aber nach wie vor.“

Am Dienstag um 16 Uhr hat Wunsch den Sozialplan unterschrieben, am Mittwochnachmittag informierte er in einer Betriebsversammlung seine Kollegen. Sicher ist, dass im nächsten Jahr in Bühl und der Außenstelle in Achern 57 Montagemitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Weiterhin sind 20 Leiharbeiter betroffen. Die Bühler müssen in zwei Wellen ihre Arbeitsplätze räumen. Die erste Hälfte muss Ende April gehen, die zweite Ende Juli.

Zähe Verhandlungen

In zähen Verhandlungen hat der Betriebsrat die Gründung einer Transfergesellschaft erreicht. „Ein solcher Sozialplan war ursprünglich von der Geschäftsleitung nicht vorgesehen“, sagte Wunsch. Die Transfergesellschaft ermöglicht den entlassenen Monteuren ein befristetes Arbeitsverhältnis zwischen sechs und zwölf Monaten. Sie dürfen mit 80 Prozent ihres früheren Nettoeinkommens rechnen. „Bei der kompletten Schließung von Betrieben oder von ganzen Abteilungen besteht kein juristischer Anspruch auf eine Abfindung“, konstatierte Alexander Fischer, der Rechtsanwalt des Betriebsrates.

Neue Firma in Leipzig

Das von der Kündigungswelle betroffene Unternehmen USM Deutschland mit Sitz in Bühl hat nach Auskunft des Betriebsrates aktuell noch rund 170 Mitarbeiter. In Leipzig wurde inzwischen ein neue Tochterfirma des traditionsreichen Schweizer Konzerns gegründet, die USM Operations GmbH. Dort arbeiten nach Informationen des Betriebsrates und der IG Metall bereits mehr als zehn neue Mitarbeiter. Auf der Homepage der neuen Firma werden weitere Mitarbeiter für Montage und Logistik gesucht. Die Bild-Zeitung spekulierte bereis im Januar unter Berufung auf die Firmenzentrale, dass dort bis zu 300 neue Arbeitsplätze entstehen sollen.

Keine Übernahme der Bühler Monteure

Ein Wechsel der Bühler Belegschaft nach Leipzig war ausdrücklich nicht erwünscht. „Wir können nur mutmaßamen, dass es dabei nicht allein um die Vergütung, sondern auch um soziale Besitzstände geht“, stellte Fischer fest.

Arbeit in der Bühler Montage gibt es derzeit im Überfluss. „Den Wunsch des Geschäftsleitung nach verpflichtenden Überstunden in Bühl hat der Betriebsrat abgelehnt“, berichtete Nevin Akar von der IG Metall in Offenburg. „Es ist den Kollegen nicht zuzumuten, dass sie den Abbau ihrer Arbeitsplätze aktiv unterstützen.“

IG Metall zweifelt an Sinnhaftigkeit

Die Sinnhaftigkeit des Umzugs nach Leipzig, wo ein Montage- und Logistikzentrum für den europäischen Markt geplant ist, erschließt sich Fischer und Akar nicht. „Der Betriebsrat hat das in den Verhandlungen hinterfragt“, sagte Fischer. Eine befriedigende Antwort der Geschäftsleitung gab es nicht.

Keine Standortgarantie für Verwaltung

Die Verwaltung von USM Deutschland mit rund 50 Mitarbeitern bleibt zumindest vorerst in Bühl. Eine Standortgarantie wollte das Unternehmen in den Verhandlungen nicht geben, so bleibt es laut Fischer bei einem „nicht rechtsverbindlichen Standortbekenntnis“. Betriebsratsvorsitzender Wunsch hatte in den vergangenen Monaten keine Gelegenheit zu einem klärenden Gespräch mit Alexander Schärer, dem Chef des Schweizer Familienunternehmens, das seit 1885 in Münsingen besteht und weltweit mehr als 400 Mitarbeiter hat. „Alle Gespräche liefen über die Bühler Geschäftsleitung“, sagte er. Man sei aber sicher, dass die wichtigen Entscheidungen in Münsingen getroffen wurden.

Geschäftsführung äußert sich schriftlich

Die Geschäftsführung von USM Deutschland in Bühl wollte sich auf Anfrage dieser Zeitung gestern nur schriftlich zum Sozialplan äußern: „In intensiven Verhandlungen haben die Betriebsparteien die geplante Maßnahme erörtert und einen Sozialplan zum Ausgleich der wirtschaftlichen Nachteile der betroffenen Mitarbeiter verhandelt. Die Geschäftsleitung dankt dem Betriebsrat für die engagierten und konstruktiven Verhandlungen und eine Einigung auf Augenhöhe.“

Schwer zu vermitteln

Die 57 Mitarbeiter, die USM  verlassen müssen, werden es nach Ansicht der IG Metall auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. „Für diese Kollegen sieht es nicht gerade rosig aus“, befürchtete Gewerkschaftssekretärin Nevin Akar. „Die Leute sind teilweise seit Jahrzehnten bei USM beschäftigt und haben einen hohen Altersdurchschnitt.“ Außerdem seien viele von ihnen nur angelernte Kräfte.
Paradebeispiel für einen altgedienten und treuen USM-Mitarbeiter ist der Betriebsratsvorsitzende Anton Wunsch. Er ist 60 Jahre alt und seit fast 32 Jahren im Unternehmen tätig. Auch er ist von der Kündigung betroffen. „Ich weiß noch nicht, wie es nächstes Jahr weiter geht“, sagte er. „Ich hatte im vergangenen halben Jahr wenig Zeit, über meine persönliche Zukunft nachzudenken, weil ich ununterbrochen mit den Verhandlungen über den Sozialplan beschäftigt war.“

Umstrittene Liste

Der Betriebsrat hat sich geweigert, an einer Namensliste mitzuarbeiten, die festlegt, welche Kollegen im nächsten Jahr im April und welche erst im Juli gehen müssen. „Wir stimmen einer solchen Namensliste und dem Restrukturierungsplan nicht zu.“

Schonung für Showrooms

Während im Januar noch von 93 Kündigungen die Rede war, ist deren Zahl aus unterschiedlichen Gründen auf 57 Mitarbeiter geschrumpft. „Auf Initiative des Betriebsrats wurden die Arbeitsplätze aller 13 Monteure der fünf deutschen Showrooms erhalten“, berichtete Wunsch. „Ebenso konnten durch die Vorschläge des Betriebsrats am Standort Bühl drei Arbeitsplätze neu geschaffen werden, von denen zwei zukünftig von Kollegen aus der Montage besetzt werden. Schließlich gab es auch Eigenkündigungen.“

OB Schnurr reagiert betroffen

Oberbürgermeister Hubert Schnurr wunderte sich gestern, vom ABB und nicht von der USM-Geschäftsführung vom Sozialplan zu erfahren. „Ich habe Firmenchef Alexander Schärer angeschrieben“, berichtete er. Zum Gespräch seien aber nur die beiden deutschen Geschäftsführer André Gerber und Bernd Wagner gekommen. „Die Verlegung der Montage nach Leipzig und der Verlust der Arbeitsplätze bleiben höchst unerfreulich“, meinte Schnurr. „Hoffen wir, dass uns zumindest die Verwaltung auf Dauer erhalten bleibt.“

Denkmalschutz für Haller-Gebäude

Die Landesdenkmalpflege Baden-Württemberg hat das USM-Gebäude in Bühl, das nach Plänen von Fritz Haller im Stahlbausystem Maxi entstanden ist, bereits im März unter Denkmalschutz gestellt, um einem möglichen Teilabriss zuvorzukommen (wir berichteten).