Das USM-Firmengebäude in Bühl entstand 1982 bis 1992 in drei Bauabschnitten in dem von Fritz Haller entwickelten Stahlbausystem Maxi. | Foto: Ulrich Coenen

Bausystem von Fritz Haller

USM-Gebäude in Bühl jetzt unter Denkmalschutz

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Das neueste Bühler Kulturdenkmal ist noch jung. Das Landesamt für Denkmalpflege hat das Firmengebäude von USM in der Siemensstraße unter Schutz gestellt. Nachdem das Unternehmen vor drei Wochen den Umzug seiner Möbelmontage nach Leipzig angekündigt hat, ist das ein wichtiger Schritt zum Erhalt dieser Architekturikone. In der Schweizer Zentrale in Münsingen wird nämlich über einen teilweisen Rückbau des Gebäudes nachgedacht, das zwischen 1982 und 1992 in drei Bauabschnitten in dem von Fritz Haller entwickelten Stahlbausystem Maxi errichtet wurde. In Zukunft sollen in Bühl nur noch Geschäftsleitung, Verwaltung Vertrieb, Verkaufsinnendienst, Planung, Marketing und Schulung für USM Deutschland angesiedelt sein (wir berichteten).

Postmoderne im Blickpunkt

„Die Architektur der 1980er und 1990er Jahre steht aktuell im Mittelpunkt unseres Interesses“, berichtet Clemens Kieser. Der promovierte Kunsthistoriker ist in der Außenstelle Karlsruhe des Landesdenkmalamtes für die Inventarisation von Denkmälern zuständig. Die Kirchen des Mittelalters, die Schlösser des Barock, die Villen des Historismus und auch die Meisterwerke der klassischen Moderne sind von den Wissenschaftlern längst erfasst. Sie beschäftigen sich inzwischen mit der postmodernen Architektur.

Neue Staatsgalerie als Leitfossil

„Die Neue Staatsgalerie in Stuttgart ist unser Leitfossil“, sagt Kieser. Sie wurde nach Plänen von James Stirling 1984 vollendet. Das wichtigste Beispiel in Karlsruhe ist die 1991 nach einem Entwurf von Oswald Mathias Ungers fertiggestellte Badische Landesbibliothek in Karlsruhe.

Die Unterschiede zum USM-Gebäude in Bühl, das gleichzeitig entstanden ist, sind allerdings unübersehbar. „Es gehört eindeutig noch der Nachkriegsmoderne an“, konstatiert Kieser. Fritz Haller hat sein Stahlbausystem Maxi (und später auch die Systeme Mini und Midi) in den frühen 1960er Jahre für die USM-Zentrale in Münsingen entwickelt. Unbeeindruckt von späteren Architekturströmungen blieb sich der Schweizer Architekt, der von 1977 bis 1992 als Professor an der Universität Karlsruhe lehrte, treu. Die schlichte und klare Formensprache seiner auf flexible Erweiterung ausgelegten System-Architektur, die mit seinem praktisch gleichzeitig entstandenen Möbelbausystem USM Haller korrespondiert, blieb unverändert. Man kann deshalb vom Makromaßstab der Stahlbausysteme und vom Mikromaßstab des Möbelbausystems sprechen.

Nachzügler der Nachkriegsmoderne

Kieser spricht im Hinblick auf das USM-Gebäude von einem „Nachzügler der Nachkriegsmoderne“. „Die Schweizer Denkmalpflege hat in Münsingen längst zugeschlagen“, berichtete er. Dort wurden die Unternehmensgebäude, die in den frühen 1960er Jahren als erste überhaupt in Hallers Stahlbausystem errichtet wurden, längst unter Schutz gestellt. In der Schweiz gibt es eine ganze Reihe Bauwerke, die in den drei Stahlbausystemen Hallers ausgeführt wurden. Das Bühler USM-Gebäude hat hingegen in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal. „Es gibt sowohl wissenschaftliche als auch künstlerische Gründe, dieses Bauwerk unter Denkmalschutz zu stellen“, konstatiert Kieser.

Der Innenraum des USM-Gebäudes wurde 2009 nach Plänen von Wurm + Wurm vorbildlich saniert.
Der Innenraum des USM-Gebäudes wurde 2009 nach Plänen von Wurm + Wurm vorbildlich saniert. | Foto: Ulrich Coenen

Der Kunsthistoriker weist darauf hin, dass Haller aktuell eine „Renaissance“ erlebt. Forscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und an der ETH Zürich interessieren sich für den Architekten. Im vergangenen Jahr ist ein umfangreicher Band erschienen, der von Laurent Stalder und Georg Vrachliotis herausgegeben wurde (wir berichteten). Die beiden Professoren lehren in Zürich beziehungsweise Karlsruhe jeweils das Fach Architekturtheorie.

Auch Bühls OB Hubert Schnurr als oberster Repräsentant der Stadt in ihrer Funktion als Untere Denkmalschutzbehörde freut sich über das neue Kulturdenkmal. „Das ist gerechtfertigt, denn dieses Gebäude ist in Deutschland einmalig“, meint er. Ein teilweiser Rückbau des Bauwerks wäre für den gelernten Architekten und Stadtplaner nicht akzeptabel.

Spätwerk von Fritz Haller

Das Bühler USM-Gebäude ist ein Spätwerk von Fritz Haller. Es entstand zu einer Zeit als die verspielte postmoderne Architektur die schnörkellosen Formen der Nachkriegsmoderne längst verdrängt hatte.

Die beiden ersten Bauabschnitt 1982 und 1987 führte der 2012 verstorbene Haller noch selbst aus. Planung und Ausführung des dritten Bauabschnitts übernahm 1992 das Bühler Architekturbüro Dieter Wurm (heute Wurm + Wurm). Zwischen Haller und Paul Schärer, dem Chef des Familienunternehmens USM, war es 1988 zum Bruch gekommen. Schärer und sein jahrzehntelanger Hausarchitekt und -designer, der USM zur Weltmarke gemacht hatte, gingen fortan getrennte Wege.

Vorbildliche Sanierung durch Wurm + Wurm

Das Stahlbausystem Maxi ließ dem Büro Wurm in Bühl aber keine gestalterischen Freiheiten. Außerdem hatte Haller die Ausbaustufe von 1992 bereits in seinem ersten Entwurf von 1982, der im Stadtgeschichtlichen Institut Bühl erhalten blieb, festgelegt.

Das Stahlbausystem Maxi ist ein Baukasten, den Haller für das USM-Gebäude in Münsingen entwickelt hat. „Dieser Versuch zum Bau einer universellen Fabrikhalle könnte der Ausgangspunkt zur industriellen Herstellung von Bauteilen für billigen, flexiblen Fabrikationsraum mir kurzer Bauzeit sein“, schrieb er 1962. Grundelement der Halle ist ein quadratisches Feld mit einer Seitenlänge von 14,40 Metern. Haller: „Diese Hallenelemente können in beliebiger Zahl aneinandergereiht werden, sodass Fabrikationsräume mit großen, in beide Richtungen gleichen Stützabstände entstehen.“

Entscheidend für den Denkmalschutz war die subtile Sanierung des USM-Gebäudes von August bis November 2009 durch Wurm + Wurm. Die Glas-Stahlfassade entsprach zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr aktuellen bauphysikalischen Anforderungen.

Auszeichnung durch Architektenkammer

Spätere Veränderungen wurden durch das Bühler Büro sorgsam zurückgebaut worden, so dass die filigrane Architektur der Nachkriegsmoderne wieder voll zur Geltung komme. Die Architektenkammer Baden-Württemberg zeichnete die Sanierung 2014 als „Beispielhaftes Bauen“ aus.