Die denkmalgeschützte Villa an der an der Ecke Schulstraße/Gartenstraße in Bühl wird saniert. | Foto: Ulrich Coenen

Villa in Bühl wird saniert

Steuerberater ohne Angst vor Denkmalschutz

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Angst vor dem Denkmalschutz? Da muss Ralf Herzog beinahe lachen. Der Steuerberater hat die denkmalgeschützte Villa an der Ecke Schulstraße/Gartenstraße gekauft und lässt sie mit großem finanziellem Aufwand sanieren. Mitte September will er mit seinem Büro und einem halben Dutzend Mitarbeitern in das 1896 nach Plänen des Bühler Architekten Ludwig Kuen errichtete Gebäude umziehen.
„Die Panik, in die manche Hausbesitzer verfallen, wenn sie mit dem Landesamt für Denkmalpflege Kontakt haben, ist völlig unbegründet“, sagt Herzog. „In Absprache mit der für den Landkreis Rastatt zuständigen Gebietsreferentin haben wir das Projekt wunderbar hinbekommen.“

Große steuerliche Vorteile

Für den Fachmann gibt es ein weiteres unschlagbares Argument für den Besitz beziehungsweise Erwerb eines Kulturdenkmals. „Die steuerlichen Vorteile sind super“, erklärt Herzog. „Es gibt einzigartige Sonderabschreibungen, die sonst, abgesehen von Objekten in Sanierungsgebieten, überhaupt nicht bestehen. Sämtliche Umbaumaßnahmen kann man von der Steuer absetzen.“ Herzog nennt Details: Die Investitionskosten können in den ersten acht Jahre mit neun Prozent und in den restlichen vier Jahren mit sieben Prozent abgeschrieben werden.

Nur durch Zufall

Das ist für Herzog und alle anderen Denkmaleigentümer zwar erfreulich, war aber für den Steuerberater längst nicht der einzige Grund, diese Villa von einer Erbengemeinschaft zu erwerben. „Eigentlich bin ich durch Zufall an das Denkmal gekommen“, berichtet er. „Eine Mandantin, die Innenarchitektin ist, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Immobilie zum Verkauf steht.

Nutzung als Büro

Für Herzog war gleich klar, dass er das Gebäude für sein Büro nutzen will. „Das ist die beste Möglichkeit, den Charme des Hauses zu erhalten“, meint er. Die Villa, die ursprünglich als repräsentativer Wohnsitz einer Familie diente, war zuletzt in zwei Wohnungen aufgeteilt worden, von denen die Wohnung im Obergeschoss in den vergangenen Jahren leer stand.

Mit der Umnutzung der Villa für seine geschäftlichen Zwecke will Ralf Herzog die ursprüngliche Struktur des Gebäudes so weit wie möglich wieder herstellen. Dabei bleibt möglichst viel originale Substanz erhalten. Dazu gehören die bauzeitlichen Türen, Dielenböden und Fenster. Damit es keine Wärmebrücken gibt, wurden hinter den alten Fenstern in Absprache mit der Landesdenkmalpflege moderne Energiesparfenster mit Doppelverglasung eingebaut. Auf diese Weise sind Kastenfenster entstanden, die aktuellen bauphysikalischen Ansprüchen genügen.

Originale Substanz

Ralf Herzog erinnert sich an den ersten gemeinsamen Besuch mit dem Schreiner im Haus. „Als ich die Fußböden in ihrem traurigen Zustand sah, dachte ich, die sind nicht zu retten. Der Schreiner hat aber nur geschmunzelt und mich beruhigt. Das Ergebnis ist großartig.“

Der Steuerberater hat in den vergangenen Monaten alle Ver- und Entsorgungsleitungen des Hauses inklusive der Heizung erneuern lassen. Wenn sein Büro im September eingezogen ist, wird sich der Maler den Außenfassaden widmen.

Auch das historische Treppenhaus soll erst dann den letzten Schliff erhalten, damit die Möbelpacker beim Einzug nicht gleich neue Schäden ungewollt hinterlassen.

Zur Baugeschichte

Bauherr der Villa an der Ecke Schulstraße/Eisenbahnstraße war der Brauereibesitzer Hermann Wenk, einer der einflussreichsten Bürger der Stadt. Er erbaute 1869 auch das heutige Gasthaus „Alte Post“ als Bahnhofshotel Wenk. Die Entwürfe für das Hotel von Julius Knoderer vom Baden-Badener Büro Knoderer & Haunz sind im Stadtgeschichtlichen Institut erhalten.

Knoderer, der in Karlsruhe Architektur studierte, war ein namhafter Architekt, der alleine und mit seinem Partner in Baden-Baden wichtige Villen realisierte, unter anderem die Villa Hohenbaden (1868/69). Das ein angesehener Baden-Badener Architekt beauftragt wurde, unterstreicht den Anspruch des Bühler Bauherrn.

Pläne im Stadtgeschichtlichen Institut

Im Bauantrag für die Villa an der Ecke Schulstraße/Gartenstraße, der ebenfalls im Stadtgeschichtlichen Institut erhalten ist, wird Wenk als Privatier bezeichnet. Das lässt den Historiker Marco Müller vermuten, dass Wenk das Anwesen in der Gartenstraße nach seinem Rückzug aus dem Geschäftsleben als Alterssitz erbauen ließ. Architekt war Ludwig Kuen (1857 – 1902), der in Bühl geboren wurde.
Kuen entwarf übrigens auch das nicht weit entfernte Haus Otto Wenk (Eisenbahnstraße 23), seit 1981 Sitz der Rechtsanwaltskanzlei Hafen, Kemptner, Stiefvater. Es wurde 1897 fertig gestellt.

Die eineinhalbgeschossige Villa an der Ecke Schulstraße/Gartenstraße wird geprägt durch Architekturzitate der Neurenaissance und des Neubarock. Charakteristisch ist. Charakteristisch sind der Wintergarten mit dem darüber befindlichen Balkon und das Erdgeschossfenster mit dem Palladio-Motiv in der Hauptfassade an der Gartenstraße.

Schöne Details

Der Begriff geht auf den großen italienischen Renaissance-Architekten und Architekturtheoretiker Andrea Palladio (1508 – 1580) zurück und ist im Grunde eine Abwandlung des Triumphbogenthemas. Eine rundbogige Fensteröffnung wird von niedrigeren rechteckigen Öffnungen flankiert.
In der Denkmalliste der Stadt Bühl wird die Villa als typisches Beispiel für die Villenbebauung der westlichen Vorstadt genannt. Sie ist also im Zusammenhang mit den Villen in der westlichen Eisenbahnstraße zu sehen, für die es inzwischen eine Erhaltungssatzung gibt.