Rassegeflügel leidet unter der Stallpflicht in besonderem Maße. Das Foto zeigt Deutsche Sperber. | Foto: Ulrich Coenen

Minister Peter Hauk

Frühling sorgt für erste Entwarnung bei Vogelgrippe

Der bisher schlimmste Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland klingt nur langsam ab. Die Seuche kam auch in Mittelbaden an. In Muggensturm wurde ein tote Stockente gefunden. Die Rassegeflügelzüchter, die in der Region durch den Kreisvorsitzenden Konrad Lienhart (Bühl) und den Tierschutzbeauftragten Michael Götz (Rastatt) vertreten werden, klagten über die Folgen der Stallpflicht.  Peter Hauk, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, äußerte sich anlässlich seines Besuchs in Bühlertal gegenüber den BNN zu diesem Thema.

Herr, Minister, wie beurteilen Sie die kontroverse Diskussion der Wissenschaftler über die Herkunft der Vogelgrippe? Teilweise nennen diese Massentierhaltung als Ursache.

Minister Peter Hauk | Foto: MLR Potente

Hauk: Die Verbreitung des aktuell grassierenden H5N8-Virus durch Zugvögel ist aufgrund geografischer, zeitlicher und detaillierter molekularbiologischer Analysen die wahrscheinlichste Eintragsursache in Europa. Genetische Analysen der beim aktuellen H5N8-Geschehen festgestellten Viren weisen auf eine Ähnlichkeit zu H5N8-Viren hin, die bereits im Sommer letzten Jahres in Südrussland beschrieben wurden. Eine Weiterverbreitung der Vogelgrippe aus einem infizierten Vogel- oder Nutzgeflügelbestand ist grundsätzlich ebenso möglich. Beispielsweise können Einstreumaterial, welches zwischen dem Ansteckungszeitpunkt gehaltener Tiere und dem Ausbruch der Vogelgrippe ausgebracht wird, oder die Stallentlüftung ein Infektionsrisiko für Wildvögel bergen. Entscheidend ist, dass die Übertragung des Vogelgrippevirus von Wildvögeln auf gehaltene Vögel und Geflügel verhindert wird. Deshalb ist die strenge Einhaltung der Biosicherheitsmaßnahmen zentral entscheidend. Wir haben aus diesem Grund in Baden-Württemberg diese Maßnahmen in den Mittelpunkt zum Schutz unseres Hausgeflügels gestellt. Und der Erfolg gibt uns recht.Wir haben, im Vergleich zu anderen Ländern, keinen Ausbruch der Vogelgrippe in unseren Ställen.

Brauchen wir im Hinblick auf die Vogelgrippe eine neue Form der Geflügelhaltung, also weg von der Massentierhaltung?

Hauk: Nein. Benötigt werden stattdessen Biosicherheitsmaßnahmen, die auf die Gegebenheiten der Vogel- und Geflügelhaltungen zugeschnitten sind und konsequent umgesetzt werden, um eine Ansteckung der in menschlicher Obhut gehaltenen Tiere zu verhindern. Die Sachverständigen der European Food Safety Authority (EFSA) haben bereits Biosicherheitsmaßnahmen ermittelt und bewertet, die in Geflügelhaltungen umgesetzt werden können. Dies sind beispielsweise die Futter- und Einstreulagerung. Entscheidend sind alle Maßnahmen zur Vermeidung des Kontakts zwischen Wildvögeln und gehaltenen Vögeln oder Nutzgeflügel.

Macht eine flächendeckende Stallpflicht wie im vergangenen Winter Sinn oder ist es nicht besser, diese nur noch in Risikogebieten zu erlassen?

Hauk: Die Aufstallung von Geflügel in geschlossenen Ställen oder unter einer Schutzvorrichtung wird nach der Geflügelpest-Verordnung angeordnet. Grundlage dafür ist eine Risikobewertung, die erforderlich ist, um das Einschleppen oder Verschleppen der Geflügelpest durch Wildvögel zu verhindern. In Baden-Württemberg werden hierzu die Risikobewertungen des Friedrich-Loeffler-Instituts herangezogen sowie Ornithologen beteiligt. Aufgrund der aktuellen Verbreitung von HPAIV H5N8 bei Wildvögeln in Europa und Deutschland war in den letzten Monaten von einem hohen Eintragsrisiko der Vogelgrippe in Nutzgeflügel- sowie Hobby- und Kleinsthaltungen und insbesondere in Vogelbestände in zoologischen Einrichtungen durch direkte und indirekte Kontakte zwischen Wildvögeln und gehaltenen Tieren auszugehen. Dies galt insbesondere bei Haltungen in der Nähe von Wasservogelrast- und Wildvogelsammelplätzen, einschließlich Ackerflächen, auf denen sich Wildvögel sammeln. Ob dabei landes-, kreisweit oder nur regional aufgestallt wird, wie beispielsweise im Uferbereich der großen Gewässer aufgestallt wird, hängt von der jeweiligen Gefährdungslage ab. Auf Basis stets aktueller Risikobewertungen ist es bei der Aufstallung in Baden-Württemberg in den zurückliegenden Monaten zu mehrere Änderungen gekommen.

Ein stolzer Hahn: Deutscher Sperber | Foto: Ulrich Coenen

Rassegeflügelzüchter erhalten die zum Teil vom Aussterben bedrohten Geflügelarten als Hobby. Damit schützen sie einen wichtigen Genpool. Diese Züchter sind von der Stallpflicht besonders betroffen.

 

Hauk: Ich schätze die Arbeit und das Bemühen der Rassegeflügelzüchter sehr und wir brauchen ihr Engagement auch künftig. Deshalb haben wir bereits reagiert und die Weichen gestellt, damit die Tierhalter für künftige Vogelgrippeendemien und andere Tierseuchengeschehen noch besser vorbereitet sind. Es wurde eine Arbeitsgruppe mit Beteiligung von Experten aus der Verwaltung sowie der Rassegeflügelzuchtverbände eingerichtet, welche die Anforderungen an Schutzvorrichtungen definieren wird, damit bei künftigen Vogelgrippegeschehen in Baden-Württemberg bei Anordnung der Aufstallung den Tieren in geeigneten Einrichtungen ein Auslauf ins Freie ermöglicht werden kann, sofern die Tierhalter diese Empfehlungen umsetzen.

Wäre die Schutzimpfung ein Weg zur Bekämpfung der Seuche?

Hauk: Die zuständige Behörde kann, vorbehaltlich der Zustimmung der Europäischen Kommission, unter Beachtung einer Risikobewertung des Friedrich-Loeffler-Instituts die Schutzimpfung von gehaltenen Vögeln in einem zoologischen Garten oder einer ähnlichen Einrichtung mit einem Arterhaltungsprogramm oder die zur Arterhaltung oder zur Erhaltung seltener Rassen gehalten werden, genehmigen. Impfungen gegen die Geflügelpest bieten jedoch aufgrund der hohen Variabilität und genetischen Änderungen der Viren häufig nur einen unzureichenden Schutz. Zudem besteht bei einer vorbeugenden Impfung in Geflügelbeständen die Gefahr, dass ein Geflügelpestgeschehen verdeckt wird, da nicht verlässlich zwischen infizierten und geimpften Tieren unterschieden werden kann. Auch bei einem klinischen Schutz, das heißt die Tiere zeigen nach einer Infektion keine Krankheitssymptome, sind die Tiere nicht zuverlässig vor einer Infektion und Ausscheidung des Virus geschützt. Dadurch könnte sich ein Infektionsgeschehen unbemerkt, trotz der Impfung ausbreiten und zu kontinuierlichen Krankheitsausbrüchen führen. Hierfür gibt es Beispiele aus Ländern wie Ägypten oder China. Zudem ist eine Genehmigung der EU-Kommission für die Impfung erforderlich, die mit strengen Auflagen verbunden wäre. Daher ist die großflächige Schutzimpfung von Rassegeflügel keine generelle Option, um einer Infektion von Rassegeflügel gegen die Geflügelpest vorzubeugen.

Ist die Gefahr durch die steigenden Frühlingstemperaturen jetzt erst einmal vorbei oder können Sie noch keine Entwarnung geben?

Hauk: In Baden-Württemberg hat die Wildvogeldichte am Bodensee durch den Rückflug der Zugvögel in ihre Brutgebiete bereits deutlich abgenommen. Zudem ist bundesweit die Anzahl der Geflügelpestausbrüche bei Haus- und Wildvögeln in den letzten Tagen deutlich zurückgegangen. Insofern kann von einer ersten Entwarnung gesprochen werden, auch wenn das Vogelgrippegeschehen bundesweit noch nicht vollständig zum Erliegen gekommen ist.

 

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