Touristenattraktion in Straßburg. Die Westfassade des Münsters gilt als Hauptwerk Erwins, der vor 700 Jahren starb. | Foto: Rolf Haid

Erwin-von-Steinbach-Jahr 2018

Vom Mythos zum Stararchitekten

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„Erwin war der führende Architekt seiner Zeit!“ Johann Josef Böker, Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und einer der weltweit wichtigsten Experten für Gotik, bringt es auf den Punkt. Am 17. Januar 1318 starb der in Baden und dem Elsass bis heute ungeheuer populäre Baumeister des Straßburger Münsters, dessen nachmittelalterlichen Mythos Johann Wolfgang Goethe 1773 mit seiner Schrift Von Deutscher Baukunst“ begründete. Im Grunde entdeckte der größte deutsche Dichter in diesem Text die Schönheit der gotischen Architektur wieder, die seit dem 16. Jahrhundert von Renaissance-Architekten wie Giorgio Vasari als barbarisch angesehen wurde.

Erwin starb vor 700 Jahren

Im Gegensatz zum Spätmittelalter sind die leitenden Architekten an den großen Dombauhütten im Hochmittelalter längst nicht immer und wenn nur mit wenigen Details fassbar. Der erste gotische Architekt, der namentlich überliefert wurde, ist der Franzose Wilhelm von Sens, der den Bau der Kathedrale in Canterbury leitete und an den Folgen eines Unfalls auf der Baustelle 1180 starb. Auch über Erwin von Steinbach ist urkundlich nur wenig bekannt. Zu erwähnen sind vor allem die Mitte des 18. Jahrhunderts entfernte Inschrift an der Westfassade des Straßburger Münsters, die berichtete dass Meister Erwin von Steinbach am 25. Mai 1277 dieses Werk begonnen hat. 1284 wird Erwin als Werkmeister in einem von Wissenschaftlern häufig diskutierten Dokument erwähnt, wobei sein Name in Rasur (also nachträglich) eingetragen wurde. Weil so wenig über Erwin bekannt ist, vermuten einige Bauhistoriker, dass er gar kein Architekt, sondern Bauverwalter (also Verwaltungschef) der Dombauhütte in Straßburg war. Für andere bleibt er ein von Goethe initiierter Mythos.

Blick über die Schulter

Johann Josef Böker hat nach jahrzehntelanger Forschung sehr gute Argumente, diese Thesen als überholt zurückzuweisen. „Erwin ist für mich eine lebende Person“, sagt der Wissenschaftler, der alle rund 650 erhaltenen gotischen Bauzeichnungen im deutschsprachigen Raum gesichtet und bei einigen die Handschrift Erwins entdeckt hat. „Bei diesen Zeichnungen sieht man dem Architekten über die Schulter und zwar in einer ganz anderen Weise als dies heute bei computergestützten Entwürfen der Fall ist“, erklärt er.

Ob der heutige Baden-Badener Stadtteil Steinbach Erwins Geburtsort ist, bleibt unklar. | Foto: Ulrich Coenen

Geburtsort ist unklar

Böker vermutet, dass Erwin um 1240 geboren wurde. Der Namenszusatz „von Steinbach“ gibt einen Hinweis auf seine Herkunft. Aus welchem Steinbach der Architekt kam, wird sich vermutlich nicht klären lassen. Eine Notiz aus dem 18. Jahrhundert spricht aus Sicht des Karlsruher Professors für Steinbach am Donnersberg im heutigen Rheinland-Pfalz, doch auch der Baden-Badener Stadtteil Steinbach hat keine schlechten Karten. Für das badische Steinbach spricht laut Böker Erwins Wappen, das wie das badische einen Schrägbalken zeigt. Allerdings hat auch das Straßburger Wappen einen solchen Balken, so dass Böker den Hinweis auf Straßburg für naheliegender hält.

Lehre als Steinmetz in Straßburg oder Köln

Auf jeden Fall hat Erwin seine Ausbildung zum Steinmetz an einer gotischen Bauhütte erfahren. Böker vermutet in Straßburg, Köln oder Trier. Wie diese Ausbildung aussah, kann man in den Hüttenordnungen nachlesen, die im Zusammenhang mit der zunehmenden Verschriftlichung erst aus dem 15. Jahrhundert erhalten sind. Böker geht davon aus, dass die Ausbildungsregeln bereits im Hochmittelalter Gültigkeit hatten. Demnach trat der Lehrling mit rund 14 Jahren in die Bauhütte ein und musste fünf Jahre lernen. Nach der Gesellenprüfung begab er sichauf Wanderschaft. Die meisten Steinmetzen blieben Zeit ihres Lebens bei dieser handwerklichen Tätigkeit; die besten, die selbst Architekt werden wollten, gingen nach einer mindestens einjährigen Wanderschaft nun als Meisterknecht an einer Bauhütte in eine weitere zweijährige Ausbildung. Böker bezeichnet die Bauhütten deshalb zu Recht als die Architekturfakultäten des Mittelalters. Als Schüler des erfahrenen Werkmeisters, der die jeweilige Hütte leitete, lernte der angehende Architekt vom Entwurf bis zur Bauleitung die Grundlagen seines Berufs.

Ausbildung zum Werkmeister in Paris

Böker geht davon aus, dass Erwin um 1260 an der Dombauhütte von Paris unter der Leitung von Jean de Chelles zum Werkmeister ausgebildet wurde. Damals wurde dort am südlichen Querhaus von Notre-Dame gearbeitet, so dass Erwin die modernsten Strömungen der gotischen Architektur kennenlernte. Der Karlsruher Professor vermutet ebenfalls, dass Erwin erstklassige Kontakte zur Bauhütte in Orléans hatte.

Engagement in Straßburg

In Straßburg war bereits um 1245 der Bau eines neuen Langhauses in hochgotischen Formen veranlasst worden. Dieser schloss an den romanischen Chor an. Der unbekannte Werkmeister, der diesen Bau leitete, starb zeitgleich mit der Fertigstellung um 1275. Im Jahr 1277 wurde mit dem Bau der Westfassade, also dem repräsentativen turmbekrönten Eingangsfassade der Kathedrale begonnen. „Der erhaltene Riss A für die Westfassade stammt noch vom Langhausmeister“, urteilt Böker. „Der Riss A1 stellt nach meiner Überzeugung eine Überarbeitung dieses Entwurfs durch Erwin dar.“ Bischof Konrad von Lichtenberg engagierte den jungen Erwin als leitenden Architekten, um eine Westfassade zu schaffen, die es mit den großen Kathedralen in Frankreich, dem Mutterland der Gotik, aufnehmen konnte.

Der berühmte Riss B

Während man in der Forschung früher davon ausging, dass der mit den modernen französischen Lösungen vertraute Riss B von unbekannter Hand und im Auftrag in Frankreich gezeichnet und nach Straßburg geschickt wurde, sieht Böker in Erwin den Autor. „Natürlich stammt dieser Entwurf aus Frankreich, aber er traf nicht als Pergament, sondern in Gestalt dieses jungen Mannes in Straßburg ein“, sagt der Bauhistoriker.

Erfinder des Schleiermaßwerks

Der Riss B und die schließlich ausgeführte Westfassade, die von diesem Entwurf im Detail abweicht, waren eine Sensation. „Das hatte die Welt noch nicht gesehen“, konstatiert Böker. Seit der Abteikirche von St. Denis bei Paris, der um 1140 entstandenen ersten gotischen Kirche, hatten die Architekten die in der Romanik üblichen massiven Wände immer mehr mit riesigen Fenstern, Galerien und beginnend mit dem Bau der Kathedrale in Reims (1211) mit Maßwerk aufgelöst. Dieses von Steinmetzen gehauene Ornament gliedert in geometrischen Formen die Fenster und überzieht Wandflächen. Erwin ging in Straßburg einen Schritt weiter. Er „erfand“ das Schleiermaßwerk, das wie eine zweite Haut frei vor der Fassade steht. „Eine völlig Entmaterialisierung“, schwärmt Böker. „Das macht die Einzigartigkeit dieses Entwurfs aus, der anders ist als die klassischen Kathedralen in Frankreich.“

Architekt des Freiburger Münsterturms

Erwin leitete mehr als vier Jahrzehnte die Straßburger Bauhütte. Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Johann. Durch das gründliche Studium der erhaltenen gotischen Baurisse konnte Böker nachweisen, dass Erwin nicht nur in Straßburg tätig war. Eine Zeichnung des Freiburger Münsterturms, die im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg erhalten ist, gab den entscheidenden Hinweis. Bisher galt sie als Studienzeichnung aus dem 15. Jahrhundert, doch Böker erkennt Erwins Handschrift und vergleicht den Nürnberger Riss mit Erwins Riss V in Straßburg. Der Karlsruher Hochschullehrer schreibt den von vom Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt 1869 als „schönsten Turm auf Erden“ bezeichneten Freiburger Münsterturm als erster Forscher Erwin von Steinbach zu. Auch in Freiburg gibt es wieder sensationell Neues. Erwin hat den Turmhelm komplett in Maßwerk aufgelöst, zum ersten Mal in der Architekturgeschichte überhaupt. „Das ist die konsequente Fortsetzung des Schleiermaßwerks in Straßburg“, meint Böker.

Arbeiten in Thann

Auf der Rückseite der Nürnberger Architekturzeichnung entdeckte der Wissenschaftler weitere Grund- und Aufrisse, die darauf hinweisen, dass Erwin auch in Thann und in Breisach tätig war. Auch im Vergleich mit den ausgeführten Bauwerken hat Böker keinen Zweifel, dass Erwin neben der Straßburger Westfassade und dem Freiburger Münsterturm die Arbeiten am Breisacher Münsterchor leitete. In Thann, wo Erwin in einer Chronik aus dem Jahr 1728 als Münsterbaumeister erwähnt wird, blieb aber aus seiner Zeit nichts erhalten. Allenfalls die Fundamente des späteren Chores lassen sich nach Einschätzung Bökers Erwin zuordnen.

Nur wenige Quellen

Vor dem Hintergrund seines umfassenden Œuvres nennt Böker Erwin einen „Stararchitekten“ des Mittelalters, der es zu Wohlstand und hohem Ansehen bei den Zeitgenossen gebracht hat. Weil mittelalterliche Quellen fehlen, wagt Böker den Analogieschluss. Rund ein halbes Jahrhundert nach Erwins Tod waren Werkmeister wie Peter Parler und Ulrich von Ensingen nachweislich gefeierte und reiche Toparchitekten.

Bedeutung der Architekturzeichnungen

Es ist das bisher in der Forschung weitgehend vernachlässigte Medium der Architekturzeichnung, das Böker auf die Spur Erwins brachte. Diese gewannen in der Gotik immer mehr an Bedeutung. Böker hat sogar perspektivische Darstellungen entdeckt, die allerdings nicht der erst in der Renaissance entwickelten Zentralperspektive entsprechen. Standen bisher nur die Bauwerke im Fokus der Forschung, hat nun Bökers Interesse für die stiefmütterlich behandelten Architekturzeichnungen den Blick auf die Gotik und damit auch auf Erwin erweitert.

Karlsruher Forscher entdecken Gotik neu

Johann Josef Böker ist in gewisser Weise ein Revolutionär. Als Leiter des Forschungsprojekt „Gotische Architekturzeichnungen“ hat er alle rund 650 erhaltenen gotischen Baurisse im deutschsprachigen Raum untersucht und in drei großformatigen Bänden unter dem Titel „Architektur der Gotik“ zwischen 2005 und 2013 beschrieben und analysiert. Diese Arbeit wurde von 1999 bis 2005 von der kanadischen Forschungsförderagentur „Social Sciences and Humanities Research Council of Canada“ (SSHRC) und 2007 bis 2014 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell unterstützt. An seinem Lehrstuhl in Karlsruhe leitete Böker ein Team, das aus rund einem halben Dutzend jungen deutschen und kanadischen Wissenschaftlern bestand. Die Auswertung der Baurisse durch Böker und sein Mitarbeiter führte dazu, dass die Baugeschichte einer ganzen Reihe bedeutender gotischer Sakralbauten im deutschsprachigen Raum umgeschrieben werden musste. Ikonen wie Freiburg, Köln, Straßburg, Ulm und Wien sind betroffen. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Dass die bisher in der Forschung weitgehend vernachlässigten Pläne als gleichwertige Quelle neben das Bauwerk treten, sorgte bei einigen Wissenschatlern für Begeisterung, bei anderen für Irritationen. 2009 berichteten die BNN exklusiv über Bökers These, dass Erwin von Steinbach den Turm des Freiburger Münsters erbaut hat. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe.

Johann Josef Böker in der Bibliothek des Fachgebiets Baugeschichte des KIT | Foto: Ulrich Coenen

Johann Josef Böker

Der 1953 im westfälischen Dalhausen geborene Böker studierte Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Geschichte an den Universitäten Köln, Saarbrücken, Münster und Oxford. In Saarbrücken promovierte er 1979 mit der Dissertation „Der Beginn einer Spätgotik innerhalb der englischen Architektur zwischen 1370 und 1450“. Von 1982 bis 1988 war Böker Hochschulassistent am Institut für Bau- und Kunstgeschichte der Universität Hannover, wo er sich 1987 erneut mit einer Arbeit über Gotik (und zwar über die Marktpfarrkirche St. Lamberti in Münster) habilitierte. 1988 war Böker Gastprofessor an der University of Toronto (Kanada), anschließend übernahm er bis 1989 eine Lehrstuhlvertretung am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Bochum. 1989 wurde er als Professor für Architekturgeschichte an die McGill University in Montreal berufen. McGill ist die älteste Universität Kanadas und wird in offiziellen Ranglisten seit vielen Jahren regelmäßig unter den 20 besten Hochschulen Nordamerikas aufgeführt. 2005 wechselte Böker als Professor für Baugeschichte an die Fakultät für Architektur des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).