Intensivpflegeplätze sind in deutschen Kliniken ein Problem. Das gilt auch für die Frühchenstation. Meist melden sich die Kliniken wegen Personalmangel in der Intensivmedizin bei den Rettungsleitstellen ab. | Foto: dpa

Von Offenburg bis Karlsruhe

Werdende Mutter erlebt Odyssee im Rettungswagen

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Wie geht es mit dem Bühler Klinikum weiter? Wie berichtet, hat der gemeinsame Bundesausschuss als oberstes Gremium des selbstverwalteten Gesundheitswesens beschlossen, die Notfallversorgung der rund 1 800 Akutkliniken in Deutschland auf 1200 Krankenhäuser zu konzentrieren. Bühl wird ab dem 1. Januar (ebenso wie Forbach) nicht mehr zu diesen Notfallkliniken gehören. Im Bereich des Klinikums Mittelbaden wird diese Aufgabe von den Standorten in Baden-Baden (Balg) und Rastatt wahrgenommen.

Im Rettungswagen durch Mittelbaden

Das wirft Fragen auf. In diesem Jahr irrten bereits ein Herzinfarktpatient und eine werdende Mutter in Rettungswagen durch Mittelbaden und fanden hier in keiner Klinik Aufnahme (eine genaue Beschreibung dieses Vorfalls findet sich weiter unten in diesem Beitrag). An dieser erzwungenen Odyssee der Patienten waren aber nicht nur Häuser des Klinikums Mittelbaden, sondern auch solche in Offenburg und Karlsruhe beteiligt.

Röder: „Klinikplätze reichen grundsätzlich“

„Grundsätzlich gibt es noch genug Klinikplätze in Mittelbaden“, erklärt Norbert Roeder, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikums Mittelbaden, auf Anfrage dieser Zeitung. „Es wird aber immer seltene Situationen geben, in denen es eng wird.“ Roeder vergleicht dies mit mehreren Großbränden, die gleichzeitig in einer Stadt ausbrechen können. „In einem gestuften System helfen sich die Kliniken bei Engpässen aber gegenseitig“, berichtet er. „Der Rettungswagen bringt den Patienten bei Kapazitätsproblemen zum nächsten Krankenhaus, das für seine Versorgung geeignet ist, in extremen Fällen auch zum übernächsten.“ Aus Sicht von Roeder ist diese Lösung alternativlos: „Das Klinikum Mittelbaden kann beispielsweise auch nicht die Kapazitäten bereithalten, die notwendig sind, um alle Opfer eines großen Zugunglücks zu versorgen.“

Nächstes Krankenhaus nicht immer geeignet

Die für den jeweiligen Patienten geeignete Klinik ist dabei allerdings keineswegs immer die nächste. Herzinfarktpatienten werden beispielsweise vom Rettungswagen nach Rastatt und Baden-Baden gebracht, weil nur dort die für „eine zeitgemäße und leitliniengerechte Behandlung“ notwendigen Herzkatheterplätze zur Verfügung stehen (wir berichteten). „Das ist eine gute Lösung“, konstatiert Roeder. „Vor zwei Jahrzehnten wurden solche Notfälle noch in das nächste Krankenhaus gebracht. Durch die Weiterentwicklung der Behandlung und die dafür durchgeführte Spezialisierung von Kliniken haben wir in Deutschland erreicht, dass die Sterblichkeit nach Herzinfarkt in den vergangenen 20 Jahren deutlich gesenkt wurde. Durch eine solche Spezialisierung von Kliniken und der Einrichtung von Schlaganfallstationen (Stroke Units) wurde ebenfalls die Zahl der schwerer behinderten Patienten nach Schlaganfällen erheblich reduziert. Würde man heute solche Patienten in nicht spezialisierte Krankenhäuser einliefern, wäre dies keine adäquate Versorgung.“

Das Klinikum im Baden-Badener Stadtteil Balg wird in Zukunft eine der beiden zentralen Anlaufstellen für Notfallpatienten im Landkreis Rastatt und Stadtkreis Baden-Baden sein. | Foto: Ulrich Coenen

Engpässe in der Intensivmedizin

Nach Ansicht Roeders ist die klinische Versorgung in Deutschland deutlich besser als in den meisten anderen europäischen Ländern. Im Grunde gebe es nur im Bereich der Intensivmedizin Engpässe. „Es kommt deshalb immer wieder vor, dass sich Kliniken aus diesem Grund mit ihren Intensivstationen bei den Rettungsleitstellen aufgrund apparative oder personeller Engpässe abmelden“, berichtet er. „Das bedeutet aber nicht, dass in solchen Fällen der Notarzt nicht ausrückt. Es bedeutet lediglich, dass der Patient nicht in das betroffene Krankenhaus eingeliefert werden kann, sondern in die nächste für seinen Fall geeignete Klinik gebracht wird. Wenn es jedoch aufgrund seines Zustandes notwendig ist, wird der Patient auch in ein abgemeldetes Krankenhaus gebracht. Er muss dann aber eventuell nach Stabilisierung weiterverlegt werden.“

Gut aufgestellt

Das Klinikum Mittelbaden ist nach Einschätzung Roeders im Hinblick auf seine Intensivmedizin vergleichsweise gut aufgestellt. „Unsere Intensivpflegeplätze reichen an den meisten Tagen im Jahr aus“, meint er. „Allerdings haben auch wir, wie alle anderen, gerade in diesem Bereich Personalprobleme. Der Bundesgesundheitsminister gibt ab 2019 eine Personalmindestmenge für eine Intensivstation vor. Wird diese beispielsweise wegen Krankheitsausfällen unterschritten, müssen wir diese Station offiziell abmelden.“

Keine Entscheidung der Geschäftsleitung

Roeder betont, dass die Entscheidung, Bühl (und Forbach) aus der Liste der Notallkliniken zu streichen, keine Entscheidung der Geschäftsführung war. Der bereits erwähnte Bundesausschuss habe diese Strukturentscheidung für ganz Deutschland und 600 Krankenhäuser gefällt.

Im Hinblick auf die zukünftige Notfallversorgung in den Kliniken Bühl und Forbach versucht Norbert Roeder Bedenken und Ängste zu zerstreuen. Die Häuser seien auch ab dem 1. Januar rund um die Uhr für Patienten geöffnet, allerdings würden sie von Rettungswagen nicht mehr angefahren. Weil beide keine offiziellen Notfallkrankenhäuser nach der neuen vorgegebenen Struktur mehr seien, werden die Patienten nach Baden-Baden oder Rastatt gebracht. „Patienten, die aber selbstständig in die Bühler oder Forbacher Klinik kommen, werden weiterhin versorgt“, erklärt Roeder. „Ist aber beispielsweise eine Operation notwendig, werden sie nach der Erstversorgung mit dem Rettungswagen nach nach Baden-Baden oder Rastatt gebracht. Dies gilt nicht für die Handchirurgie, weil diese Abteilung in Bühl angesiedelt ist. Handoperationen werden selbstverständlich auch in Notfällen in Bühl durchgeführt, Handverletzte werden auch mit dem Rettungswagen weiterhin nach Bühl gebracht.“ 

Fast zwei Stunden im Rettungswagen

Der bundesweite Mangel an Intensivpflegeplätzen hat Folgen, auch in Mittelbaden. Eine werdende Mutter aus Bühl erlebte vor einigen Monaten auf dem Weg zur Entbindungsstation eine Odyssee im Rettungswagen durch die gesamte Region. Länger als eineinhalb Stunden war sie unterwegs. Weil das Kind bereits in der 34 Woche zur Welt kam und die Mutter eine tiefsitzende Plazenta hatte, war es eine Geburt mit Risiken.

Fruchtblase geplatzt

„Es war kurz vor 17.30 Uhr, als mich meine schwangere Frau anrief“, berichtet der Vater. „Die Fruchtblase war geplatzt.“ Als er daheim ankam, war seine Frau trotz drei Anrufen in der Rettungszentrale immer noch daheim. „Es war einiges nach 18 Uhr als der Rettungsdienst eintraf“, erklärt der Vater.
„Die Leitstelle wurde angefunkt, Abfahrt nach Baden-Baden. 15 Minuten später, wir waren kurz vor Sinzheim, kam die schockierende Mitteilung: Baden-Baden lehnte ab. Es nützte auch nichts, die Vorerkrankung zu erläutern. Wir durften nicht in diese Klinik fahren.“

Geburt mit Risiken

Das Ehepaar war fassungslos. Der Vater erinnert sich: „Ich dachte damals nur an die kompetente Antwort des Oberarztes des Klinikum Mittelbaden Baden-Baden auf die Frage eines Kreissaalführungsteilnehmers. Was ist wenn hier voll ist? Antwort: Diesen Moment werden Sie in dieser Klinik niemals erleben.“

Offenburg sagt „Nein“

Der fast unglaubliche Bericht geht weiter: „Der Rettungswagen wendete, kurze Absprache mit der Leitstelle und es war entschieden. Wir fuhren nach Offenburg. Mittlerweile in Richtung Ottersweier noch immer ohne Blaulicht unterwegs, verstand ich warum, denn Offenburg lehnte auch ab. Es sei keine Hebamme im Haus. Der Rettungswagen wendete erneut, doch er fuhr nicht mehr weiter, jetzt schaltete er das Blaulicht ein, wir hielten auf dem Parkplatz der ZG Raiffeisen in Bühl.“

Eltern in großer Sorge

Der Vater berichtet, dass das Rettungsteam um 19 Uhr den Notarzt alarmierte. „Die Sorgen in meinem Kopf waren riesengroß“, erinnert er sich. Der Notärztin gelang es schließlich, einen Platz im städtischen Klinikum Karlsruhe zu organisieren. „Zu diesem Zeitpunkt waren einige Kilometer Stau auf der Autobahn“, sagt der Vater. „Das bedeutet 50 Kilometer Bundesstraße, letztlich waren die letzten Kilometer vor Karlsruhe doch wieder auf der Autobahn möglich. Es war eine Fahrt voller Angst.“ Kurz nach 20 Uhr erreichte der Rettungswagen Karlsruhe. Um 22.25 Uhr kam der Sohn zur Welt und wurde gleich auf die Intensivstation verlegt. Erst drei Wochen später kam er nach Hause.

Die Abteilung Geburtshilfe der Klinik in Bühl wurde 2016 geschlossen. | Foto: Ulrich Coenen

Viele Fragen offen

Für die junge Familie bleiben nach diesem Erlebnis viele Fragen offen, auch im Zusammenhang mit der Schließung der Geburtshilfe in Bühl. „Klar, in Bühl hätten wir nicht entbinden können, wir benötigten eine Kinderklinik“, räumt der Vater ein. „Doch hätte man uns in diesem Extremfall stehen lassen? Oder wäre in Baden-Baden Platz gewesen, wenn Bühl noch existiert hätte?“

Zu wenig Plätze in Frühchenstation

Dieser Fall stützt die Meinung von Norbert Roeder, Medizinischer Geschäftsführer des Klinikums Mittelbaden, der die zu geringe Zahl der Intensivpflegeplätze kritisiert. „Bei uns gab es keinen Engpass in der Geburtshilfe in Baden-Baden, was in meiner Zeit auch noch nie vorgekommen ist“, berichtet er. „Den Engpass gab es in der Frühgeborenenbehandlung, also im Bereich der Intensivpflege. Das ist ein Problem. Die Notärztin musste deshalb ein Krankenhaus mit Frühgeborenenstation suchen.“ Roeder bezeichnet den Fall der jungen Familie als „bedauerlich“ und deren Ängste als „nachvollziehbar“. „Die Geburtshilfe in Bühl hätte nicht geholfen, weil frühe Geburten grundsätzlich in einer Klinik mit Frühgeborenenstation stattfinden müssen. Das ist auch sinnvoll.“

Intensivpflege als Nadelöhr“

Roeder bezeichnet die Intensivpflegeplätze in den Kliniken als „Nadelöhr“, nicht nur bei Geburten. Er berichtet von einem kuriosen Fall in Hamburg. Zwei Drillinge mussten wegen personeller Engpässe in der Intensivpflege in andere Kliniken verlegt werden, ein Baby nach Oldenburg. „Das ist nicht gut“, sagt Roeder. Der Personalmangel und der vom Gesetzgeber vorgegebene Personalschlüssel von einer Pflegekraft für zweieinhalb Patienten am Tag seien der Grund. Den Personalschlüssel, der sich nur an der Patientenzahl, nicht aber am jeweiligen Pflegeaufwand für die Patienten orientiert, hält Roeder für „Quatsch“.