Im Jahr 1892 rangiert hier die Tenderlok der SSB am Bühler Lokalbahnhof, während auf der Staatsbahnstrecke ein Zug hält. | Foto: Sammlung Thomas Kohler

„Enteköpfer“ wäre 125 Jahre

Wichtiger Wirtschaftsfaktor

Bahngeschichten gibt es in Bühl jede Menge. Bis 1956 konnte man, angesichts von Bühlertalbahn und MEG, von einem Bahnknoten sprechen. Das Empfangsgebäude gehört zu den ältesten erhaltenen seiner Art in Deutschland. Die Güterhalle war ein wichtiger Obstumschlagplatz. Die beschrankten Bahnübergänge und der Ausbau der Rheintalbahn sind weitere Kapitel dieser spannenden Geschichte, über die der Acher- und Bühler Bote in loser Folge berichtet.

Heute heißt es kurz und bündig „Chefsache“. Das waren Planung und Bau der „Lokalbahn von Kehl nach Lichtenau und Bühl“ auch damals, in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre. Die Verantwortlichen sahen den Verkehr auf der Schiene als wichtigen Wirtschaftsfaktor. Die Wortwahl freilich war eine andere. „Friedrich, von Gottes Gnaden Großherzog von Baden, Herzog von Zähringen“, beauftragte damals „den Präsidenten Unseres Finanzministeriums, Geheimen Rat Ellstätter, Unseren getreuen Ständen, und zwar zunächst der zweiten Kammer, den anliegenden Gesetzesentwurf, die Erbauung einer Lokalbahn von Kehl nach Lichtenau und Bühl betreffend, zur Beratung und Zustimmung vorzulegen. Gegeben Karlsruhe, den 6. Januar 1888. Friedrich.“ (Original im Generallandesarchiv in Karlsruhe/GLA).

Großherzog eröffnete Bahn am 4. Januar 1892

Dem allerhöchsten Auftrag gemäß wurde die Lokalbahn, im Volksmund später „Enteköpfer“ genannt, unter Einbeziehung der Hanauerland-Gemeinden projektiert, gebaut und – vor nunmehr 125 Jahren am 4. Januar 1892 – durch den Großherzog eröffnet. Der erste fahrplanmäßige Zug startete am Montag, 11. Januar. Konzessionsnehmer war ein damals die Straßburger Straßenbahnen (SSB).

Wirtschaftliche Impulse für das Hanauerland

Die Lokalbahn hatte einen klaren Zweck: Sie sollte das Hanauerland erschließen, den Anschluss zur Staatsbahn herstellen und so ihren maßgeblichen Teil zum wirtschaftlichen Aufschwung leisten. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte sich das größte zusammenhängende, meterspurige Schienennetz Europas, auf dem man linksrheinisch mit der Bahn von Marckolsheim (bei Colmar) bis Straßburg kam, rechtsrheinisch von Selbach bis Rastatt.  Um die Zusammenhänge zu verstehen, warum gerade die Straßburger Straßenbahn-Gesellschaft als Konzessionsnehmer und Mitinitiator des rechtsrheinischen Streckenausbaus auftritt, ist ein Blick auf die Geschichte nötig. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 gehörte das Elsass zu Deutschland. Das war bis 1918 so, nach dem von den Deutschen angezettelten und verlorenen Ersten Weltkrieg wurde das Elsass wieder Französisch.

Netz mit gut 260 Kilometer Gesamtlänge

Thomas Kohler, Vorsitzender des Modellclubs 1:87 Lichtenau, erforscht seit vielen Jahren intensiv die Geschichte dieser Bahn(linien). Er hat anhand alter Streckenpläne das Netz vor 1918 rekonstruiert und kommt auf 263 Kilometer Gleislänge. Kohler und sein Vereinskollege Thomas Gries sind in gleich in mehrfacher Hinsicht von der Lokalbahn – am 1. November 1923 wurde die Strecke Kehl–Lichtenau–Bühl von der Mittelbadischen Eisenbahn-Gesellschaft übernommen – begeistert. Nicht zuletzt wirkt da die Tatsache mit hinein, dass die Bahn auf sehr basisdemokratischem Weg zustande kam. „Die Pläne wurden zwischen 1888 und 1890 in den betroffenen Gemeinden offen gelegt, jede Kommune durfte ihre Anmerkungen dazu machen.“

Thronrede entflammte Begeisterung für Eisenbahn

Nach der Thronrede des Großherzogs im Vorfeld der Planungen brannten die Menschen im Hanauerland geradezu auf einen Bahnanschluss. Jedes Dorf wollte dabei sein. So gab es zwei Konzepte für die Linienführung, eines sah den Weg über Diersheim vor, das andere den über Bodersweierer. Verwirklicht wurde die Strecke über Diersheim.

Es gab vier Varianten

Wie intensiv sich alle Beteiligten damals Gedanken über die beste Trassierung machten, zeigt das Beispiel Lichtenau. „Es gab vier Varianten“, hat Kohler beim Studium der Akten herausgefunden, letztlich erhielt die Trasse durch die Ortsmitte den Zuschlag. Immerhin bis 22. Dezember 1980 rollten noch zwischen Schwarzach und Scherzheim Güterzüge auf Meterspur auch durch das Hanauerland-Städchen. In den frühen Jahren beförderten Dampfloks die Züge auf der Lokalbahn.

Schwarzach, hier Schwarzach... Von der Münstergemeinde konnte man einst per Bahn in die weite Welt reisen. Das Bild stammt von 1892.
Schwarzach, hier Schwarzach… Von der Münstergemeinde konnte man einst per Bahn in die weite Welt reisen. Das Bild stammt von 1892. | Foto: Sammlung Thomas Kohler

Die ersten Maschinen stammten aus der Lokomotivschmiede im elsässischen Grafenstaden. Es waren Zweikuppler, die bei einem Gewicht von 16 Tonnen 1 900 Kilogramm Zugkraft brachten und in der Spitze 40 Kilometer pro Stunde schnell waren. Auf rund 400 Kilogramm Kohle und knapp zwei Kubikmeter Wasser beliefen sich die Betriebsvorräte. So ein Zug hatte, das zeigen alte Fotos, drei bis vier Wagen, meist war einer davon ein Pack- oder Güterwagen. „Es gab sogar eine Bahnpost, was durch Stempel belegt ist“, so Thomas Kohler. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit setzten die Verantwortlichen ab 1934, also vergleichsweise früh, beim Personentransport auf Dieseltriebwagen. Man war damals auf der Lokalbahn eine Weile unterwegs. 1939 zu Beispiel ging der Zug ab Kehl Bahnhof um 12.23 Uhr, ab Lichtenau um 13.29 und erreichte Schwarzach um 13.40 Uhr. Dort bestand Anschluss nach Rastatt, bevor es um 14.53 Uhr Richtung Bühl (an 14.12 Uhr) weiter ging. 1964 hatte sich die Fahrzeit mit dem Dieseltriebwagen etwas verkürzt, um 18.08 Uhr war Abfahrt in Bühl (Lokalbahnhof), Kehl Turnhalle wurde schließlich um 19.30 Uhr erreicht.

Heute benötigt man mit der Regionalbahn von Bühl nach Kehl 45 Minuten – mit Umsteigen und 21 Minuten Warten. in Appenweier.