Einen umlaufenden Balkon soll das Windeck-Gymnasium nach dem Siegerentwurf von Dasch, Zürn und Partner erhalten. | Foto: Ulrich Coenen

Architektenwettbewerb

Neue Haut mit Balkonen für Bühler Windeck-Gymnasium ist der Clou

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Das Windeck-Gymnasium in Bühl wird in den Rohbauzustand zurückversetzt und saniert. Ein Architektenwettbewerb brachte die Entscheidung, wie die Schule aus den 1970er Jahren in Zukunft aussehen soll. Die „Energieschleuder“ soll nicht nur schick aussehen, sondern auch „klimatauglich“ werden. Die BNN stellen die besten Wettbewerbsbeiträge mit vielen Fotos vor. 

Ressourcen geschont

Dieser Wettbewerb folgt dem Zeitgeist, wenn auch ein wenig unfreiwillig. Als der Bühler Gemeinderat vor einem Jahr einstimmig den Grundsatzbeschluss für die Sanierung des Windeck-Gymnasiums gefasst und sich gegen einen Neubau entschieden hat, geschah dies weniger, um Ressourcen zu schonen. Der Bestandsbau weist nämlich einen leichten Flächenüberhang auf. Mit anderen Worten: Wenn die Bühler neu bauen würden, hätten die Schüler in den Klassenräumen jeweils einige Quadratmeter weniger zur Verfügung. Weil außerdem nur die Sanierung und nicht der Neubau subventionswürdig ist, fiel dem Gemeinderat die Entscheidung nicht schwer. Immerhin geht es um drei bis vier Millionen Euro, die die Kommune als Förderung vom Land erwartet.

Fassadenaufriss mit Laubengang der zweiten Preisträger AS Architektur + Stadtplanung/ Atelier 30 Architekten | Foto: Ulrich Coenen

Nachdem seit einigen Wochen eine Kommune nach der anderen den Klimanotstand ausruft (unter anderem auch Bühl), erweist sich die Entscheidung für den Erhalt des Stahlbetonbaus, der bis auf das Traggerüst zurückgebaut werden soll, als goldrichtig.

Energieschleuder

Die 2017 beim Architekturbüro Thomas Thiele (Freiburg) in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie hat ergeben, dass eine Sanierung grundsätzlich möglich ist und die Schule anschließend Neubaustandard haben würde. Seit der Fertigstellung vor fast einem halben Jahrhundert ist das Windeck-Gymnasium mit seinen Nachtspeicheröfen eine Energieschleuder, die – wenn man Schülern aus den 1970er Jahren Glauben schenken darf – schon damals nicht richtig funktioniert hat.

Klassentrakt des Windeck-Gymnasiums mit Haupteingang | Foto: Bernhard Margull

Das Haus der Erde

Der Bund Deutscher Architekten (BDA) hat im Mai in Halle das Positionspapier „Das Haus der Erde“ verabschiedet. Der Erhalt des Stahlbeton-Skeletts des Windeck-Gymnasiums, der das Klima schont, liegt voll auf der Linie dieses Papiers des ältesten deutschen Architektenverbandes. „Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen“, heißt es dort. „Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss. Die graue Energie, die vom Material über den Transport bis zur Konstruktion in Bestandsgebäuden steckt, wird ein wichtiger Maßstab zur energetischen Bewertung sowohl im Planungsprozess als auch in den gesetzlichen Regularien. Wir brauchen eine neue Kultur des Pflegens und Reparierens.“

Der Klassentrakt des Windeck-Gymnasiums (rechts) wird generalsaniert, die jüngeren Trakte (links) werden nicht verändert. Der älteste Trakt aus den 1970er-Jahren wird bis auf das Stahlbetonskelett zurückgebaut. | Foto: Geobasisdaten www.lgl-bw.de

Neubau wäre billiger

Auf diese Weise spart man zwar Ressourcen, aber kein Geld. Im Gegenteil: Die Kosten für einen Neubau der Bühler Schule hat die Stadt im vergangenen Jahr auf 17,1 Millionen Euro kalkuliert. Die Sanierung ist mit 17,6 Millionen Euro immerhin eine halbe Million Euro teurer. Dennoch ist die Entscheidung für die Sanierung in diesem konkreten Fall gut. Der lang gestreckte zweigeschossige Baukörper mit Flachdach bietet Planern viele Möglichkeiten. Das zeigte sich im nun abgeschlossenen Realisierungswettbewerb. Die Schule erhält nicht nur ein völlig neues Gesicht, sie wird auch in fast jeder Hinsicht wie ein Neubau erscheinen.

Fassadenaufriss des dritten Preisträgers Röcker Gork Architekten | Foto: Ulrich Coenen

Kein gutes Beispiel

Die zweite Haut, mit der die beiden ersten Preisträger des Wettbewerbs das Windeck-Gymnasium einhüllen, ist der Clou. Die meisten der zwölf Teilnehmer blenden einfach eine neue Fassade auf den unattraktiven Stahlbetonbau aus den 1970er Jahren, der kein gutes Beispiel für den Schulbau dieser Zeit darstellt und im Laufe von mehr vier Jahrzehnten das eine oder andere Mal umgestaltet wurde.

Mehr als nur Dämmmaterial

Die vorgeblendete neue Fassade aus Aluminium, die der dritte Preisträger Röcker Gork Architekten (Stuttgart) verwendet, oder die Holzfassade des fünften Preisträger Kubus 360 (ebenfalls Stuttgart) erfüllen selbstverständlich die aktuellen Anforderungen an die Bauphysik eines modernen Schulgebäudes und machen der Energieschleuder der Garaus. Die Stadt als Bauherrin erwartet von einer Sanierung, die teurer als ein Neubau ist, allerdings mit Recht mehr, als dass das Bestandsgebäude lediglich in Dämmmaterial eingepackt wird. Das Preisgericht kritisiert vor diesem Grund in seinem Protokoll die Alufassade als „sehr schematisch“, der Holzfassade wird eine „monotone Durchbildung“ attestiert.

Schnitt mit Aula und Sitzstufenanlage der ersten Preisträger Dasch, Zürn und Partner. | Foto: Ulrich Coenen

Zweiter Fluchtweg sieht gut aus

Da haben die beiden ersten Preisträger deutlich mehr zu bieten. Mit der zweiten Haut für das Bestandsgebäude gibt es eine wichtige Parallele. Der erste Preisträger Dasch, Zürn + Partner (Stuttgart) plant umlaufende Balkone. Das sieht nicht nur schick aus, gleichzeitig dienen die auskragenden Balkone als zweiter Fluchtweg und als Sonnenschutz. Eine neue dreifachverglaste Metall-Glas-Fassade und im Bereich der geschlossenen Wandflächen eine Außendämmung mit hinterlüfteter Bekleidung sollen die bestehenden dramatischen Wärmebrücken schließen.

Schöner Laubengang

Das schöne Motiv des umlaufenden Laubengangs gibt es in einer sehr ausgeprägten Form beim zweiten Preisträger. Dabei handelt es sich um eine Arbeitsgemeinschaft (Arge) des Bühler Büros AS Architektur + Stadtplanung und des Kasseler Büros Atelier 30 Architekten. Der Laubengang wird durch schlanke Stützen rhythmisiert und auch die dahinterliegende eigentliche Fassade wird durch hochrechteckige Fenster und elegante Lammellen-Elemente aus Lärchenholz dazwischen gegliedert. Während die Fassaden des Siegerentwurfs immer noch ein Stück weit den wenig inspirierten Geist der 1970er Jahre ahnen lassen, ist davon beim Zweitplatzierten nichts mehr zu spüren.

Funktionalität im Innenraum

Die Funktionalität des Entwurfs von Dasch, Zürn + Partner für den Innenraum hat das Preisgericht letztendlich überzeugt. Zwar ist die Eingriffstiefe in den Bestand und damit das Tragwerk beim ersten und zweiten Preisträger gleichermaßen gering und damit wirtschaftlich, doch ist der zentrale Eingangsbereich, der Aula und Schülercafé vereint, nach Auffassung der Jury bei Dasch, Zürn und Partner im Hinblick auf den Schulalltag praktischer. Sie lobt, dass das Konzept der Sieger der Schule „einen gänzlichen neuen Charakter verleihen wird“.

Situationsplan des ersten Preisträgers Dasch, Zürn und Partner. Links der Altbau aus den 1970er Jahren, rechts der Neubau, der von der Sanierung nicht betroffen ist. | Foto: Ulrich Coenen

Aula und Schülercafé

Die bestehende Treppe im Bereich der zentralen Aula soll abgerissen werden. Die Architekten planen eine zweigeschossige Eingangshalle mit Sitzstufenanlage, die sie Forum nennen und die im Erdgeschoss wieder als Aula dient. Im Obergeschoss befindet sich im Kontext mit einer umlaufenden Galerie das Schülercafé, das einen schönen Blick in die Aula erlaubt.

Viele Gemeinsamkeiten

Die Arge aus den beiden Büros aus Bühl und Kassel nennt ihre Kombination aus Eingangsbereich und Aula im Erdgeschoss und Schülercafé im Obergeschoss „Markplatz“. Die Konzeption ähnelt der von Dasch, Zürn + Partner im Grundsatz. Die Treppenanlage, die mit einer Tribüne kombiniert wird, ist spektakulär, im Hinblick auf die praktische Nutzbarkeit im Schulbetrieb aber weniger alltagstauglich.

Aula mit Treppenhaus des fünften Preisträgers Kubus 360 | Foto: Ulrich Coenen

Zeitloses Erscheinungsbild

Die Fassadengestaltung im gemeinsamen Entwurf der Büros AS Architektur + Stadtplanung und Atelier 30 ist der anspruchsvollste Beitrag im Teilnehmerfeld und lässt die Fassaden des Siegers fast ein wenig steril erscheinen. Das Preisgericht lobt das „zeitgemäße und das zeitlose Erscheinungsbild“ der Arge aus Bühl und Kassel. Schade, dass man nicht darüber nachgedacht hat, die beiden erstplatzzierten Entwürfe im Hinblick auf außen und innen zu kombinieren. Schließlich haben die Preisrichter dem Träger des ersten Preises gleich mehrere Hinweise zur Optimierung seines Entwurfs ins Protokoll geschrieben.