Da schwebt sie dahin , die Acherbrücke der MEG in Lichtenau. 125 Jahre war sie an Ort und Stelle. | Foto: Jörg Seiler

125 Jahre alte Brücke abgebaut

Zeugnis der MEG-Geschichte

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Es schien, als wehrte sich die alte, ehemalige Eisenbahn-Brücke doch etwas, nach 125 Jahren ihren angestammten Platz über die Acher in Lichtenau verlassen zu müssen. Der Autokran jedenfalls musste früh morgens, um 7.30 Uhr, mehrfach ansetzen. Die Metallkonstruktion wollte einfach nicht von den Brückenlagern weichen. Also wurde die große Motorflex ausgepackt, dann mehrfach die Hebeketten umgehängt, und schließlich – mit einem etwas verärgerten Knurren verließ das gut drei Tonnen schwere Stück seinen bisherigen Platz.

Neue Heimat bei der Selfkantbahn

Aufs „Alteisenteil“ muss sie glücklicherweise nicht. Sie findet, wie schon zahlreiche Fahrzeuge und andere Relikte aus Zeiten der Mittelbadischen Eisenbahn-Gesellschaft (MEG), eine neue Heimat bei der Selfkantbahn. Die engagierten Museumsbahner, die ihre Stammstrecke zwischen Gillrath und Schierwaldenrath (Nähe Aachen) haben, wollen die Brücke restaurieren und in ihrer ureigenen Funktion wieder verwenden. „Noch ist das viel Zukunftsmusik“, so Martin Kilb von der Selfkantbahn, „wir werden die Brücke erst einmal einlagern“.

Brücke war für uns ein Abenteuerspielplatz

Zu den äußerst interessierten Zaungästen gestern Morgen gehörte Thomas Kohler, der vom Ende dieses Kapitel MEG-Geschichte einige Fotos machte. Der Vorsitzende des Modellclubs 1:87 Lichtenau und ausgewiesene Kenner der Mittelbadischen Eisenbahn verbindet einige persönliche Erlebnisse mit dieser Brücke: „Als Kinder sind wir oft unten drunter gesessen und haben die Züge über uns hinweg donnern lassen.“

Am Ochsen in Lichtenau vorbei führt der Weg der MEG Richtung Scherzheim. | Foto: Sammlung Kohler

Dass dieses Stück Zeitgeschichte nun seinen Weg von Mittelbaden nach Nordrhein-Westfalen antritt, resultiert aus der guten Verbindung zwischen Selfkantbahnern, Modellclub und den hiesigen Kommunen. Unterstützte damals die Gemeinde Rheinmünster die Bergung der Schienen bei Stollhofen durch die Selfkantbahner, so brachte sich nun die Lichtenauer Stadtverwaltung ein. „Wir freuen uns, dass diese alte Brücke bei der Selfkantbahn erhalten bleibt“, so Bürgermeister Christian Greilach.

Startschuss für Erschließung des Baugebiets Warret III

Nun wird eine neue Brücke gebaut, eine Straßenbrücke.  Sie soll Ende Juni fertig sein, und darüber wird die Erschließung des Baugebiets „Warret III“ abgewickelt, erläutert Greilach weiter.Und so war der Abbau des alten Bauwerks eigentlich auch der Startschuss für die Arbeiten.

125 Jahre alte Brücke ist bestens dokumentiert

Die alte Eisenbrücke, gefertigt bei Linck in Oberkirch, lässt Eisenbahnhistoriker und Museumsbahnbetreiber jubilieren. Sie ist in einem Brückenbeobachtungsheft der Straßburger Straßenbahngesellschaft (SSB), Bauherrin der Lokalbahn Kehl–Lichtenau–Bühl, dokumentiert. Die „Acherbrücke Lichtenau, Kilometer 25,61 von Kehl“ wurde laut Aufzeichnungen am 11. Januar 1892 in Betrieb genommen. Sie liegt zwischen Haltepunkt Lichtenau (Süd) und Bahnhof Lichtenau-Ulm. Die beiden Träger sind 8,80 Meter lang, das Bauwerk ist 1,30 Meter breit und wiegt 3,177 Tonnen.

Auch über den Krebsbach in Schwarzach fuhr die MEG auf einer einfach gehaltenen Brücke. Sie lässt sich baulich mit der in Lichtenau vergleichen. | Foto: Sammlung Kohler

Die Kriegsjahre hinterließen keine Schäden. Indes lässt sich der Zeitenwandel an den Einträgen im Brückenbeobachtungsheft sehr gut ablesen. 1914 stempelt noch die SSB, Abteilung Nebenbahnen, bereits 1916 ist das SSB abgeschnitten, 1917/18 heißt es nur noch Betriebsleitung für Nebenbahnen. Ab 1923 zeichnet dann die MEG Betriebsleitung Kehl. 1954 enden die Einträge.

Reise in den Selfkant per Tieflader

Die Brücke wird nun bei der Baufirma Haas&Haas eingelagert, die die Selfkantbahner schon bei der Bergung eines MEG-Packwagens bei Rheinbischofsheim unterstützte. Im Mai soll das gute Stück, wenn alles nach Plan verläuft, auf dem Tieflader die Reise in den Selfkant antreten.