Dieter Wurm ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Der Bühler Architekt (hier vor dem Haus-Alban-Stolz) hat die Wirtschaftsgeschichte in Mittelbaden geprägt. | Foto: Ulrich Coenen

Nachruf

„Hausarchitekt“ von Schaeffler ist tot: Ein Bühler Architekt schrieb Wirtschaftsgeschichte

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Dieter Wurm ist tot. Der Gründer des größten Architekturbüros in Bühl ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Seine einzigartige Karriere ist eng mit dem Wirtschaftsboom der Stadt seit den 1960-er Jahren verbunden. „Klarheit ist meine Philosophie“, hat Dieter Wurm anlässlich seines 75. Geburtstags am 28. Juni 2011 im Interview mit dieser Redaktion gesagt.

Wurm hat nicht nur Architektur-, sondern auch Wirtschaftsgeschichte in Mittelbaden geschrieben. Sein Name ist untrennbar mit dem der Firma LuK (heute Schaeffler) verbunden. Wurm hat alle Bauten des Unternehmens im Gewerbegebiet Bühl errichtet und war darüber hinaus weltweit für die Schaeffler-Gruppe tätig.

Am Anfang standen Einfamilienhäuser

Im Gegensatz zu vielen renommierten Architekten seiner Generation in Mittelbaden war Wurm kein Eiermann-Schüler und trotzdem erfolgreich. Von 1956 bis 1961 studierte er Hochbau an der Fachhochschule Karlsruhe und machte sich im selben Jahr in Schönmünzach selbstständig. Dort hielt es den Bühler aber nur ein Jahr, dann verlegte er sein Büro in seine Heimatstadt. In den drei ersten Berufsjahren tat Wurm das, was die meisten jungen Architekten tun: Er plante Einfamilienhäuser.

Die Chance seines Lebens

Am 6. September 1964 erhielt er die Chance seines Lebens. Er sollte für die aufstrebende Firma LuK an der heutigen neuen Bundesstraße 3 ein großes Verwaltungs- und Fabrikgebäude bauen. Den Hinweis auf den jungen Architekten hatte die Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach übrigens von Bühls Bürgermeister Erich Burger erhalten. Das Büro Wurm hatte neben dem Inhaber damals nur einen einzigen Mitarbeiter. Der Chef expandierte. Bis in die 1990-er Jahre wuchs das Büro auf mehr als 40 Mitarbeiter.

Die neue Schaeffler-Zentrale in Bühl erfüllte die Wünsche der Bauherrschaft. Dieter Wurm wurde deren „Hausarchitekt“ und baute weltweit für das Unternehmen. In Brasilien, Mexiko und Südafrika entstanden Werke. Zweistellige Millionenbeträge als Investitionssummen waren für diese Projekte an der Tagesordnung. „Ich war viermal im Jahr in Brasilien“, erinnerte sich Wurm 2011 im Interview. „Ich bin immer gerne gereist, obwohl ich außer Flughäfen und Baustellen nicht viel gesehen habe.“

Schaeffler-Werk im Bühler Gewerbegebiet Bußmatten | Foto: Bernhard Margull

Erfolg im Architekten-Wettbewerb

Mitte der 1960-er Jahre gewann Wurm den Wettbewerb für das damals wichtigste Projekt in der Bühler Innenstadt: das Haus Alban Stolz. Das katholische Gemeindezentrum als repräsentatives öffentliches Gebäude nimmt im Œuvre des Industriearchitekten eine Ausnahmestellung ein. Am Ende seines Lebens musste Wurm aber erleben, dass dieses Hauptwerk plötzlich zur Disposition steht. Die Kirche will sich von dem Gebäude trennen. Dass es erhalten bleibt, ist unwahrscheinlich. Diese schmerzliche Erfahrung teilt Wurm mit vielen Architekten der Wirtschaftswunderzeit.

„Schnörkel kann man sich nicht erlauben“

Als Industriearchitekt habe er immer wirtschaftlich arbeiten müssen, betonte Wurm gerne. „Schnörkel kann man sich nicht erlauben, sonst wird es zu teuer“, konstatierte er 2011 im Interview. Die Bauherren schätzten dies. Schaeffler empfahl Wurm an andere Automobilzulieferer.

Doch auch mit einer klaren Formensprache kann man gestalten. Ein Beispiel ist das Schaeffler-Gebäude im Industriegebiet Bußmatten, das mit seinem kubischen Verwaltungsbau und der anschließenden Fabrikhalle mit ihren Sheddächern beeindruckt. Diese Dachform mit ihrer charakteristischen sägezahnartigen Silhouette verwendet Wurm seit den 1970-er Jahren. Gemeinsam mit dem damaligen LuK-Chef Ernst Kohlhage hatte er diese Idee.

In den Fußstapfen des Vaters

Das von Wurm gegründete Büro führt heute sein Sohn Robert, der 1990 in das väterliche Unternehmen eingetreten ist. Dieter Wurm hat sich 2007 aus der Leitung zurückgezogen. Robert ist als Architekt sehr erfolgreich, hat die Wettbewerbe für die Bühler Mediathek, die Bühler Realschule und das neue SWR-Medienzentrum in Baden-Baden gewonnen, darüber hinaus viele Architekturpreise erhalten. Ganz im Sinne des Vaters. Ulrich Coenen