Noch leer ist der künftige Wohnbereich des DLR-Forschungslabors in Köln, in dem die beiden Bergsteiger Ralf Dujmovits und Nancy Hansen ab Mitte Mai vier Wochen verbringen. | Foto: Stefan Nestler

Bühler Bergsteiger im Labor

Zwei Wochen auf „gefühlt“ 7 000 Höhenmetern

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Die schweren Rucksäcke und die Steigeisen bleiben zu Hause, mit kräftezehrenden Aufstiegen bei Wind und eisiger Kälte ist diesmal nicht zu rechnen. Dafür warten anderen Herausforderungen – und die sind wahrscheinlich größer, als einen 8 000er zu besteigen. So kommentiert jedenfalls Billi Bierling, die frühere Assistentin und heutige Nachfolgerin der legendären Everest-Chronistin Elizabeth Hawley, auf Facebook die bevorstehende, rein wissenschaftliche Expedition des Bühler Bergsteigers Ralf Dujmovits und dessen Partnerin, der kanadischen Klettersportlerin Nancy Hansen. Gemeinsam wollen beide zwei Wochen lang auf „gefühlt“ 7 000 Höhenmetern verbringen – nicht etwa in Nepal oder Tibet, sondern in Köln, genauer gesagt in der Hypoxiekammer des medizinischen Forschungslabors „envihab“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Bei dieser Forschungsstudie, die das DLR in Kooperation mit der Universität Texas durchführt, geht es um die Frage, ob sich die Herzfunktion des Menschen in einer sauerstoffreduzierten Umgebung langfristig verbessert.

Leben im Forschungslabor

„Wir profitieren selbst mächtig von den Untersuchungen“, betont Dujmovits, der mit seiner Partnerin im DLR-Zentrum bereits zweimal auf Herz und Nieren untersucht wurde. Denn der eigentlichen Studie gehen umfangreiche Voruntersuchungen voraus. Ein weiterer Vor-Ort-Termin wird folgen, bevor es vom 15. Mai bis 19. Juni in die Hypoxiekammer des DLR-Forschungslabors geht.
Zuvor wollen sich Dujmovits und Hansen bei einer Wallis-Durchquerung vorakklimatisieren und im Anschluss – anlässlich des 85. Geburtstags von Dujmovits’ Mutter Hildegard – noch einige Tage im Schwarzwald verbringen.

Kein Fenster nach draußen

Dass das Leben im Labor gewöhnungsbedürftig sein wird, das haben beide bereits bei der ersten Besichtigung erfahren. Denn der völlig weiße Raum, der neben den medizinischen Geräten noch komplett als Wohnung für die Probanden eingerichtet wird, hat kein Fenster nach draußen und ist – abgesehen vom Schlafbereich – zu drei Viertel von den Wissenschaftlern vom Nebenraum aus einsehbar. „Am Anfang waren wir schon etwas von den Socken“, gesteht Dujmovits und ist gespannt auf die psychischen Faktoren dieses gleichermaßen ungewohnten wie ungewöhnlichen Experiments.
In den ersten 14 Tagen wird die simulierte Höhe in der Kammer von 3 000 auf 7 000 Meter gesteigert, indem Stickstoff zugeführt und die Sauerstoffkonzentration (normalerweise 21 Prozent) langsam auf acht Prozent reduziert wird. Wie bei einer alpinen Expedition wollen Dujmovits und Hansen zunächst einige Tage auf „gefühlten“ 5 000 Höhenmetern verbleiben, dann zwei „Vorstöße“ auf 6 000 und 7 000 Meter unternehmen und in der Folge wieder um jeweils 1 000 Meter zurückgehen. Dann sollen schließlich 14 Tage auf simulierten 7 000 Höhenmetern folgen.

Schneller Ausstieg möglich

Höhenmedizinische Untersuchungen am Mount Everest haben laut Dujmovits gezeigt, dass der Mensch zwei Wochen auf 7 000 Höhenmetern verbleiben kann. Der Bühler Bergsteiger, der als bisher einziger Deutscher auf allen 14 Achttausendern der Erde stand, hat beispielsweise im Jahr 2011 selbst am K 2 fünf Nächte in Folge auf über 7 000 Metern verbracht. Im Gegensatz zu den Bergen bleibt in der Kammer der Luftdruck konstant, sodass – falls nötig – ein schneller Ausstieg möglich ist.

Nancy Hansen wird für die Magnetresonanztomografie vorbereitet. | Foto: Ralf Dujmovits

Die Antarktis lockt im Winter

Die ersten beiden Wochen wollen die beiden selbst kochen und haben dazu eine detaillierte Liste für Küchenausstattung und Lebensmittel an das DLR weitergeleitet. Und um fit zu bleiben, lassen sie sich ein Laufband, ein Fahrradergometer und eine rotierende Kletterwand ins Labor stellen. Bücher – unter anderem über ihre im Winter geplante Antarktis-Expedition – sollen den Aufenthalt im Labor verkürzen, auch Fernseher, DVD-Player und Internet stehen bereit. Und die Kanadierin Hansen will die Zeit nutzen, weiter ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.
Entsprechend an die Höhe gewöhnt, bietet sich nach dem Aufenthalt im Labor eine große Bergtour geradezu an, wissen die Alpinisten und wollen dies auch nutzen. Das Ziel steht indes noch nicht fest: ein Siebentausender im Karakorum vielleicht – oder eine Expedition in Peru beziehungsweise eine schwere Alpenhochtour.

„Myokardiale Regeneration durch Hypoxie beim Menschen“ heißt der Titel der Pilotstudie, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Kooperation mit der Universität Texas durchführt und für die es die beiden erfahrenen Bergsteiger Ralf Dujmovits und Nancy Hansen als – gesunde – Probanden gewonnen hat.
Weitreichende Konsequenzen für die zukünftige Therapie von Herzpatienten erhoffen sich die Wissenschaftler von dieser Untersuchung. US-Forscher haben bei Experimenten mit Mäusen, bei denen man vorher einen Herzinfarkt verursacht hatte, festgestellt, dass sich der Herzmuskel nach zwei Wochen in sauerstoffreduzierter Umgebung wieder regeneriert. Jetzt soll festgestellt werden, ob die Herzleistung auch bei gesunden, durchtrainierten Menschen unter Hypoxie steigt. Dafür steigen die beiden Bergsteiger für insgesamt vier Wochen im DLR-Forschungslabor in Köln in eine Hypoxiekammer. Für eine weiterführende Studie, die in Texas erfolgen soll, wird als Testperson noch ein dritter erfahrener Bergsteiger gesucht, der sich bereits deutlich über 7 000 Höhenmeter aufgehalten hat und der einen Herzinfarkt erlitten hat.