Wo Fußball noch Breitensport ist: Vor allem die Pforzheimer Stadtvereine wie der FSV Buckenberg setzen in ihrer Jugendarbeit auf Kunstrasenplätze – und wären von der geplanten EU-Verordnung besonders betroffen. | Foto: Rubner

Fußball

1000 Nachwuchskicker bangen um Kunstrasen

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Von Sebastian Kapp
und Frank Seyen

 

Die Angst geht um im Fußballkreis Pforzheim. Die Angst vor einer EU-Verordnung, die es noch gar nicht gibt, die aber schon jetzt die sportliche Zukunft von mehr als 1 000 Jugendlichen rund um Pforzheim bedroht. Wie berichtet gibt es in Brüssel Planungen, Kunstrasenplätze mit Gummi-Granulatböden aufgrund des damit verbundenen Mikroplastiks bis 2022 zu verbieten. Doch wer wäre davon alles betroffen?

In der Goldstadt ist Granulat überall zu finden

Vor allem in der Goldstadt ist Gummi-Granulat omnipräsent. Stadtprimus 1. CfR Pforzheim etwa steht ein solcher Kunstrasenplatz zur Verfügung. Laut Vereinsvorsitzendem Markus Geiser wird dieser intensiv genutzt, sowohl für das Training der Oberliga-Mannschaft als auch für das der Junioren. „Wenn es keine Übergangsfrist gibt, stellen wir unseren Jugendbetrieb ein!“, sagt er gegenüber dem Pforzheimer Kurier. Zwischen 300 und 320 Jugendliche beträfe das beim Vorzeigeklub der Goldstädter. 430 000 Euro habe der Rasen seinerzeit gekostet, seit 2014 gibt es ihn. Mögliche Ersatzkosten seien für Architekt Geiser nicht abzuschätzen, er tippe auf eine sechsstellige Summe.

Gerade im Herbst und Winter wird der Kunstrasen genutzt

Noch stärker zittert man beim FSV Buckenberg, dem Verein mit der größten Jugendabteilung im gesamten Fußballkreis (rund 350 Jugendliche). „Wir wären betroffen“, bestätigt Sportvorstand Alex Abram. „Ohne unseren Kunstrasenplatz könnten wir den Spielbetrieb nicht aufrecht erhalten.“ Der Platz sei zwischen 17 und 21 Uhr ständig belegt, gerade auch von Jugendmannschaften. Vorher werde der städtische Platz anderweitig genutzt, etwa von Schulen. „Wir wären aufgeschmissen“, sagt Abram. Neben den Jugendtrainings sei auch noch ein anderer Punkt maßgeblich: Gerade im Winter sei der Rasenplatz unbespielbar, Training falle aus.

Hartplatz einst auch nicht die beste Lösung

Etwas delikatere Probleme hat man beim SV Büchenbronn und bei der PSG Pforzheim – beide Vereine haben einen Um- beziehungsweise Neubau des Kunstrasenplatzes beantragt. Dieter Rüdenauer, Präsident des SVB, ahnt Schlimmes: „Ich will da im Moment gar nicht nachfragen, wie es weitergeht.“ Immerhin sei das Projekt gebilligt und im Haushalt der Stadt vorgesehen. Jedoch hat wie berichtet das Land Baden-Württemberg als erste Reaktion bereits sämtliche Förderungen für Gummi-Granulat-Plätze ausgesetzt. Und der SVB wollte gerade von einem Sand- auf einen Gummiplatz wechseln, nachdem dieser erste Kunstrasen nach zehn Jahren bereits große Verschließerscheinungen zeigte, so Rüdenauer. Er könne nicht verstehen, warum das Mikroplastik des Gummi-Granulats ein solches Problem sei, wenn man den richtigen Kontext betrachte: „Vorher hatten wir einen Hartplatz. Da war die Verletzungsgefahr sehr groß. Viele Eltern haben gesagt, dass sie ihre Kinder nicht mehr spielen lassen, weil die nur noch mit Schürfwunden nach Hause kamen. Wo ist das denn gesünder?“, fragt Rüdenauer. Auch hier werde der Platz von Schulen und von der Jugendabteilung (180 Jugendliche) genutzt. Ob auch die PSG Pforzheim betroffen ist, konnte Sportvorstand Dieter Theurer am Dienstag nicht abschließend klären, die Lage sei hier allerdings etwas entspannter als in der Nachbarschaft. Auch die Stadt Pforzheim konnte auf Anfrage am Dienstag keine abschließende Übersicht über betroffene Plätze liefern, man wolle das aber nachholen. Künftige Plätze sollen jedenfalls gänzlich ohne Gummi-Granulat gebaut werden.

Es wäre für uns
der Genickbruch

„Ich habe von der EU-Verordnung erst am Wochenende erfahren, für uns würde dies den Worst Case bedeuten“, sagt Murat Sanlitürk vom SV Kickers Pforzheim. „Wir sind auf unseren Platz angewiesen, gerade als DFB-Stützpunkt wird dieser von allen Mannschaften und vor allem im Herbst und Winter genutzt. Es wäre für uns der Genickbruch“, sagt er weiter.
Noch die Ruhe bewahrt wird beim Fußball-Oberligisten FC Nöttingen. Seit 2013 gibt es den mit Granulat versehenen Kunstrasenplatz. „Über ungelegte Eier oder Dinge, die vielleicht in sechs Jahren einmal passieren könnten, mache ich mir Stand heute noch keine Gedanken“, sagt Vorstand und FCN-Gesamt-Geschäftsführer Dirk Steidl.

Dann müsste man auch
alle Autoreifen abschaffen

Beim FC Germania Singen war erst am Montag noch ein Unternehmen zur Reinigung des Kunstrasenplatzes vor Ort, über 200 Jugendliche und drei Senioren-Teams nutzen das Spielfeld, das es seit drei Jahren in Singen gibt. „Ohne Kunstrasenplatz wäre das alles für uns nicht machbar“, sagt Nino Di Piazza, als Vorstand zuständig für Gebäudemanagement und Infrastruktur. Noch versuche man ruhig zu bleiben, „schließlich wurde das alles ja auch einmal genehmigt“, sagt er. Seiner Meinung nach sei jedoch nicht das Granulat das Problem, sondern, wenn überhaupt, dann die Gummi-Halme. „Wenn man das abschafft, müsste man auch alle Autoreifen abschaffen. Diese haben sicherlich mehr Abrieb“, sagt er.

Häufig nutzen mehr als 200 Jugendfußballer das Kunstrasenfeld

Beim FC Alemannia Wilferdingen gehört der Kunstrasenplatz der Gemeinde. „Wenn das EU-Urteil so kommen sollte, müssten wir uns Gedanken machen“, sagt Sport-Vorstand Sven Vidojkovic, zumal der Kunstrasenplatz samt Granulat der einzige ist, der über eine Flutlichtanlage, die allerdings dem FCA gehört, verfügt. „Ab Oktober sind da alle Mannschaften drauf“, berichtet Vidojkovic. Vorerst herrsche im Verein keine Panik, „ich denke, wenn es so kommen sollte, würde man auch etwas Vorlaufzeit haben.“
Bitter wäre die EU-Verordnung für den FC Birkenfeld, der erst 2016 einen neuen Kunstrasenplatz erhielt, natürlich mit Granulat, und den das Ganze sogar rund 600 000 Euro gekostet hat. „Der ist unser Ein und Alles“, sagt FCB-Vorsitzender Wolfgang Römer. Auch hier trainiert vor allem die Jugend auf dem Platz, rund 200 Nachwuchskicker. Allerdings hat man wenigstens noch zwei Rasenplätze.

Vereinsvertreter hoffen bei eintretendem Fall auf Entschädigung

Überlegungen, sich einen neuen Kunstrasenplatz zu holen, gab es auch beim TuS Ellmendingen. Vorsitzender Helmut Mornhinweg bestätigt entsprechende Überlegungen. „Granulat wäre bei uns ohnehin nicht infrage gekommen, weil die neueste Generation mit Sand gebaut wird“, erklärt er. Dafür lägen die Kosten aber auch bei mindestens 600 000 Euro. Gerade in der Winterpause habe man sonst Probleme mit der Bespielbarkeit des Platzes oder auch mit dem Training. „Ich hoffe schwer, dass den Vereinen kein Schaden entsteht und sie entschädigt werden.“

FC Ispringen setzt auf Quarzsand

Entwarnung gibt es derweil für den FC Ispringen. Zwar hat auch dort die Gemeinde einen Granulat-Rasen angeschafft. Doch seit 2015 werde nur noch Quarzsand nachgefüllt, sagt Thomas Ruppender von der Gemeinde Ispringen. „Wir gehen davon aus, dass wir dann 2022 einen Platz haben, der komplett aus Quarzsand besteht“, sagt er. Man habe damals schon die Probleme mit der Umweltverträglichkeit gesehen, wenngleich die geplante EU-Verordnung auch die Ispringer überrascht habe. „Das ist schon eine Nummer und ein Problem, das die Basis wieder ausbaden muss“, sagt er.