548 Hektar: So groß ist der Wald in Remchingen, durch den Revierförster Dieter Konstandin (links) und der stellvertretende Forstamtsleiter Andreas Roth führen. | Foto: Wacker

Rundgang im Wald

Blattlose Kronen, trockene Teiche: der Wald im Enzkreis leidet unter dem Wetter

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Die Dürre der vergangenen Tage hat schwere Schäden im Laubwald im Enzkreis hinterlassen. Stellvertretend für die Region haben der stellvertretende Forstamsleiter Andreas Roth und der Remchinger Revierförster Dieter Konstandin durch den Nöttinger Forst geführt – was sie zeigten, war erschreckend.

Wie ein Spiegel in die Vergangenheit wirkt die mächtige Eiche, die gefällt an einem Waldweg im Nöttinger Forst liegt. Ihr Durchmesser mag gut und gerne einen Meter betragen. Als sie vor 160 Jahren aus einem Samen entstand, da war die Welt noch eine andere. Da gab es noch keinen deutschen Nationalstaat und die Pforzheimer Autopionierin Bertha Benz war gerade einmal ein Kind. Was drei Kriege und ein kalter danach nicht schafften, ist nun dem Klimawandel gelungen: Die stolze Eiche musste sterben, als eine von vielen.

Gefährlicher Indikator: Hölzerne Pilze zeigen eine Schwächung des Baumes an, wie der Remchinger Revierförster Dieter Konstandin erklärt. | Foto: Wacker
Krone wie Geweihe: Gerade in der oberen Etage zeigen sich bei Buche, Eiche & Co. die Schäden durch die Dürre. | Foto: Wacker

„Wir haben schon mehr als die Hälfte eines normalen Jahreseinschlags gefällt“, berichtet Revierförster Dieter Konstandin. „Und das im Mai.“ Die Trockenheit der vergangenen Woche hat den Wäldern im Enzkreis massiv zugesetzt. Eine erhöhte Waldbrandgefahr ist da nur eine der Folgen. Normalerweise, so erklären Konstandin und der stellvertretende Forstamtsleiter Andreas Roth bei einem Rundgang durch den Wald, suche man die Bäume nach Alter und Wuchs aus. Im Moment allerdings ist man eher als Sterbehelfer unterwegs.

Da ist kein Baum dabei, der keine Schäden aufweist.

Dieter Konstandin, Revierförster in Remchingen

Es reicht Konstandin ein kurzer Blick, und er hat bereits fünf, sechs weitere gefährdete Bäume ausgemacht. Selbst der Laie erkennt den schlimmen Zustand: Da wachsen Äste wie Hirschgeweihe aus der Krone, hölzerne Pilze setzen sich am Baumstamm fest, Blätter welken – und das im Frühling. „Da ist kein Baum dabei, der keine Schäden aufzeigt“, bemerkt Konstandin. Dass man sie stehen lässt, hat vor allem wirtschaftliche Gründe. „Wenn ich es nicht vermarkten kann, dann kann ich es auch aufrecht sterben lassen“, meint Roth.

Dürre wird im Wald zur Normalität

Es ist nicht die erste Dürre, mit der die Bäume zu kämpfen haben. „Das ist bereits der zwölfte trockene April in Folge“, meint Roth. Da stelle sich schon die Frage, ob das schon das neue „Normal“ bedeutet. Immerhin ist der Enzkreis nach Daten des Helmholtz-Instituts nicht einmal die am schlimmsten betroffene Region in Deutschland.

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Der Wald im Enzkreis ist nicht gleich Wald. Der Laubwald etwa in Remchingen, der bis zur Linie Keltern – Birkenfeld – Pforzheim reicht, gehört streng genommen noch zum Kraichgau, der südlich davon liegende Nadelwald zum Schwarzwald. Beide leiden unterschiedlich aufgrund der Dürre. Und dann gibt es noch lokale Faktoren, erklärt Roth, wie Boden und Baumart. Neben Remchingen seien auch die Wälder in Keltern, Kämpfelbach und Stromberg sowie im Heckengäu stark betroffen.

Förster kämpfen um die Eiche

Ein paar Schritte weiter den Wald hinein befindet sich eine Lichtung. Hier sollen Jungbäume wachsen, die mit Röhren vor Rehen geschützt werden, für die solche Bäumchen eine Delikatesse sind. Vor allem geht es um die Eiche. Die sei robuster in der Trockenheit als die Buche, erklärt Konstandin, habe aber ein Problem: Die Buche wächst schneller. Es ist ein Wettlauf, und die Buche hat einen Geschwindigkeitsvorteil. „Wenn wir hier nichts machen, dann haben wir hier zu 99 Prozent Buchenwald“, erklärt Revierförster Konstandin.

Handpflanzung des Waldes würde 1.000 Jahre dauern

Das Problem an der Buche ist nur: Sie kommt auf mittlere Sicht nicht so gut mit der Dürre zurecht wie die Eiche, geht deutlich früher ein. Und so haben die Förster alle Hände voll damit zu tun, einen Mischwald zu kreieren, der „in dieser Region keinesfalls natürlich ist“, wie Konstandin betont. Warum dann überhaupt Mischwald? Es gehe auch darum, zu schauen, welcher Baum sich am besten mit den neuen Bedingungen arrangieren kann, erklärt Roth. Und das geht auch nur punktuell. Um den ganzen Wald per Hand zu pflanzen, so rechnet Roth vor, bräuchte man etwa 1.000 Jahre.

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Das ist nicht einmal das, was die Förster auf der Lichtung zeigen wollen. Es geht um eine schuhgroße Pfütze. „Normalerweise ist das hier ein richtiger Teich“, sagt Konstandin. Sogar Amphibien sollen hier gelebt haben. „So trocken sieht es vielleicht sonst im August aus. Aber nicht im Mai. Wenn es nicht bald regnet, ist hier nichts mehr.“

Nicht jeder Besucher ist im Wald willkommen

Und dann kommt noch die Corona-Krise hinzu – seitdem sind hier deutlich mehr Menschen unterwegs, berichten die Förster. Wie zum Beweis fahren in diesem Moment zwei Quadfahrer vorbei. „Die haben hier nichts zu suchen“, schimpft Konstandin. Die Fahrer erkennen die Förster prompt und drehen um. „Die meisten benehmen sich sehr gut“, betont der Revierförster. Aber es gibt auch die anderen, die hier Müll hinterlassen oder mit den Förstern streiten, wenn die vorbeifahren. Wenigstens ein Gutes habe aber die Krise gehabt. „Die größte illegale Müllverbrennung haben wir hier immer am 1. Mai. Das war dieses Jahr nicht so“, sagt Roth.