Die Leiche von Simon Paulus wird im Pforzheimer Hagenschießwald verscharrt. Ein Forstarbeiter findet sie.
Die Leiche von Simon Paulus wird im Pforzheimer Hagenschießwald verscharrt. Ein Forstarbeiter findet sie. | Foto: Gress

Birkenfeld/Karlsruhe

Ein Fall wie ein überdrehter Fernsehkrimi: Der Mord an Simon Paulus

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Ein Mord. Eine vergrabene Leiche. Verschwundene Waffen. Vergewaltigungsvorwürfe. Private Sex-Videos. Ein Mordkomplott, bei dem wohl ein Suizid vorgetäuscht werden sollte. Abgehörte Telefonate. Eine Kriminalkommissarin, die eine Beziehung zu einem Mann hatte, der in den Mord verstrickt ist. Der Fall des getöteten Büchsenmachers Simon Paulus aus Birkenfeld im Enzkreis klingt, als hätte ein Drehbuchautor zu viele Wendungen in einer einzigen „Tatort“-Folge unterbringen wollen. Im Prozess vor dem Karlsruher Landgericht soll der Mord aufgeklärt werden – doch die Geschichte ist alles andere als einfach.

Von Ekart Kinkel, Julia Falk und Julius Sandmann

Der Fall Simon Paulus beginnt Ende August 2018. Zwei Tage nach seinem Verschwinden geht die Polizei an die Öffentlichkeit. Nicht nur der Jäger wird vermisst. Auch mehrere seiner Waffen sind verschwunden. Nachbarn wollen am Abend des 29. August einen Streit gehört haben. Die Polizei findet Blutspuren am Wohnhaus des 50-Jährigen. Die Sonderkommission „Wagner“ mit 40 Beamten wird eingerichtet.

Simon Paulus verschwindet aus seiner Wohnung in Birkenfeld im Enzkreis.
Simon Paulus verschwindet aus seiner Wohnung in Birkenfeld im Enzkreis. | Foto: Ehmann

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Wichtiges Detail: Simon Paulus ist tätowiert

Die Ermittler geben Fotos des Vermissten heraus und informieren darüber, dass Paulus eine Tätowierung hat – die später eine wichtige Rolle spielen wird. Noch haben die Beamten keine heiße Spur, halten aber ein Kapitalverbrechen für möglich.

Am Abend des 17. September wird im Kreis Calw eine männliche Leiche entdeckt. Das Ergebnis der Obduktion: Der Tote ist nicht Simon Paulus. Ende September erklärt die Polizei, dass eine große Menge Blut am Tatort gefunden worden sei – ein Verbrechen sei wahrscheinlich.

Am 2. Oktober 2018, einem Dienstag, lädt die Polizei zum Pressetermin – ohne neue Erkenntnisse. Zehn Minuten, nachdem der letzte Journalist gegangen ist, die Nachricht: Ein Forstarbeiter hat im Pforzheimer Hagenschießwald einen Toten entdeckt, der dort vergraben worden war. Wegen der Tätowierung vermuten die Ermittler sofort, dass es sich bei der Leiche um Simon Paulus handelt. Die Obduktion wird das später bestätigen.

Die Leiche von Simon Paulus wird im Hagenschießwald gefunden.
Die Leiche von Simon Paulus wird im Hagenschießwald gefunden. | Foto: Gress (Archiv)

Die Polizei bestätigt auch, was die BNN schon aus dem Bekanntenkreis des Jägers erfahren hatten: Paulus besaß weitaus mehr Waffen als die 30 verschwundenen. Mitte Oktober nehmen die Beamten den Mann fest, der nun als Hauptangeklagter vor Gericht steht, einen in Pforzheim lebenden, heute 30 Jahre alten Italiener. Ebenfalls festgenommen werden zwei mutmaßliche Komplizen – ein 27-jähriger Deutscher und ein 26 Jahre alter Grieche. Letztere werden zwar kurz darauf wieder freigelassen, Anfang Dezember aber erneut inhaftiert.

Mehr zum Thema: Angeklagter war zum Tatzeitpunkt mit Kommissarin liiert – sie ahnte von nichts

Drei Verdächtige werden freigelassen

Außerdem wird ein 42 Jahre alter Deutscher festgenommen. Rund um die Weihnachtswoche 2018 werden alle bis auf den Hauptverdächtigen wieder freigelassen. Die Polizei geht davon aus, dass der 30-Jährige, ein früherer Nachbar von Paulus, den Büchsenmacher alleine getötet hat.

Am 5. Februar dieses Jahres übergibt die Soko „Wagner“ die Akten an die Staatsanwaltschaft Pforzheim. Das im Oktober 2018 festgenommene Trio soll auch geplant haben, eine 61 Jahre alte Dame im Enzkreis zu überfallen und zu töten. Der Weg zur Anklage ist frei.

Die Soko „Wagner“ informiert über die Tat.
Die Soko „Wagner“ informiert über die Tat. | Foto: Ehmann

30-Jähriger wird des Mordes angeklagt

Der Prozess vor dem Karlsruher Landgericht unter Vorsitz des Richters Leonhard Schmidt beginnt am Montag, 29. April. Der 30 Jahre alte Hauptangeklagte wird des Mordes an Simon Paulus, des versuchten Mordes an der 61-Jährigen sowie der Vergewaltigung einer Frau beschuldigt. Der 42 Jahre alte Mann steht wegen Beihilfe zum Mord und Strafvereitelung vor Gericht. Der 27-Jährige und der 26 Jahre alte Mann müssen sich wegen versuchten Mordes an der 61-Jährigen verantworten.

Seit dem 29. April sind 14 Verhandlungstage vergangen. Dutzende Zeugen sind gehört worden. Während der Ermittlungen und des Prozesses geht es immer wieder um Waffen. Paulus sammelte sie. So besaß er eine halb automatische AR-15, die Sportschützen-Version des Militärgewehrs M4. „Waffen waren sein Ein und Alles“, sagt Paulus’ ehemalige Lebensgefährtin vor Gericht aus. Sowohl bei seiner Arbeit in einem Waffengeschäft als auch zu Hause an der Werkbank habe sich Paulus mit ihnen beschäftigt.

Ein AR-15-Gewehr. Eine ähnliche Waffe soll Simon Paulus besessen haben.
Ein AR-15-Gewehr. Eine ähnliche Waffe soll Simon Paulus besessen haben. | Foto: StockTrek Images

Wurde Simon Paulus wegen eines schiefgelaufenen Waffendeals getötet?

Der Verdacht steht im Raum, dass der Büchsenmacher wegen eines schiefgelaufenen Waffendeals getötet wurde. Simon Paulus‘ Waffen sind bis heute verschollen. Der Hauptangeklagte bestreitet die Tat und sagt aus, der 42-Jährige – ein ehemaliger Personenschützer – habe Paulus mit mehreren Fußtritten gegen den Kopf umgebracht. Motiv soll ein Streit über den Verkauf von Langwaffen gewesen sein.

Der Deutsche wiederum behauptet, der 30-Jährige habe Paulus getötet und ihn dann zum Abtransport der Leiche herbeigerufen. Von dem Italiener wurden auch DNA-Spuren in Paulus’ Wohnung sichergestellt. Beide Angeklagte, die sich aus einem Fitnessclub kennen, haben zugegeben, sich zur Tatzeit bei Simon Paulus aufgehalten zu haben.

Bislang deutet nichts darauf hin, dass das Gericht der Version des Hauptangeklagten Glauben schenkt. Der 42-Jährige, den er belastet, ist auf freiem Fuß. Seine Aussage deckt sich mit der des anderen angeklagten Deutschen, der dem Italiener dabei geholfen haben soll, die Leiche im Wald zu vergraben.

Polizistin hatte Beziehung mit einem der Angeklagten

Unklar ist für zahlreiche Prozessbeobachter die Rolle einer 31-jährigen Kommissarin der Karlsruher Kriminalpolizei. Sie war zum Zeitpunkt der Tat mit dem 42 Jahre alten Kampfsportlehrer liiert und wird von dem Hauptangeklagten beschuldigt, Ermittlungsdetails an ihren damaligen Freund weitergegeben zu haben.

Mehr zum Thema: Mord an Simon Paulus: Hauptangeklagter spricht von undichter Stelle bei der Polizei

Bei ihrer Aussage bestreitet die 31-Jährige diesen Vorwurf. Sie sei zu keinem Zeitpunkt in die Arbeit der Soko „Wagner“ eingebunden gewesen und habe keinerlei Details aus den laufenden Ermittlungen gekannt. Außerdem hätten ihre Kollegen von der Liaison mit dem Tatverdächtigen gewusst, deshalb sei vom Ermittlungsleiter eine Informationssperre verhängt worden. Das bedeutet, dass nur autorisierten Polizisten Zugang zu den Ermittlungsakten gewährt wird.

Der Fall wird vor dem Karlsruher Landgericht verhandelt.
Der Fall wird vor dem Karlsruher Landgericht verhandelt. | Foto: Deck

Kommissarin wusste von Vorstrafen ihres Ex-Freundes

Die Beziehung zu dem 42-Jährigen hat die Polizistin nach eigenen Angaben im November 2018 beendet. Der Grund: Ihr Freund habe sie bezüglich seiner finanziellen Situation und seiner Vergangenheit immer wieder angelogen. Dass der Kampfsportlehrer wegen Diebstahls, Körperverletzung und Verstößen gegen das Waffenrecht vorbestraft war, habe sie gewusst, sagt die Kriminalkommissarin. In den Tagen nach der Ermordung von Simon Paulus habe ihr Freund gesundheitliche Probleme gehabt und unter Magenschmerzen gelitten.

Ich darf Dienstgeheimnisse auch zu Hause nicht erzählen

Raphael Fiedler, Sprecher der Karlsruher Polizei

Die Beziehung einer Kriminalkommissarin mit einem mehrfach vorbestraften Mann wirkt zumindest ungewöhnlich. Aber die Regeln sind klar: „Ich darf Dienstgeheimnisse auch zu Hause nicht erzählen“, betont Raphael Fiedler, Sprecher der Karlsruher Polizei. Es gilt aber auch, dass sich der Arbeitgeber nicht in das Privatleben des Polizisten einmischt. „Der Dienstherr darf nicht in den höchstpersönlichen Lebensbereich eingreifen, sofern keine Dienstpflichten verletzt werden.“

Zudem verweist Fiedler auf die Wohlverhaltenspflicht. Demnach muss das Verhalten von Beamten „innerhalb und außerhalb des Dienstes der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die ihr Beruf erfordern“.

Drei Männer sollen Ermordung einer 61-jährigen Frau geplant haben

Neben der Ermordung von Simon Paulus soll der Hauptangeklagte nach Überzeugung von Staatsanwältin Claudia Roschinski auch den Mord an einer 61-Jährigen aus dem Enzkreis geplant haben. Er soll sich zusammen mit dem 27 Jahre alten Deutschen in der Nacht zum 15. Oktober 2018 zum Anwesen der Frau begeben haben, um sie in ihrem Haus zu töten und Schmuck, Bargeld und ihren Mercedes AMG zu stehlen.

Von ihrem Plan, sie mit einem Strick aufzuhängen und so einen Suizid vorzutäuschen, ließen die beiden Männer nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft nur deshalb ab, weil die Tochter der 61-Jährigen relativ überraschend im Haus ihrer Mutter übernachtete.

Tipps offenbar vom Liebhaber

Schlüssel und einige Tipps hatten die beiden Angeklagten offenbar vom Liebhaber der Frau erhalten, einem 26-Jährigen, der sich ebenfalls vor Gericht verantworten muss. Die Anklage basiert vor allem auf abgehörten Telefonaten zwischen den Tatverdächtigen.

Der 30-Jährige weist die Vorwürfe zurück und behauptet, die Männer hätten sich nicht über ein reales Verbrechen, sondern über einen geplanten Videodreh unterhalten. Außerdem fordert Ulrich Sommer, Verteidiger des Hauptangeklagten, eine Verwertungssperre für die Abhörprotokolle.

Hauptangeklagter soll seine Ehefrau vergewaltigt haben

Während des Prozesses weist der Hauptangeklagte auch den Vorwurf zurück, er habe seine Ehefrau vergewaltigt und sie nachts gegen ihren Willen sexuell missbraucht. Die Anklage stützt sich hierbei auf Videos, die bei den Ermittlungen gefunden wurden und in denen sich der 30-Jährige an seiner schlafenden Frau vergeht.

Er habe mit diesen Filmen das Vertrauen seiner Ehefrau mit Sicherheit missbraucht, sagt der Hauptangeklagte. Allerdings hätten die beiden Eheleute ein intensives Sexualleben gehabt und auch Videos von einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gedreht.

Am Dienstag findet der 15. Verhandlungstag statt. Vom 9. September an sind noch einmal fünf Prozesstage terminiert. Danach soll das Verfahren abgeschlossen werden.

 

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Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Paulus laut seiner ehemaligen Lebensgefährtin zumindest eine Zeit lang in einer Waffenfabrik gearbeitet hat. Das haben wir korrigiert.