Einzige Bürgermeisterin im Enzkreis: Birgit Förster möchte Vorbehalte gegen Frauen in Führungspositionen abbauen. Im Interview verrät sie auch ihr „Lieblingskompliment“, das sie von Männern bekommt. | Foto: J. Müller

Bürgermeisterin im Interview

Halbzeit für Birgit Förster in Niefern-Öschelbronn: „Meine Zielgruppe sind nicht die Dauernörgler“

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Birgit Förster startet an diesem Mittwoch in die zweite Hälfte ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin von Niefern-Öschelbronn. Zuletzt überschlugen sich die Ereignisse, Förster und ihre Gemeinde standen wegen der Corona-Krise immer wieder größer in den Schlagzeilen.

Vom ersten Covid-19-Fall in der Region bis zur Quarantäne der Mitarbeiter von Müller-Fleisch musste sie viel managen. Im Interview erzählt Förster, wie sie die kritische Zeit erlebt hat – und was ihr bei der Halbzeitbilanz wichtig ist.

Wussten Sie vorab, wie Sie auf den ersten Corona-Fall reagieren würden?

Förster: Nein, Corona hat niemand vorhersehen können. Das ist so überraschend über uns hereingebrochen. Klar war, dass der Schutz der Bürger an erster Stelle steht, zumal es in den ersten Wochen schon massive Forderungen und Fragen von einigen Leuten gab, wie man Infizierte erkennen kann, ob man ihre Häuser kennzeichnen kann. Das waren genau die Leute, die ihre Bürgerrechte am lautesten eingefordert haben und ihren Mundschutz ablegen wollten, als es sich entspannt hat.

Ich hatte tatsächlich Sorge, ob ich jetzt auch Corona habe.

Als es den ersten Fall in Ihrer Gemeinde zu managen gab, haben Sie selbst schon kräftig gehustet …

Förster: Ja, das war spannend. Ich hatte tatsächlich Sorge, ob ich jetzt auch Corona habe. Ich war dann bei meiner Ärztin und wir haben einen Test gemacht. Und ich war so erleichtert, als ich positiv auf Influenza B getestet wurde. Das ist normalerweise kein Grund zur Freude. Rückblickend hätte ich mich aber gefreut, es wäre Corona gewesen, denn dann wäre ich jetzt immun.

Naja, man weiß nicht, wie der Verlauf gewesen wäre.

Förster: In der Tat vermutlich nicht so günstig, weil ich durch Vorerkrankungen auch zu den Risikogruppen gehöre.

Ich checke meine Mails in der Regel auch im Urlaub täglich.

Würden Sie normalerweise mit Influenza arbeiten?

Förster: Bürgermeisterin ist kein Job von 7 bis 16 Uhr, sondern 24/7. Ich checke meine Mails in der Regel auch im Urlaub täglich. Und wenn ich krank bin und nicht gerade mit 40 Fieber im Bett liege, lese ich auch da meine Mails und gehe ans Telefon. Zu Hause wohlgemerkt, denn es sollte auch in Nicht-Corona-Zeiten normal sein, mit Erkältungssymptomen zu Hause zu bleiben. Ich muss auch sagen, dass der Verlauf der Influenza B zum Glück harmlos war.

Informationen zu Corona-Pandemie bekam sie oft nur aus den Medien

Es wäre vermutlich nicht ideal gewesen, wenn Sie just in der Phase ausgefallen wären.

Förster: Ja, wir sind hier in der Corona-Zeit in den Rathäusern allesamt ans Limit gegangen. Oftmals wurden wir über die Verordnungen der Landesregierung aus den Medien informiert, wir mussten uns die Informationen selbst holen. Wir haben intern schon Wetten abgeschlossen, wann die nächste Verordnung erlassen wird. In der Regel irgendwann zwischen 22.30 und 23.47 Uhr notverkündet, gültig ab 0 Uhr.

Darauf zu reagieren, war schon immer eine Herausforderung. Egal, was an Verordnungen kam: Die Krise haben wir vor Ort gemanagt. Jedes Rathaus, jede Kollegin und jeder Kollege hat mit seinem Team dafür gesorgt, dass das alles friedlich läuft. Wir haben die Einzelhändler informiert und die Fitnessstudios beraten.

Was angesichts der vielen Verordnungen mit vielen Unterpunkten sicher nötig war. Wie schnell durchdringt die Verwaltung das?

Förster: Wir haben einen Vorteil gegenüber dem Bürger: Wir leben ja quasi in Amtssprache. Verordnungen sind unser tägliches Werkzeug. Ich bin seit 1994 in der Verwaltung und befasse mich damit.

Bei den Rathäusern und ihren Mitarbeiter hat sich niemand bedankt.

Fühlen Sie die Arbeit vor Ort ausreichend gewertschätzt?

Förster: Man muss sagen: Im Rahmen dieser Krise wurde sich inzwischen bei jedem bedankt: Krankenschwestern, Ärzte, Pflegekräfte, Bürger, Eltern, Arbeitgeber, Wirtschaft. Nur bei den Rathäusern und ihren Mitarbeiter hat sich niemand bedankt. Ich bin dankbar dafür, dass es bei uns in der Region so friedlich verlaufen ist, daran haben die Rathäuser ihren Anteil.

Beim Management der Krise im Kreis hat Niefern insofern geholfen, als Müller-Mitarbeiter hier in Quarantäne durften.

Förster: Wobei das eine Aufgabe des Landkreises war. Der Landrat kam auf mich zu, weil er im Queens Hotel einen idealen Ort ausgemacht hatte. Meine Aufgabe war es, mich zu versichern, dass keine Gefahr für meine Bürger davon ausgeht. Und das dann mitzutragen, die Kritik auszuhalten und zu erklären.

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In den sozialen Netzwerken erfährt Birgit Förster viel Kritik

Wofür Sie sich schon heftige Kritik anhören mussten.

Förster: Das ging tatsächlich soweit, dass in den sozialen Medien meine Intelligenz angezweifelt wurde. Da Niefern relativ gut durch die Krise kam, müsse ich ja schon ziemlich bescheuert sein, mir jetzt die Seuche in den Ort zu holen, hieß es. Aber sorry, das sind die gleichen Leute, die am Anfang der Pandemie gefragt haben, ob man jetzt ein Sternchen auf die Häuser der Infizierten malen kann. Ich sage mal vorsichtig: Das ist nicht unbedingt meine Zielgruppe. Der Aufschrei dieser Menschen wäre wahrscheinlich noch größer gewesen, wenn es beim Discounter kein Billigfleisch von Müller mehr gegeben hätte.

Sie sind doch aber Bürgermeisterin aller Bürger von Niefern-Öschelbronn. Müssen Sie da nicht auf alle zielen?

Förster: Ich versuche es so vielen rechtzumachen wie möglich. Aber mein Job ist es nicht, Everybody’s Darling zu sein, sondern für die Gesamtgemeinde die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen. Und dabei fällt der eine oder andere zwangsweise raus. Meine Zielgruppe sind nicht die Dauernörgler.

Lassen Sie uns noch über ein, zwei andere Dinge reden.

Förster: Das wäre schön, meine vier Jahre Amtszeit sind ja mehr als Corona.

Und es kommen nochmal vier.

Förster: Na hoffentlich noch mehr. Ich habe gesagt, 24. Altersmäßig schaffe ich das. Ich werde in zwei Wochen 47.

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Bürgermeisterin Förster ist stolz auf ihre Leistungen

Und haben Sie auch noch Lust?

Förster: Ich hab immer noch die gleiche Lust wie vor vier Jahren. Trend der Zeit ist, dass man nach 16 Jahren reflektiert. Aber wenn es so läuft wie jetzt, machen wir die 24. Ich habe die letzten vier Jahre mal Revue passieren lassen: Ich bin bisher auf acht DIN-A4-Seiten voller Projekte gekommen und viereinhalb Millionen Euro mehr in den Rücklagen der Gemeinde. Damit darf ich glaube ich schon stolz sagen, ich habe was geleistet. Der Dank gilt aber auch meinen Vorgängern, die grundsolide Jobs gemacht haben. Und das ist auch der Anspruch an mich.

Falls es doch jemand wagt, in vier Jahren gegen Sie anzutreten und zu gewinnen: Was wollen Sie bis dahin unbedingt erreicht haben?

Förster: Dass ich es in vier Jahren nicht schaffen könnte, darüber habe ich bisher nie nachgedacht. Aber was ich bis dahin aufbauen möchte, ist ein Nahwärmenetz im alten Ortskern von Niefern. Ich hoffe, der Gemeinderat geht den Weg mit mir (die Entscheidung fiel am Dienstagabend, Anm. d. Red.). Ich möchte auf jeden Fall noch den European Energy Award für unsere Gemeinde, und am liebsten gleich in Gold. Auch Kindergartenplätze und ein attraktiver Spielplatz im Vorort sind wichtig.

Und ich habe mit Genehmigung des Gemeinderates einige strategisch wichtige Areale in der Gemeinde kaufen können. Die zu entwickeln schaffe ich nicht in den nächsten vier Jahren komplett, aber das ist mir langfristig sehr wichtig. Ansonsten hoffe ich in der Zukunft auf mehr Kolleginnen. Ich möchte keinen Kollegen missen, aber wenn der eine oder andere aufhört und dann kommt mal eine Frau, fände ich das ganz toll.

Woran liegt es, dass Sie die einzige Frau an der Spitze einer der 28 Enzkreis-Kommunen sind?

Förster: Ob es an den Frauen selber liegt oder an den Männern, weiß ich auch nicht. Die Wahrheit liegt sicher in der Mitte, aber mein „Lieblingsspruch“ ist dieser – und er kommt von Männern: „Also für ’ne Frau macht sie den Job echt gut.“ Und die Herren denken doch wirklich, das sei ein Kompliment. Mein Ziel ist es, ein paar Vorbehalte gegen Frauen in Führungspositionen abzubauen.