Unerklärlich findet Cheftrainer Christian Hergenröther (links) die Entscheidung gegen Kelterns zweiten Meistertitel in seiner womöglich letzten Saison im Enzkreis.
Unerklärlich findet Cheftrainer Christian Hergenröther (links) die Entscheidung gegen Kelterns zweiten Meistertitel in seiner womöglich letzten Saison im Enzkreis. | Foto: Rubner

Frauenbasketball und Corona

Warum die Rutronik Stars Keltern wegen Freiburg und Herne kein Meister sind

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Die Rutronik Stars Keltern dürfen sich nicht deutscher Frauenbasketball-Meister 2020 nennen. Die Liga (DBBL) zog nun ihren Vorschlag zurück, den Tabellenersten aufgrund der Corona-Krise zum neuen Titelträger zu küren. Es gab zwar nur zwei Gegenstimmen – doch die reichten aus.

Es klingt wie ein Aprilscherz, ist aber keiner: Die Rutronik Stars Keltern, die einen Spieltag vor Ablauf der Ligasaison mit weitem Abstand auf Platz eins der Frauenbasketball-Bundesliga (DBBL) thronen, verpassen aufgrund der Corona-Krise ihre Kür zum Deutschen Meister. Grund sind zwei Vereine, die eine Mehrheit von 31 Gegenstimmen gebrochen haben.

Rutronik Stars Keltern sollten am Montag zum Meister gekürt werden

Eigentlich hatte die DBBL am Montag etwas anderes entscheiden wollen: Die aktuelle Saison wird endgültig beendet, der Tabellenstand als Basis für die sportlichen Entscheidungen über Meister, Auf- und Absteiger herangezogen.

Keltern hat in dieser Saison nur eine Niederlage kassiert, dominierte die Liga mit 40 Punkten aus 21 von 22 Spielen, wäre damit Meister. Da eine solche Entscheidung aber gegen die Satzung der DBBL verstößt, bat man die Vereine, auf Rechtsmittel zu verzichten.

Das taten auch 31 von 33 Vereinen – nur nicht der USC Freiburg und der amtierende Meister Herner TC. Die DBBL entschied aufgrund der Rechtsunsicherheit gegen die Mehrheit. Die Saison wird annuliert, aber Keltern ist kein Meister. Es gibt auch keine Auf- und Absteiger. Das teilte die Liga mit.

Sterne sehen sich als Adressat des Widerstands von Freiburg und Herne

„Das ist einfach nur lächerlich“, sagt Sterne- und FC-Nöttingen-Vorsitzender Dirk Steidl. Erklären könne er sich die Haltung der beiden Clubs nicht, finde es aber eher „amüsant“. „Die Spielerinnen sind wegen Corona eh zu Hause, wir könnten den Titel nicht richtig feiern. Und was bringt es uns, uns deutscher Meister nach einer nicht fertiggespielten Saison nennen zu können?“, fragt er.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Ihn stören andere Dinge. „Was maßen sich Herne und Freiburg da an? Die hätten beide Bronzemedaillen als geteilte Dritte bekommen und nehmen ihren eigenen Spielerinnen diesen Erfolg.“ Entsprechend giftig wurde es auf Facebook, wo die Sterne vor allem gegen den USC Freiburg schossen, das Verhalten „armselig“ nannten. „An die Sterne wurde unter der Hand kommuniziert, dass die Entscheidung beider Vereine einzig gegen die Rutronik Stars gerichtet war“, teilte man zudem mit.

Wir sind nicht Meister der Herzen. Denn zwei Clubs hatten das Herz nicht bei uns.

Christian Hergenröther, Chefcoach der Rutronik Stars Keltern

Sterne-Coach Christian Hergenröther sieht vor allem seine Spielerinnen als Opfer der Entscheidung. „Wir sind nicht Meister der Herzen. Denn zwei Clubs hatten das Herz nicht bei uns. Aber wir wissen jetzt, wie sich das anfühlt – und es ist nicht schön“, sagt er. „Das war eine Supertruppe, die wir dieses Jahr hatten. Die hätte es verdient.“

Zumal durch Corona die Zukunft auch des Basketballs in Keltern offen sei, wie auch der Verbleib von Hergenröther in Keltern und eine mögliche Revanche.

Für mich persönlich ist Keltern Meister geworden.

Ingo Weiss, Präsident des deutschen Basketballbundes

Unterstützung erhält Keltern von Verbandsseite. „Für mich persönlich ist Keltern Meister geworden, weil die mit so einem großen Abstand vorne sind“, sagt etwa Ingo Weiss, Präsident des deutschen Basketballbundes (DBB) – wenngleich man natürlich nie wisse, was die Play-offs gebracht hätten. „Es tut mir leid für die Kelterner.“

Aber Schuld sei das Coronavirus, nicht Freiburg und Herne, die auf der Satzung beharrt hatten. Und DBBL-Geschäftsführer Claus-Arwed Lauprecht fügte hinzu: „Ich hätte mir eine andere Entscheidung gewünscht. Aber: Es ist alles legitim.“

Saisonabsage wegen Coronavirus: In Herne fühlt man sich falsch verstanden

Doch zurück zum Aprilscherz: Der entspinnt sich entlang der Statements der Verantwortlichen in Herne und Freiburg. Hernes Vorsitzender Wolfgang Siebert fühlt sich falsch verstanden. „Wir haben nur unsere Meinung gesagt. Aber wir haben auf Rechtsmittel verzichtet“, stellt er klar.

Das knappe Ligafinale der vergangenen Saison ausgerechnet gegen Keltern (3:2 für Herne) sei ja gerade Beweis dafür gewesen, dass Ligadominanz noch keinen Meister mache. Man wollte sich der Mehrheit aber durchaus fügen. Dem widerspricht DBBL-Chef Lauprecht, ahnt ein Missverständnis. Herne habe zwar den Verzicht unterschrieben, allerdings mit der Einschränkung, dass man den Meister- und Aufsteigerpassus durchgestrichen habe. Das habe für Lauprecht den Rechtsmittelverzicht ungültig gemacht.

Freiburger beharren auf Entscheidung und auf den Regeln der Satzung

Und die Freiburger? „Wir wurden aufgefordert, einen Rechtsmittelverzicht zu unterschreiben. Das haben wir nicht getan, aber uns darauf verständigt, keine Rechtsmittel einzulegen“, betont der designierte Zweite Vorsitzende Uwe Stasch. „Zur Demokratie gehört auch, Regeln einzuhalten“, sagt er.

Mit eventuellen Ressentiments gegen Keltern – das keine deutsche Spielerin im Kader hat und dafür Kritik einstecken musste – habe das nichts zu tun. „Das ist einfach Blödsinn. Die Rutronik Stars waren das stärkste Team. Die wären sicherlich auch Meister und Pokalsieger geworden.“ Und doch fühlt man sich nun am Pranger. „Hätten wir gewusst, dass wir am Ende alleine dastehen, hätten wir es uns vermutlich noch einmal überlegt.“

Einen Rückzieher gebe es aber nicht. Stasch winkt ab: „Die Entscheidung ist jetzt getroffen. Wir können doch nicht sagen: ,April, April!’“