Mit neuem Reiseführer: Kelterns Altbürgermeister Wolfgang Gehring mit Ehefrau Ilse. | Foto: Theo Ossmann

Beeindruckende Reise

Warum ein Kelterner Ex-Bürgermeister in Nordkorea seinen Reiseführer durch den Abfluss spülte

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Kelterns Altbürgermeister Wolfgang Gehring und seine Frau Ilse sind auch im Ruhestand extrem reiselustig. Jüngstes Ziel: Nordkorea. Dort sorgt die Führung des Landes mit eiserner Hand für eindrucksvolle Kulissen, um Touristen zu beeindrucken. Ihren Reiseführer spülten die Gehrings aus Angst vor dem Regime allerdings lieber durch den Abfluss ihres Hotels.

Von Theo Ossmann

Kelterns Altbürgermeister Wolfgang Gehring und Gattin Ilse sind sehr reisefreudig. „Etwa 130 Länder haben wir schon bereist.“ Dieses Pensum ist schon beachtlich, wenn man bedenkt, dass reisen nicht nur schön, sondern auch anstrengend sein kann. Doch diese Strapazen nehmen die beiden reiselustigen Pensionisten gerne auf sich und tauschen viele Tage im Jahr die Ellmendinger Penthouse-Wohnung gegen Flugzeugsitze, Schiffskabinen und Hotelzimmer.

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Der Reiz des Reisens liegt für sie im „kleinen Abenteuer“ und dem Kennenlernen anderer Kulturen. Dabei dürfen aber auch der Genuss und das manchmal exotische Essen nicht zu kurz kommen. Bereits von Anfang an, also seit der Hochzeitsreise nach Wien 1965, sind der heute 80-Jährige und seine sechs Jahr jüngere Ehefrau vom Reisefieber gepackt.

Sauberkeit und Ordnung

So wird jede Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis wie auch die jüngste Reise nach Nordkorea. Sie bezeichnen Wolfgang und Ilse Gehring als einer der interessantesten und beeindruckendsten in den zurückliegenden 54 Reisejahren.

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Geradezu überwältigt waren sie von der unvorstellbaren Sauberkeit im ganzen Land, der einfachen, aber gepflegten Kleidung, den vielen, bunten koreanischen Trachten und dem übertriebenen Personenkult um die Kim-Dynastie, der auch vor den wenigen ausländischen Touristen (überwiegend Chinesen) nicht Halt macht.

Die Gehrings vor den Bronzestatuen von Kim Il Sung und Kim Jong Il. | Foto: privat

Auch von den vielen, in westlichem Stil gebauten Hochhäusern und großen Hotels in der Hauptstadt Pjöngjang waren sie beeindruckt. Zudem auch von den Riesenstatuen, einen Triumphbogen, ähnlich dem in Paris und einem Wiedervereinigungsdenkmal, das schon im Voraus errichtet wurde.

Soldaten und Bauern auf den Feldern

Im Rahmen ihrer elftägigen Reise in Nordkorea besuchten die Gehrings auch eine Großveranstaltung im May Day Stadium in Pjöngjang mit etwa 200 000 Mitwirkenden und einer Choreografie wie sie exakter nicht sein kann.

Auf der anderen Seite gibt es in diesem streng kommunistischen Land aber auch einzigartige Landschaften mit Bergen, die sie an die europäischen Alpen erinnerten. Entlang der vierspurigen Autobahn sahen sie üppig blühende Randstreifen und Reisfelder, die von Bauern und Soldaten bewirtschaftet und einer Ausdehnung, soweit das Auge reichte.

Die Bewirtschaftung erfolgt von Hand und mit Ochsen; Maschinen waren keine zu sehen, stellte der Altschultes fest und ergänzt: auch Straßenbelagsarbeiten erfolgen in Handarbeit ebenso wie die Autobahnreinigung mit Reisstrohbesen und einem Heer an Arbeitern.

Nachts leuchten nur Denkmäler

Das Volk sei überwiegend zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Nur wenige Pkws waren zu sehen. Und für notwendige Transporte gibt’s chinesische Busse und Lkws.

Industrie sah man keine, attestiert Wolfgang Gehring und fährt fort: die spielt sich in Sonderwirtschaftszonen ab, die für Touristen nicht zugänglich sind. Eine weitere Besonderheit ist auch Stromknappheit. Daraus resultiert, dass das ganze Land bei Nacht in Dunkelheit gehüllt ist und nur die Lichter der wenigen Fahrzeuge und die hell erleuchtenden Denkmäler den Himmel erhellen, so Ilse Gehring.

Sie schildert auch den beeindruckenden Besuch der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea und den Besuch des Kumsusan Palast, einem der weltgrößten Mausoleen, errichtet im neoklassizistischen Stil, das den kommunistischen Machthabern Kim Il Sung und Kim Jong Il gewidmet ist.

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Das Mitführen eines Reiseführers ist verboten

Den Besuchern wird zur Besichtigung festliche Kleidung vorgeschrieben. In fünf großen Hallen sind die Särge mit den einbalsamierten Leichnamen im Kristallsarkophag sowie unter anderem der Dienstwagen des Verstorbenen Kim Il Sung, ein Mercedes-Benz 600 SEL, und der Eisenbahnwaggon ausgestellt, in dem er das Land bereiste.

In einer weiteren Halle werden dessen Reiserouten auf einer elektronischen Anzeigetafel dargestellt. Vor dem Betreten der Grabstätte werden die Schuhe der Besucher mit Bürsten und die Kleidung mit einem Gebläse gereinigt. „Das ist beeindruckend und erschreckend zugleich“ beschreiben Gehrings dieses Erlebnis. Dabei waren sie überrascht von der großen Demut der Bevölkerung gegenüber der Obrigkeit.

Das langjährige Kelterner Gemeindeoberhaupt vermutet, dass die Leute ja nichts anderes kennen und keinerlei andere Informationen oder Informationsmöglichkeiten haben, alles wird von der Partei vorgeschrieben. Außerdem gibt es keinerlei Privateigentum. „Das ist eine Einmaligkeit auf der Welt“ stellt Wolfgang Gehring mit gewissem Unverständnis fest. Für ihn und seine Gattin gab es auf der Reise aber zudem noch einen gewissen Nervenkitzel, denn schon das Mitführen eines Reiseführers oder einer Zeitschrift war streng verboten.

Kim Jong-Uns Arm immer im Nacken

Mit zwei regierungsamtlichen „Betreuern“ waren aber das Auge und der verlängerte Arm des Kim Jong-Un immer im Nacken. So ist der hierzulande wiederbeschaffte Reiseführer ein wichtiges Erinnerungsstück an das aufregendste Erlebnis der unvergesslichen Reise.

Den Originalreiseführer hatten die beiden, fast schon in Geheimdienstmanier, im Hotelzimmer in Wasser aufgelöst und über den Abfluss entsorgt. Neben dem nachträglich erneut angeschafften Erinnerungsstück an die Reise in ein kommunistisches Land ist Wolfgang Gehring aber auch noch stolz auf ein anderes Souvenir aus dem fernen Osten, nämlich die Jacke und Mütze eines Rotarmisten.

Diese stammt aus der Zeit, als Wolfgang Gehring mit Gattin das Reich der Mitte 1983 bereisten. Ansonsten haben die Gehrings wenige Souvenirs. Sie setzen mehr auf die Kraft der Fotos als auf Erinnerungsstücke.

Die nächste Reise ist geplant

Mit Blick auf die Zukunft sind die beiden reiselustigen Weltenbummler zuversichtlich Am 23. November geht es mit dem Flieger nach Kapstadt und von dort aus mit dem Schiff entlang der westafrikanischen Küste übers Mittelmeer bis nach Monaco und dann mit dem Bus wieder nach Hause.

Ob die beiden dann an Bord der „MS Albatros“ (während der Reise laufen hier die Dreharbeiten zur Serie „Verrückt nach Meer“) zufällig Statisten werden wie schon vor einigen Jahren auf der „MS Amadea“, als eine Staffel vom „Traumschiff“ während ihrer Reise und ihres Aufenthalts an Bord gedreht wurde, bleibt abzuwarten.

Der nächste Trip führt im Januar in die Antarktis. Angesichts dieses Reisepensums und der sich aufdrängenden Frage ob das Ganze in diesem Alter nicht zu anstrengend und gesundheitlich zu gefährlich sei hat der 80-jährige Weltbummler eine einfache Antwort: „Wenn deine Zeit abgelaufen ist, dann ist sie abgelaufen; ob Zuhause oder auf Reisen“.