Blick in die Ausstellung "Demokratie wagen?" im Generallandesarchiv Karlsruhe: Vor 200 Jahren erhielt Baden seine erste Verfassung. | Foto: abw

Die Sache mit dem Festakt

200 Jahre badische Verfassung – da lohnt sich schon mal ein kleiner Aufstand

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Aus Untertanen wurden vor 200 Jahren Staatsbürger: Am 22. August 1818 unterzeichnete Großherzog Karl die erste badische Verfassung – sie war noch dazu die damals freiheitlichste im Deutschen Bund. Im Stuttgart der Gegenwart plante man allerdings, das badische Verfassungsjubiläum erst mal nicht zu feiern, sondern es im kommenden Jahr gemeinsam mit der dann ebenfalls 200 Jahre alten württembergischen Konstitution in Stuttgart zu würdigen. Darob fassungslose Badener nahmen sich die Freiheit, auf einem Festakt des Landes zu pochen – mit Erfolg!

Die Verfassung für das Großherzogtum Baden – „eigenhändig“ geschrieben von den Mitgliedern der zweiten Kammer des Landtages. Schulkinder mussten das Ganze entziffern.
Die badische Verfassung von 1818 – „eigenhändig“ geschrieben von den Mitgliedern der zweiten Kammer des Landtages. Schulkinder sollten mit dem Büchlein das Lesen üben. | Foto: GLA Karlsruhe Cl 123

Freiheitsrechte und politische Mitwirkung

Die erste badische Verfassung gilt als die modernste und die liberalste ihrer Zeit im Deutschen Bund. „Grundrechte“ wie die Gleichheit aller Badener vor dem Gesetz oder die Glaubens-, Eigentums- und Berufsfreiheit gehörten zu ihren Kernstücken. Zudem erhielt die (männliche) Bevölkerung politische Mitwirkungsrechte. Zwar hatte der Großherzog nach wie vor eine starke Stellung, doch war seine Machtfülle nicht länger unbegrenzt. Baden war jetzt eine konstitutionelle Monarchie.

„Wir können stolz auf sie sein“

Für den neuen, aus zwei Kammern bestehenden Landtag, wurde in Karlsruhe das „Ständehaus“, das erste Parlamentsgebäude auf deutschem Boden, errichtet. „Die Verfassung von 1818 bildet die Grundlage für den Aufbau der Demokratie“, heißt es in einem Faltblatt, das der Landesverein „Badische Heimat“ und die Landesvereinigung Baden in Europa zum Jubiläum herausgegeben haben: „Wir können stolz auf sie sein.“

Feste muss man feiern, wie sie fallen

Worauf man stolz ist, das will man auch feiern. „Im September 2017 haben wir erstmals in Stuttgart angefragt, wie man das Jubiläum zu begehen gedenkt“, erzählt Robert Mürb, der Vorsitzende der Landesvereinigung. Die Antwort aus der Landeshauptstadt sei zunächst freilich völlig anders ausgefallen aus als erwartet: „Aus dem Staatsministerium hieß es, dass es erst 2019 gefeiert werde“, berichtet Mürb. Dann nämlich wird die württembergische Verfassung 200 Jahre alt – und beim Festakt, der zu diesem Anlass in Stuttgart geplant ist, sollte der badischen Verfassung quasi mitgedacht werden. Für eine weitere Veranstaltung seien keine Haushaltsmittel vorhanden.

Wie bitte?

„Da sieht man, wie unsensibel man in Stuttgart immer noch ist. Weniger die Politiker als die Bürokratie“, kommentiert Mürb. Schließlich sei die badische Verfassung nicht nur früher erlassen worden als diejenige des Königreichs Württemberg – sie sei auch eindeutig die liberalere gewesen.

Nicht ohne unseren Festakt…

Im Kuratorium der Landesvereinigung Baden in Europa war die Empörung jedenfalls groß. Dem Gremium unter dem Vorsitz der früheren Regierungspräsidentin Gerlinde Hämmerle gehören zahlreiche Polit-Größen und Ex-Größen verschiedener Couleur an: „Für uns war klar, es muss ein Festakt stattfinden. Ein Festakt des Landes Baden-Württemberg mit der Stadt Karlsruhe“, so Mürb: „Wir verlangten, dass sich das Land engagiert.“ Auch Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup habe sich dafür eingesetzt.

Na also, geht doch…

Die Hartnäckigkeit der Badener zahlte sich aus: Für den 5. September ist jetzt ein Festakt „200 Jahre Badische Verfassung“ im Karlsruher Schloss angekündigt – mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras als Festrednerin.

… zumindest für geladene Gäste

Auch wenn mit dem Festakt nun ein Zeichen gesetzt wird – aufgrund des beschränkten Platzangebots im Gartensaal des Schlosses können daran nur geladene Gäste teilnehmen. Dies gilt auch für eine Veranstaltung der markgräflichen Familie zum Verfassungsjubiläum in Salem, bei der im September Bundesverfassungspräsident Andreas Voßkuhle als Festredner auftritt.

… aber es gibt auch eine kleine Verfassungsfeier für alle

Robert Mürb und seinen „Arbeitskreis Verfassung 1818“ ist es freilich ein Herzensanliegen, dass es auch Angebote für Bevölkerung des „badischen Musterländles“ gibt. Dazu gehören etliche Vorträge, die in den kommenden Monaten in verschiedenen badischen Städten angeboten werden. Am eigentlichen Jubiläumstag, dem 22. August, um 12 Uhr, findet zudem auf dem Karlsruher Schlossplatz eine kleine Verfassungsfeier statt.

Hoffen auf Westwind

Für den Ballon-Wettbewerb, der diese Veranstaltung, abschließt, hofft Robert Mürb auf Wind aus dem Westen: Denn dann würden hoffentlich sehr viele Ballons in den Farben Gelb und Rot nach Württemberg fliegen.  Und dort in Erinnerung rufen, dass Baden mit seiner Verfassung von 1818 die Nase vorn hatte.

Sie wollen mehr über die badische Verfassung von 1818 wissen?

Dann sollten Sie die Verfassungsfeier auf dem Karlsruher Schlossplatz nicht verpassen. Wer tiefer einsteigen will, dem sei zudem ein Besuch im Generallandesarchiv und der Erinnerungsstätte Ständehaus in Karlsruhe empfohlen.

Verfassungsfeier in Karlsruhe am 22. August 2018

Am kommenden Mittwoch um 12 Uhr laden die Badische Heimat, die Landesvereinigung Baden in Europa sowie die historische Karlsruher Bürgerwehr zu einer kleinen Feier auf dem Schlossplatz. Dabei proklamiert Oberbürgermeister Frank Mentrup die wichtigsten die Bürgerrechte betreffenden Paragrafen der Verfassung von 1818 – und die Bürgerwehr gibt dazu jeweils einen Salutschuss ab.

Es folgt eine szenische Darbietung „Die leichteste Todesstrafe“ nach den Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel. Dabei treten der Literaturwissenschaftler Jan Knopf, der auch dem den Text erarbeitet hat, sowie Michael Obert auf. Der scheidende Karlsruher Bürgermeister Obert ist in der Fächerstadt als begabter Büttenredner und Amateurschauspieler bekannt.

Den Abschluss der kurzen Feier bildet ein Luftballon-Weitflug-Wettbewerb für Kinder.

Ausstellung „Demokratie wagen? Baden 1818-1919“

Die viel beachtete demokratiegeschichtliche Ausstellung „Demokratie wagen? Baden 1818-1010“ im Generallandesarchiv Karlsruhe wurde bis 14. September verlängert. Die Schau in der Nördlichen Hildapromenade 3 ist dienstags bis Donnerstag von 8.30 bis 17.30 Uhr und Freitag 8.30 bis 19 Uhr zu sehen. Die Ausstellung wird anschließend in Freiburg gezeigt und wandert danach in weitere badische Städte – unter anderem nach Offenburg, Bruchsal, Baden-Baden und Rheinstetten.

Erinnerungsstätte Ständehaus

Interessante Einblicke in die badische Verfassungs- und Landtagsgeschichte bietet auch die Dauerausstellung mit multimedialem Informationssystem im Neuen Ständehaus in Karlsruhe (geöffnet dienstags bis freitags von 10 bis 18.30 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr). Das vor einem Vierteljahrhundert eröffnete Gebäude in der Ständehausstraße 2 erhielt seinen Namen nach seinem Vorgängerbau, in dem von 1822 bis 1933 das badische Parlament tagte.  Heute beherbergt es neben der Erinnerungsstätte die Karlsruher Stadtbibliothek.Am Samstag, 25. August, findet dort von 11 bis 17 Uhr ein „Fest für alle – 25 Jahre Neues Ständehaus“ mit buntem Programm statt.