Blick zurück - und voraus: Interview mit Ettlingens Judo-Macher Alfredo Palermo. | Foto: Manfred Spitz

JC Ettlingen war sein „Kind“

So ganz ohne Judo? – Nein, das kann Alfredo Palermo nicht

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Nach dem Aus im Viertelfinale um die deutsche Judo-Mannschaftsmeisterschaft gegen Titelverteidiger Hamburger JT war nicht nur die Saison 2017 für den JC Ettlingen gelaufen;  es endete eine Ära. 2018 tritt  der JCE nicht mehr in der 1. Judo-Bundesliga an. Der JC Ettlingen war Alfredo Palermos „Kind“. Nach 17-jähriger ununterbrochener Zugehörigkeit zum Judo-Oberhaus sagte Ettlingens Judo-Macher jetzt ciao. Der 73-jährige, der seinen Judo Club zu einer Bundesliga-Institution gemacht hat, meldete die Mannschaft ab. Eine Entscheidung  „aus Vernunfts- und Kräftegründen“ sei es gewesen, sagt Palermo. So ganz von der Judo-Bühne zieht er sich aber nicht zurück. Das wird im Gespräch mit dem SONNTAG deutlich.

Ich bin nicht ganz weg. Ich bin nur mit dem JC Ettlingen aus der Bundesliga raus.

Die Judo-Bundesliga ohne den Judo Club Ettlingen? Nach all den Jahren Judosport vom Feisten in Ettlingen nur schwer vorstellbar – aber es wird ab der nächsten Saison so sein. Wie fühlen Sie sich?

Alfredo Palermo: Leicht gefallen ist mir dieser Schritt natürlich nicht. Deshalb sitze ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge hier. Das ist bei so einschneidenden Entscheidungen immer so. Aber ich akzeptiere das jetzt. Die Gesundheit geht vor und ich möchte die Zeit nun für andere nutzen. Für meine Familie. Für meinen Judo-Nachwuchs. Außerdem hat der JC Ettlingen ja noch eine Mannschaft in der Baden-Württemberg-Liga hinter der ich stehe. Also: Ich bin nicht ganz weg. Ich bin nur mit dem JC Ettlingen aus der Bundesliga raus.

Stichwort Gesundheit. Von einem Schlaganfall Ende April haben Sie sich glücklicherweise wieder erholt. Sie sind 73, war diese „Warnung“ der Hauptgrund für den Rückzug aus der 1. Bundesliga?

Palermo: Da gab es nicht den einen Auslöser, es waren einige Gründe, die zusammengekommen sind. Den Schlaganfall habe ich als Fingerzeig gesehen, es künftig ruhiger angehen zu lassen. Letztlich war es eine Entscheidung aus Vernunfts- und Kräftegründen.

Man kann sagen, der Judo Club Ettlingen war/ist der Familien-Betrieb Palermo. Mit Ihnen als Manager sowie Trainer und Ihrer Frau Doris als Vereinspräsidentin. War die Judo-Bundesliga auf Dauer überhaupt noch zu stemmen?

Palermo: Die organisatorischen Belastungen waren schon enorm. Auch der finanzielle Aufwand darf nicht außer Acht gelassen werden. Es wurde immer schwieriger, Sponsoren ins Boot zu holen. Und: Private Dinge oder Urlaub – in den letzten 17 Jahren musste alles nach der Bundesliga geplant werden. Das erfordert viel Idealismus, das geht an die Substanz. Außerdem stehen in unserem 1975 gegründeten Judo-Zentrum Sanierungsarbeiten an. Auch das muss bewältigt werden.

Hätte niemand aus dem Verein die Mannschaft übernehmen können?

Palermo: Das war tatsächlich ein Gedanke. Es wollten auch alle helfen, aber das allein reichte nicht; es fehlte einfach das professionelle Know-how.

Judo-Institution: Zwölf mal kam Bundesligist JC Ettlingen (3. v. li. Alfredo Palermo) ins Halbfinale der Deutschen Vereinsmeisterschaft und holte wie 2015 „Bronze“. | Foto: JCE

Was also bleibt als Erinnerung an 17 Jahre Judo-Bundesliga?

Palermo: Mein sportlich größter Wunsch, wenigstens einmal mit dem JC Ettlingen die deutsche Meisterschaft feiern zu dürfen, ist zwar nicht in Erfüllung gegangen. Wir haben es aber in 17 Jahren immerhin zwölfmal bis ins Halbfinale geschafft. National zwölfmal „Bronze“ zu holen, das ist doch auch etwas! Unvergessen werden die Europapokalauftritte 2001 in Griechenland und 2006 in St. Petersburg bleiben. Wir konnten viele sportliche Freundschaften knüpfen und ich bin überzeugt, dass es in Zukunft mehr internationale Begegnungen geben wird. Andererseits bleibt aber auch das Gefühl, oft im Regen stehen gelassen worden zu sein. Die Unterstützung vom Verband habe ich ein ums andere Mal vermisst. Das sind dann Dinge, die über Jahre schlauchen und verärgern …

… aber die vom Deutschen Judo-Bund beschlossene Reform bringt den Vereinen ab kommender Saison doch Verbesserungen…

Palermo: …die genau betrachtet keine sind. Durch die Aufstockung der zweigleisigen Ersten Bundesliga von jeweils sechs auf neun Mannschaften haben die Teams dann zwar mehr Heim-, aber auch mehr Auswärtskämpfe. Wir müssten dann also auch unsere Leute öfter holen. Unterm Strich bleibt da nichts. Im Gegenteil: Anreise der Athleten, Gagen, Übernachtungskosten, alles wird nur noch teurer. Und dass es keine Viertelfinal-Play-offs wie bisher, sondern gleich die Halbfinale der beiden Gruppenersten und -zweiten gibt, macht die Sache auch nicht attraktiver.

Mittelfristiges Ziel ist die Zweite Liga. Aber das gehe ich ganz ruhig an.

Wer Alfredo Palermo kennt, der weiß: Er liebt und lebt den Judosport. Hand aufs Herz: Wie lange halten Sie es ohne aus?

Palermo: Wie gesagt, ich bin ja nicht ganz weg, der JC Ettlingen ist nur aus der 1. Bundesliga raus. Jetzt steht die Jugendarbeit im Fokus. Im Judo-Zentrum trainieren etwa 300 bis 350 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 18 Jahren. Für die süddeutsche U-15-Meisterschaft am vergangenen Wochenende hatten sich fünf Talente des JC Ettlingen qualifiziert. Außerdem haben wir je eine männliche und weibliche Jugendmannschaft. Und, nicht zu vergessen, ein sehr gutes Herren-Team in der Baden-Württemberg-Liga …

… das künftig verstärkt mit Kämpfern aus dem Bundesliga-Kader auf die Matten gehen wird?

Palermo: Ja, da sind jetzt mit Simon Fischer, Samuel Rehnig, Stefan Villani, Sergej Ryapolov, Max Wallschmidt, David Krätzel, Salvatore Riggio und Andreas Windhab unsere eigenen Leute aus dem Bundesliga-Team dabei. Auch Dennis Huck, der Mannschaftskapitän, bleibt. Ich bin überzeugt, dass der JC Ettlingen in ein paar Jahren wieder hoch kommt; mittelfristiges Ziel ist die Zweite Liga. Der ganz große Trubel ist jetzt aber erst mal weg, und das gehe ich ganz ruhig an. Aber: Langweilig wird es nicht.

Im Jahr 1975 gründeten Doris und Alfredo Palermo in Ettlingen ihre erste Judoschule. Mit dem Umbau einer alten Scheune in ein kleines „Dojo“ legten sie den Grundstein für das spätere-Zentrum – und für den Judosport in Ettlingen. Der JC Ettlingen wurde am 9. September 1981 gegründet. 1999 übernahm Doris Palermo das Präsidentenamt beim JCE. Für die sportlichen Belange zeichnete von Anfang an Alfredo Palermo als  Manager und Cheftrainer verantwortlich.

6 Jahre war der JC Ettlingen bis 1998 mit einer Damenmannschaft in der Frauen-Bundesliga vertreten. Später dann 17 Jahre (bis 2017) ununterbrochen mit einem Herrenteam in der Bundesliga. 12 Mal kamen die JCE-Herren bei dieser deutschen Mannschaftsmeisterschaft bis ins Halbfinale, holten also 12 Mal „Bronze“. International war der JC Ettlingen 2 Mal auf der Europapokal-Bühne präsent; 2001 in Griechenland und 2006 in St. Petersburg (Russland).

Etliche Welt-, Europa-, und Deutsche Meister gingen aus dem Verein hervor: Unter anderem die Karlsruherin Raffaela Imbriani (Militär-Weltmeisterin, Vize-Weltmeisterin, Olympia-Teilnehmerin in Athen 2004, Europameisterin, mehrfache deutsche Meisterin); – Christian Konz (Team-Europameister 1995, EM-Dritter Junioren, mehrfacher deutscher Meister); – Dennis Huck aus Baden-Baden (Junioren-Europameister 2005, Deutscher Meister 2005, DM-Dritter 2006, Teilnehmer Junioren-WM); – Dino Pfeiffer aus Bühl (Vize-Europameister Junioren 2007, U23-Europameister 2010, mehrfacher Deutscher Meister, zuletzt 2016 in der Gewichtsklasse bis 100 Kilogramm)