Hubert Ihli, Rainer Walter von den Heimatfreunden und Gertrud Ihli bei der Übergabe der Gemeindeanzeiger (von rechts).
Hubert Ihli, Rainer Walter von den Heimatfreunden und Gertrud Ihli bei der Übergabe der Gemeindeanzeiger (von rechts). | Foto: Julia Trauden

Spende für die Heimatfreunde

Historische Dokumente entdeckt: Als die Auswanderungwelle Malsch erfasste

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Für Historiker sind es wertvolle Dokumente der Zeitgeschichte – in Malsch wären sie beinahe im Altpapier gelandet. Hubert Ihli, heute 80 Jahre alt, ist es zu verdanken, dass 30 Jahresbände des Gemeindeanzeigers Mitte der 60er-Jahre nicht – wie von seinem Auftraggeber vorgesehen – in der örtlichen Papierfabrik eingestampft wurden, sondern nun in Händen der Heimatfreunde gelandet sind.

Diese sichern sie in einer Datenbank für die Nachwelt. Die 30 Bände verdeutlichen den Wandel der Gemeinde in den von den Nachwehen des Ersten Weltkriegs geprägten 20er-Jahren bis zum Aufstieg der NSDAP in den 30er-Jahren  – und  geben darüber hinaus einen Einblick in die soziale Struktur der Gemeinde mit zahlreichen Vereinen, die es größtenteils heute noch gibt.

Beim Ausräumen eines Kellers entdeckt

Weil er als Spross einer Bauernfamilie über einen Traktor verfügte, wurde Ihli vor mehr als 50 Jahren damit beauftragt den Keller einer Malscher Firma auszuräumen. Als er dort in einem Regal die Buchbände mit dem Aufdruck „Gemeindeanzeiger“ und Jahreszahlen von 1924 aufwärts sah, wurde er stutzig: „Ich dachte mir: Das kann man doch nicht einfach wegschmeißen.“

Ich hatte schon immer
ein Faible für alte Dinge.

Hubert Ihli, Rentner aus Malsch

Geschäftseröffnungen waren 1926 auch eine Rubrik im Anzeiger.
Geschäftseröffnungen waren 1926 auch eine Rubrik im Anzeiger. | Foto: pr

Der damals 25-Jährige ahnte, dass das Verkündungsblatt, aus dem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alle Malscher ihre Informationen über Lebensmittelpreise, Todesfälle, Eheschließungen, Geschäftseröffnungen, Wahlergebnisse und weiteres bezogen, für die Nachwelt von Interesse sein könnten.

Und: „Ich hatte schon immer ein Faible für alte Dinge“, lacht der Rentner. Und so fragte er seinen Auftraggeber, ob er die Bände behalten könne, statt sie zur Papierfabrik zu bringen.

Hohe Kindersterblichkeit und Geldentwertung

Im Anschluss lagerten die Dokumente im Keller der Ihlis. Nur ab und an wurden sie herausgekramt – wenn das Paar Bekannte zum Geburtstag mit einer historischen Geburtenannonce aus dem Gemeindeanzeiger überraschte. „Wir haben die Annonce dann abfotografiert und mit der Geburtstagskarte verschickt“, erzählt Gertrud Ihli. „Die Freude war meist groß – so was bekommt man schließlich nicht alle Tage.“

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Die Geburtenannoncen waren eine Sache. Noch aussagekräftiger aber waren die Meldungen über Auswanderungen, über verstorbene Kinder oder Aufrufe zum Tausch wertlos gewordener Geldscheine mit Beträgen, die heute unvorstellbar sind. „Auf den Einzug der 10- und 100-Billionenscheine der Reichsbank wird nochmals hingewiesen“, heißt es etwa in einer Ausgabe vom 9. April 1924.

Prozentual dürfte Malsch an einer der ersten Stellen der Auswanderungsquote in ganz Baden stehen.

Auszug aus dem Gemeindeanzeiger von 1927

Die hohe Kindersterblichkeit – 15 Todesfälle in zweieinhalb Jahren bei

Werbung wie diese für Reisen ins Ausland im Gemeindeanzeiger von 1926 verdeutlichen die Nachfrage nach Möglichkeiten, sich im Ausland ein neues Leben aufzubauen.
Werbung  für Reisen ins Ausland im Gemeindeanzeiger von 1926. | Foto: pr

4.000 Einwohnern –, die große Menge an Bürgern, die die Gemeinde verließen, um ihr Glück anderswo zu finden, und die Meldungen über die Entwertung der Währung spiegeln die große Not wider, die in der Zeit der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg auch in Malsch herrschte.

Von 1923 bis 1926 wanderten laut Register allein 126 Menschen aus – die Gemeinde ging jedoch von einer höheren Dunkelziffer aus, weil viele, die fortzogen, sich nicht im Rathaus abmeldeten. „Prozentual dürfte Malsch an einer der ersten Stellen der Auswanderungsquote in ganz Baden stehen“, heißt es im Gemeindeanzeiger vom 5. Februar 1927.

Der Geist der „Roaring Twenties“

Zwischen negativen Schlagzeilen finden sich in dem Gemeindeblatt aber etwa auch Annoncen wie diese, die zeigen, dass bei all dem Ernst auch Spaß und Witz nicht zu kurz kommen durften: Drei junge Frauen suchen einen heiratswilligen jungen Mann (mit Foto) für einen Maiausflug. „Da zeigt sich der Geist der  Roaring Twenties (’Wilden Zwanziger’)“, meint Günter Heiberger lachend, der damit begonnen hat, das ganze Material in die Datenbank der Heimatfreunde einzupflegen.

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Viel Arbeit liegt vor ihm. Mehr als 12.000 Seiten aus 30 Jahren gilt es zu bearbeiten – „das sind über 15.000 Datensätze, die ich einpflegen muss“, erklärt Heiberger. Zweimal die Woche erschien der Gemeindeanzeiger früher. Jedes Heft hatte vier Seiten.

Bis alles verarbeitet ist, dauert es bestimmt noch Monate,
wenn nicht sogar Jahre.

Günter Heiberger, Heimatfreunde Malsch e.V.

Ausstellen können die Heimatfreunde die Fundstücke zu ihrem Bedauern nicht – nachdem das Projekt Heimatmuseum in der Alten Schmiede gescheitert ist, sucht der Verein noch nach geeigneten Räumen. Solange lagern die Dokumente in den Häusern der Mitglieder. Bürger, die Interesse an Infos haben, können sich bei Günter Heiberger wenden (E-Mail guenterheiberger@gmail.com), allerdings ist er mit der Analyse bisher nur bis zum Jahr 1927 gekommen. „Bis alles verarbeitet ist, dauert es bestimmt noch Monate, wenn nicht sogar Jahre.“

Weitere Informationen zu den Heimatfreunden gibt es im Internet unter www.heimatfreunde-malsch.de.