Stellung im Nordwesten Frankreichs bei Chemin des Dames im 1. Weltkrieg | Foto: Archiv jcw/rittweger

Ettlinger auf Feldseelsorge

Augustin Kast: Im Unmenschlichen Mensch sein

Von Katherine Quinlan-Flatter

Augustin Kast von den Nazionalsozialisten 1933 in Schutzhaft genommener Ettlinger Priester und Seelsorger hat ein lesenswertes Tagebuch hinterlassen. „Im Unmenschlichen Mensch sein“, christliche Nächstenliebe, bestimmte Augustin Kasts Handeln gegenüber Freund und Feind.  Schon im 1. Weltkrieg – in den „Stahlgewittern“ im Nordwesten Frankreichs – lebte er die Nachfolge Christi über die Schützengräben hinweg.

Augustin Kast: Nachfolge Christi über Schützengräben hinweg

Versetzt Ende Oktober 1916 zur 15. Landwehr-Infanteriedivision nach Noyon in der Oise, arbeitet der Ettlinger Pfarrer Augustin Kast – Ritterkreuzträger und später erbitterter Nazigegner an der Alb – in der Feldseelsorge. Aus seinem Kriegstagebuch geht hervor, dass er kaum eine Stunde frei hat. Mit seinem Gaul „galoppiert“ er durch die Dörfer, von Guiscard, nördlich der Stadt Noyon, bis Passel und Pointoise im Süden. Mit nur wenigen geistlichen Kollegen zusammen betreut er die deutschen Militäreinheiten, kümmert sich aber auch um die noch an der zerschossenen Front gebliebene französische Bevölkerung.

Augustin Kast wie ihn die Ettlinger kannten.
Augustin Kast wie ihn die Ettlinger kannten. | Foto: Kath. Milieu: Cornelia Rauh-Kühne

Neben seinem Einsatz bei Beerdigungen, Gottesdiensten und der seelischen Betreuung in den Lazaretten der Westfront hört Kast auch die Beichten der Franzosen und hält öfter Messe in Französisch, da nur noch wenige einheimische Priester in der Gegend vorhanden sind.
Für ihn bleiben das Beichten und der Kirchenbesuch eminent wichtig – vor allem im Krieg. Er ist selten mit der Anzahl der zur Beichte kommenden deutschen Soldaten zufrieden, und manchmal sind ihm die Franzosen – hauptsächlich Frauen, Jugendliche und ältere Leute – auch etwas weniger „christlich“, als er sich wünschen würde.

Auge auf ungetaufte Kinder gehalten

So erzählt Kast entsetzt von jungen französischen Mädchen in Babeouf, die seit Monaten nicht mehr gebeichtet haben – er macht sich Sorgen: „So lau sind diese Mädchen noch hier, wo sie täglich das Opfer einer Fliegerbombe oder Granate werden könnten!“ Die Kinder sind Kast besonders wichtig. Nach einer Messe in Genvry, wo er für die anwesenden 40 Franzosen Lesung und Evangelium in französischer Sprache vorträgt, bestimmt er eine „Vertrauensdame“, die ihm verspricht, auf ungetaufte Kinder ein Auge zu halten – er würde sie taufen.Im Januar des Jahres 1917 berichtet er stolz von „8 Bänken voll Knaben und Mädchen“, die bei seinem Gottesdienst in Noyon zur Kinderkommunion gekommen sind.Eines morgens im Januar 1917 hört er, in Moulincourt möchte eine schwerkranke alte französische Dame „versehen“ werden (die Krankensakramente empfangen).

Vertretung des französischen Kollegen bei   Krankensalbung

Da der zuständige französische Pfarrer krank ist, fährt Kast dahin und versorgt sie. In der Nähe besucht er auch einen elfjährigen Jungen mit einer Hirnhautentzündung, der nicht mehr zu retten ist. Kast ist besorgt, dass der Junge noch nie gebeichtet hat. Er bittet seine Mutter, den Jungen zu unterrichten und weist an, dass man ihn benachrichtigt, falls sich der Zustand nicht bessern sollte.Weniger Tage später fährt Kast wieder nach Moulincourt. „Der Knabe ist gestorben. Man hat ihn doch unversehen sterben lassen“. Nachmittags beerdigt er ihn, voller Zweifel: „In der Ansprache stelle ich fest, dass es nicht meine Schuld ist, wenn der Kleine ohne die heiligen Sakramente gestorben ist“.In der Gemeinde Ville stößt Kast auf einen Sturmtrupp, der eine bevorstehende Erkundung ausführen soll. Augustin Kast bietet an, für die Teilnehmer einen Gottesdienst zu halten. Beim Weitergehen kommen ein Mann und eine Frau auf ihn zu. Die Frau erzählt in großer Aufregung, ein deutscher Soldat sei in ihr Zimmer eingedrungen und habe sie „mit einem Bengel bedroht“. Tatsächlich kommt gleich einer mit einem langen Stock aus dem Haus und rennt weg, als Kast auf ihn zugeht.

Sorge um Ehre des deutschen Heeres

Sofort geht Augustin Kast in Ville auf die deutsche Ortskommandantur und zeigt die Sache an – sie schickt einen Mann hinaus zur Untersuchung. „Disziplin und die Ehre des deutschen Heeres“ schreibt Kast, „dulden solche Gemeinheiten nicht“. Im kalten Februar 1917 hält Kast Gottesdienst in der Nähe von St. Quentin. „Vor dem Seitenaltar“, schreibt er, „steht eine junge Frau; die erstarrten Blicke hat sie ins Unendliche gerichtet, so steht sie unbeweglich da, ein Bild voller Verzweiflung. Vor ihr auf der Mensa des Altares hat sie auf Stroh ein Bündel liegen, darin liegt ein etwa 5-jähriges Kind; es ist tot“. Augustin Kast hält die Messe und man muss annehmen, dass er das Kind noch beerdigt, dies wird leider nicht beschrieben.Er erzählt gleich weiter von einer kranken Französin, die der Militärarzt mit einem Auto in die Stadt schickt, damit sie eine bessere Pflege erhält. „So sucht man doch auch das Elend immer wieder zu mildern“, sagt Kast, „und in all dem Unmenschlichen Mensch zu sein“.

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