Harald Hurst ist in 40 Jahren zum badischen Kult-Schriftsteller geworden: Mit seinem humorvollen Geschichten und Gedichten in Mundart. Der in Ettlingen wohnende Autor ist nun 75 Jahre alt.
Harald Hurst ist in 40 Jahren zum badischen Kult-Schriftsteller geworden: Mit seinem humorvollen Geschichten und Gedichten in Mundart. Der in Ettlingen wohnende Autor ist nun 75 Jahre alt. | Foto: Fabry

Kultur

Badischer Kult-Schriftsteller Harald Hurst wird 75 Jahre alt

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Harald Hurst wird am 29. Januar 75 Jahre alt. Und ist nicht zu Hause. Nur in kleinem Kreis kommt er mit der Familie zusammen. Ganz ähnlich wie viele seiner literarischen Figuren, mag er keinen Rummel um den Tag. „Ich mach diesjohr nix! Verschwinde fortfahre“, verkündet Eberhard in Hursts Komödie „Fuffzich“.

Gerade zu seinem markanten runden Geburtstag will dieser Eberhard „mol was mache, des net schön g’wese isch, wenn’s rum war“. Und in einer 2017 erschienenen Geschichte aus „So isch’s wore“ wehrt sich der Erzähler vehement gegen eine Einladung zum Geburtstags-Brunch.

Denn beim Frühstück möchte er nur Zeitung lesen und nicht schwätzen oder zuhören müssen. Das frühe Mittagessen mit den ewig gleichen Sprüchen in der Schlange vor dem Buffet mag er auch nicht. Schließlich zieht sich das früh begonnene Event erfahrungsgemäß bis tief in den Nachmittag, wo der harte Kern der Besucher am „letschte Disch regelrecht verklumpt“.

Beim Frühstück möchte Harald Hurst nur Zeitung lesen und nicht schwätzen oder zuhören müssen.
Beim Frühstück möchte Harald Hurst nur Zeitung lesen und nicht schwätzen oder zuhören müssen. | Foto: Fabry

Szenen voller spitzer Beobachtungen

Feierlichkeiten aus biografischen Anlässen ziehen sich als wunderbarer, realitätsgesättigter Stoff durchs Werk von Harald Hurst. Geselligkeiten, denen wir alle nicht ausweichen können, verwandeln sich beim Ettlinger Schriftsteller in Szenen voller spitzer Beobachtungen.

Dabei werden die Figuren in ihren Bemühungen nicht satirisch plattgemacht, sondern bedauernd in einem Hamsterrad der privaten Konventionen dargestellt. Der Erzähler weiß selbst, wie schwer es ist, mancher gewohnten Zumutung zu entgehen. Damit schließt er ohne Kumpanei einen Bund zwischen sich und den Lesern oder Zuhörern. „Genau so könnte es sich abspielen“, ruft Hurst zwinkernd seinem Publikum zu.

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Absurd und komisch zeigt er das Lifestyle-Getue

„Er schildert in bildhafter, saftiger Sprache Alltagssituationen, macht das Absurde und auch das Komische im Alltäglichen und im Gewohnten sichtbar, führt das Lifestyle-Getue in seiner Lächerlichkeit vor. Die Paradoxien des Lebens bringt er, ein Dialektiker des Dialekts, wie kein zweiter umgangssprachlich auf den Punkt.“ So charakterisierte der Literaturwissenschaftler und Kritiker Peter Kohl einmal den Kern von Hursts Schreiben.

Nach Kindheit in Karlsruhe zur See gefahren

„Dass ich davon seit 40 Jahren passabel lebe kann und mir die Arbeit noch Freud macht, des isch mir Karriere gnug“, sagt Hurst im Gespräch. Auf dem Weg zum freien Schriftsteller hat der 1945 geborene Autor erfahrungsreiche Stationen erlebt und erlitten. Sprachlich prägte ihn die Kindheit im proletarischen Umfeld des Karlsruher Dörfle, wo seine Mutter in einem Laden stand. Der Vater war im Krieg gefallen.

Nach dem Volksschulabschluss wollte der Pubertierende die weite Welt sehen. Um festzustellen, dass einem Leichtmatrosen bei der Handelsmarine genau das nicht gelingt. Seitdem hat sich Hurst lieber der Exotik des Heimischen und der gesellschaftlichen Milieus gewidmet. Durch allerlei Tätigkeiten und einem späten Bildungsdrang. Nach dem Abitur am Helmholtz-Gymnasium Karlsruhe studierte er Romanistik und Anglistik. Sein Referendariat fürs Lehramt zog er bis zum zweiten Staatsexamen durch.

Nach dem Ende der Lehrerkarriere erschien 1981 das erst Buch

Das Ende dieses Karrierewegs formuliert er so: „1979 Trennung vom Arbeitgeber zur beiderseitigen Erleichterung.“ Sein erstes Buch erscheint 1981 im Fächer-Verlag, später wird Hurst Autor bei Loeper und G.Braun bevor er für die zwei jüngsten Bücher zu Silberburg aus Tübingen wechselte. Seine Publikationsliste verrät also viel über Karlsruher Verlagsgeschichte.

Vom Erzählungsband „De Polizeispielkaschte“ an findet Hurst endgültig zu seinem populären Ton mit Geschichten und Gedichten in authentischer, aber lesbar umgesetzter Karlsruher Mundart. Seitdem“ leppert sich’s“, wie er selbst sagt. Mit Büchern und einst bis zu 170 Lesungen im Jahr. Die Werke tragen unspektakuläre Titel wie Daß i net lach! (1993), So e Glück! (1995), Vergeß’ den Vogel (1998), Komm, geh fort! (2003), Des elend schöne Lebe (2006), Des mir! (2009) oder Mol gucke (2015).

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„Die Leut solle sich fühle wie daheim“

„Wenn ich bei Veranstaltunge vorles’, möcht ich, dass die Leut sich so fühle wie daheim in ihrm Wohnzimmer“, bekennt Hurst in seinem prägnanten selbstkritischen Plauderton, den das Publikum immer mit Vorfreude erwartet. Dabei ist Stimme von Zigaretten und Rotwein gegerbt. Mit Musiker und Kabarettist Gunzi Heil tritt Hurst seit vielen Jahren gern zusammen auf.

Er weiß, dass er auf öffentlichen badischen Sockeln steht, sagt aber auch „Wenn ich Heimat nicht kritisieren kann, dann ist es keine.“

Ohne Computer und Smartphone

Er bekennt sich zum unorthodoxem Umgang mit Modernismen. „Ich habe nur ein Handy, weil ich ein altes Auto fahre und den ADAC anrufen müsste, wenn es stehen bleibt.“ Seine Bücher schreibt er auf einer elektrischen Schreibmaschine mit Korrekturtaste. Das nächste Werk ist zum Glück schon in Arbeit.

Aus einem langen Dialog im jüngsten Buch machte das „Sandkorn-Theater“ ein Zweipersonenstück, „Tatort – So isch’s wore“. Mittlerweile ein stets ausverkaufter Dauerbrenner, der das Zeug hat, dem zehn Jahre lang gespielten „Fuffzich“ nachzueifern.

Unterschätzte Liebesgeschichten

Man sollte es daneben nie versäumen, den Hurst mit der ganzen Länge seiner Storys auf sich wirken zu lassen. Unterschätzt sind beispielsweise seine feinfühligen, gleichwohl humorvollen Liebesgeschichten.
Hurst zu lesen, das ist wie ein Besuch in einer urigen, immer wieder renovierten Wirtschaft mit feinsten regionalen Spezialitäten, die drei Sterne vom Publikum erhalten hat.

Wo man den sympathische Wirt gut kennt, der schon lange auf dem Lokal „druf isch“ und wo man immer weiß: Da sind wir wirklich daheim.