"H. P.", wie ihn die Jugendlichen nur nannten, war eine Institution in Ettlingen. Was hat sich an der Jugendarbeit in seiner Dienstzeit geändert, welche Momente waren für ihn prägend?
"H. P.", wie ihn die Jugendlichen nur nannten, war eine Institution in Ettlingen. Was hat sich an der Jugendarbeit in seiner Dienstzeit geändert, welche Momente waren für ihn prägend? | Foto: Klaus Müller

Instanz in der Stadt

Beliebter Ettlinger Jugendsachbearbeiter H. P. Ochs beendet seinen Polizeidienst

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Nach mehr als 40 Jahren verlässt der Jugendsachbearbeiter Hans-Peter Ochs die Polizei. Er war eine Instanz in Ettlingen, hat viele Jugendliche auf den rechten Weg gebracht. „Alles in allem war’s eine tolle Zeit“ ist seine Bilanz.

Von unserem Mitarbeiter Klaus Müller

„Hallo Herr Ochs. Sorgen Sie da vorne mal für Ordnung“, tönt ein Passant lachend. Die Situation, um die es geht, ist harmlos. In der Ettlinger Kronenstraße behindert ein Zulieferer den Verkehr. Der Angesprochene winkt ebenso lachend ab: „Ich habe heute frei.“

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Einige Meter weiter ist wieder ein Gruß „Hallo Herr Ochs“ zu vernehmen. Keine Frage: Der Mann, den viele als „H. P.“ kennen, hat einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Stadt. Gemeint ist Hans-Peter Ochs – über Jahre Jugendsachbearbeiter im Ettlinger Polizeirevier.

Der Abschied fällt Ochs nicht schwer

Noch wenige Tage, dann endet für den 61-Jährigen der Polizeidienst. Und damit nimmt durchaus so etwas wie eine Instanz in Ettlingen den Hut – wohl besser die Wollmütze, denn die war bei kälteren Temperaturen das Markenzeichen von H. P., genauso wie die Bomberjacke.

Wie fällt der Abschied aus? Ochs, bei einem Kaffee im Gespräch mit den BNN, muss nicht lange überlegen. „Das war ’ne tolle Zeit. Jetzt ist sie eben bald vorbei.“ Wirklich schwer – vor allem mit Blick auf die vergangenen Jahre – fiele ihm der Abschied aber nicht.

Vieles hat sich in die sozialen Medien verschoben.

Hans-Peter Ochs

Ochs redet nicht um den heißen Brei herum. Das hat er nie gemacht. In den vergangenen Jahren habe sich eine Menge verändert. Aus seiner Sicht sei Ettlingen heute für Jugendliche – wohlgemerkt auf den Straßen – sicherer als noch vor ein paar Jahren. Vordergründig mag das eine positive Entwicklung sein.

Aber: „Vieles hat sich verschoben – ins Internet, in die sozialen Medien. Da geht es heftig zu. Da findet sich ein großes Gewaltpotential.“ Die Ereignisse in Stuttgart bestätigen das für ihn. „Es geht um Events. Sich mal schnell zusammenzuschließen. Da geht’s um Gewalt, der Gewalt wegen. Das wird immer wieder passieren.“

Und am Ende, wenn er all die Diskussionen darüber verfolge, gebe es mal wieder nur Opfer und keine Täter. Die Jugendlichen seien anders geworden. „Schwer zu erklären. Das muss man erleben.“ Viele von ihnen lebten in einer anderen Welt und das teilweise mit verqueren Ideen.

Früher fühlte Ochs sich wohl

Dass Ochs ein analoger Zeitgenosse ist, dass er seinen Job als Jugendsachbearbeiter fast schon als Berufung empfand, lässt sich unschwer aus seinen Äußerungen heraushören. Analog waren auch die Zeiten, als 300 und mehr Jugendliche den Horbachpark bevölkerten, als die Haltestelle Erbprinz zum Brennpunkt wurde.

Als die Obersten in Ettlingen schon das Schlimmste für die Stadt befürchteten. Genau in diesen Zeiten hat sich Ochs wohlgefühlt. Oft sei er allein unterwegs gewesen. Mitten in der Nacht. Mitten unter Hunderten Jugendlichen. Da kam nicht irgendein Polizist, ein Bulle, ein Störenfried der Obrigkeit, sondern es kam „Herr Ochs“.

Die Jugendlichen nannten ihn „Herr Ochs“

Kein Witz. Für seine sicher nicht immer einfache Klientel war er der „Herr Ochs“. Das zeugt vom Respekt. „Den muss man sich aber erarbeiten. Auf ehrliche Weise“, sagt H. P. dazu. Seine wichtigste Waffe sei immer die Sprache gewesen – die Ansprache, wie Jugendlichen begegnet werde.

„Auf Augenhöhe. Und mit Respekt. Nicht von oben runter. Die merken schnell, wenn du sie verarschen willst. Und ganz wichtig: Zuhören.“ Die Jugendlichen spürten das. Da schwätzt einer nicht nur, sondern er macht das so, weil er davon überzeugt ist. „Sie müssen dich kennen. Das erfordert Kontinuität.“

Präsenz war eine der besten Präventionen

Mit die beste Prävention ist für Ochs „Präsenz zeigen“ – und das immer wieder. Mit Rainer Scharinger, vormals Sozialarbeiter in Ettlingen vor der Zeit als Fußballprofi und KSC-Trainer, war er häufiger unterwegs. Sie initiierten Mitternachts-Fußball. Fast ihr ganzes Klientel kam zum nächtlichen Kicken nach Ettlingen-West. Auch daran schwand das Interesse mit der Zeit – vonseiten der Jugendlichen.

Vieles, so Routinier Ochs, habe sich auch in die Anonymität einer Großstadt wie Karlsruhe verlagert, die nun viele Probleme an der Backe habe. Die „kurzen Wege“ in Ettlingen kamen seiner Arbeit zugute. Von einer richtig guten Zusammenarbeit spricht er, wenn er an Amtsgerichtschef Jörg Schlachter denkt oder an Helmut Obermann, geschäftsführender Schulleiter des Albertus-Magnus-Gymnasiums in Ettlingen.

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Und nun? Seit 1976 ist H. P. Ochs bei der Polizei. Vor ein paar Jahren wäre ihm der Abschied noch schwer gefallen. Heute nicht mehr. Wie viele Kollegen vermisse er mehr und mehr den „Rückhalt von oben“. Die Kluft zwischen Polizeiführung und Polizisten und Polizistinnen werde immer größer. Sei’s drum. „Alles in allem war’s eine tolle Zeit“, sagt Hans-Peter Ochs. Tschüss H. P. und alles Gute.