Camill Siegwarth zusammen mit Ministerpräsident Filbinger 1976 bei einem Wahlkampfauftritt im Wahlkreis Ettlingen. | Foto: Klemm

Erinnerung an CDU-Poltiker

Camill Siegwarth vor 100 Jahren geboren

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Nach dem Krieg kümmerte er sich um Hungernde, Heimkehrer, Arbeitslose, Wohnungslose: Am 31. Juli vor 100 Jahren wurde Camill Siegwarth, später Beigeordneter und Landtagsabgeordneter, in Ettlingen geboren. Am 12. Oktober 1977 wurde Camill Siegwarth mit 21 Gemeinderat-Stimmen zum Ersten Beigeordneten der Großen Kreisstadt Ettlingen gewählt. Siegwarth war zu diesem Zeitpunkt bereits über 20 Jahre Mitglied im Gemeinderat gewesen und nach Meinung seiner CDU-Fraktion der einzige Mann, der dem Oberbürgermeister Erwin Vetter „zuarbeiten und ihn ergänzen“ kann. Der Beigeordnete dürfe im Verhältnis zum Oberbürgermeister „nicht zu sehr vom Ehrgeiz geplagt sein“ – dafür sei Siegwarth mit seiner Redlichkeit und seinen Erfahrungen ein Garant.

Camill Siegwarth galt als redlicher Politiker

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist Siegwarth erst im Arbeitsamt Karlsruhe, Außenstelle Ettlingen, als Verwaltungsangestellter tätig. 1947 zieht er in den Gemeinderat der Stadt Ettlingen ein, dem er bis 1975 für die CDU angehört. 1960 wird er Vorsitzender der CDU Ettlingen (CDU-Mitglied wurde er bereits am 25. November1945).

„Don Camillo“, wie er liebevoll genannt wird, ist zudem bis 1979 Mitglied des Kreistags und von 1956 bis 1960 bzw. wieder von 1965 bis 1980 Mitglied des Landtags, wo er den Wahlkreis Ettlingen vertritt. Er gehört zu den Stadträten, die über Parteigrenzen hinweg großes Ansehen genießen und ist in seinem politischen Handeln von seiner christlichen Überzeugung geprägt. Anlässlich seines 50. Geburtstags am 31. Juli 1968 zitiert die BNN Ettlingen Camill Siegwarth, damals Landtagsabgeordneter, mit den Worten: „Ich bin für alle da, ganz gleich welcher Partei sie angehören und ich bin bemüht, allen zu helfen.“

Siegwarth: „Ich bin für alle da“

Im Oktober 1971 fordert Siegwarth einen Ersten Beigeordneten – den Bürgermeister von Ettlingen und die zweitwichtigste Stelle in der Verwaltung – einen Posten, der nach dem Ausscheiden von Friedrich Wilhelm Kiel (FDP) seit längerer Zeit nicht mehr belegt wurde. „Eine einzige Persönlichkeit kann nicht mehr den Erwartungen unserer Bürger gerecht werden“, sagt er.

Gleichzeitig kümmert er sich stark um die Erschließung neuer Gelände für die Industrie, die anstehenden Verkehrsprobleme und das Schulwesen – „in der Zukunft brauchen wir nicht nur den Akademiker, sondern auch den Handwerker“, so Siegwarth. Das Gemeinderatsmitglied will zudem Verbesserungen im sozialen Bereich anstreben, sich für den Bau eines neuen Ettlinger Krankenhauses einsetzen und die Attraktivität der Stadt steigern. „Ettlingen als attraktive Einkaufsstadt steht und fällt mit der Altstadtsanierung“, meint Siegwarth und will Eigeninitiative von Bürgern in dieser Hinsicht unterstützen.

Erwin Teufel kam zu seinem 50. Geburtstag

1977, zum Zeitpunkt seiner Wahl zum Bürgermeister von Ettlingen, ist er Mitglied in einer Vielzahl von Ettlinger Vereinen, inklusive der Gemeinnützigen Baugenossenschaft „Familienheim“, die in den zurückliegenden Jahren rund 1 500 Eigenheime und -wohnungen in Ettlingen gebaut hat. Bei seiner Vereidigung erklärt Siegwarth: „Die Bürger werden bei mir immer ein offenes Ohr finden“ und betont, dass er sein Amt stets unparteiisch führen werde. Im April 1978 wird das Sozialamt seinem Geschäftskreis zugeordnet, außerdem gehören das Amt für öffentliche Ordnung, das Bauordnungsamt und die Stadtwerke zu seinem Dezernat.

Für seinen Einsatz als „bürgernaher“ Bürgermeister und seine stets sachliche Arbeit wird Siegwarth nicht nur von Erwin Vetter anlässlich seines 60. Geburtstags gewürdigt, sondern auch von CDU-Fraktionsvorsitzendem Erwin Teufel bei der Landtagstagung 1980 in Waldbronn. Der Bürgermeister scheidet nämlich Anfang 1980 am Ende der Legislaturperiode aus dem Landesparlament aus, um sich seiner Aufgabe in Ettlingen voll widmen zu können. „Heimisch“ fühlt er sich vor allem im Sozialausschuss – dabei kann seine Aufgabe in Ettlingen ihm zustatten.

Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes

Für seine Zeit im Landtag von Baden-Württemberg erhält er das Große Bundesverdienstkreuz, das ihm von Ministerpräsident Lothar Späth in Stuttgart überreicht wird. Nach mehreren Wochen Krankheit kehrt Siegwarth wieder im Februar 1983 zur Arbeit zurück. Am 31. Juli ist er 65 Jahre alt und kündigt an, dass er aber aus gesundheitlichen Gründen um die Verlängerung seiner Dienstzeit nicht bitten wird. „Don Camillo“ ist bekannt für seine klare Linie und seine fadengerade Meinung und Haltung, die ihm immer Achtung und Wertschätzung bringen, persönliche Vorteile sucht er nicht. Anlässlich seines 70. Geburtstags gibt der CDU-Kreisverband einen Empfang, bei dem Lothar Späth die Arbeit vom Bürgermeister lobt: „Der Camill hat politische Kleinarbeit im Alltag geleistet und darauf sind wir stolz“.

Politische Kleinarbeit im Alltag geleistet

Ein Jahr später am 25. November 1989 stirbt Camill Siegwarth und damit, heißt es in Ettlingen, einer der nach dem Zweiten Weltkrieg populärsten Kommunalpolitiker der Großen Kreisstadt. Der ehemalige Bürgermeister setzte sich nachdrücklich für soziale Themen ein, viele erbaten seine Hilfe und vielen konnte er helfen. „Ich habe einen Freund verloren“, erklärt Erwin Vetter bei seiner Beerdigung 1983, „er war aufgeschlossen, konservativ und prinzipientreu. Unser Camill wird uns fehlen“. Heute, 35 Jahre, später fasst der frühere Oberbürgermeister und jetzige Ehrenbürger Vetter das Wirken Siegwarths in einem Satz zusammen: „Er war der Nothelfer für die Ettlinger.“ Siegwarth holte Vetter 1972 aus der Villa Reitzenstein, wo er Beamter bei Filbinger war , an die Alb, als neuen OB.

Termin
Die CDU wird am Dienstag, 31. Juli, um 18.30 Uhr zusammen mit Sohn Peter Siegwarth, der im Ettlinger Gemeinderat sitzt, auf dem Ettlinger Friedhof ihres verdienstvollen Landtagsabgeordneten und Bürgermeisters gedenken.

von Katherine Quinlan-Flatter und Johannes-Christoph Weis