Tausende Menschen lockt das Ettlinger Marktfest alljährlich Ende August an. Dieses Jahr muss es wegen der Corona-Pandemie ausfallen. | Foto: Archiv

40. Marktfest ist abgesagt

Corona bremst Ettlinger Vereine und Kunsthandwerker aus

Anzeige

Lange Gesichter bei Vereinen, Kunsthandwerkern und Musikbands: das Ettlinger Maktfest, das  immer bis zu 50 000 Menschen in die Altstadt lockt, fällt Corona zum Opfer. Es ist ausgerechnet das 40. Marktfest.

Beim Neujahrsempfang war Ettlingens Oberbürgermeister Johannes Arnold ganz optimistisch und lud die Bevölkerung zum „Baustellen-Marktfest am letzten Augustwochenende“ ein. Die einzige Sorge, die die Stadt umtrieb: Wie kommen unsere Vereine und Kunsthandwerker mit dem geringeren Platz zurecht, den sie 2020 in der Innenstadt haben?

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Marktfest und Kunsthandwerkermarkt müssen ausfallen

Nun, diese Sorge hat sich erledigt, denn es gibt kein Open-Air-Spektakel, nicht einmal ein flächenmäßig abgespecktes. Und auch der Kunsthandwerkermarkt, der in den Rosengarten umziehen sollte, fällt flach. Corona bremst Großveranstaltungen bis Ende August aus. Also hat die Stadt ausgerechnet das 40. Marktfest absagen müssen.

Das ist die dritte abgesagte Veranstaltung für uns.

Bernd Rehberger, Wasener Carneval Club

Für die Vereine, die trotz Baustellen mitmachen wollten, ist das ein herber Schlag. Beispiel: Wasener Carneval Club (WCC). Den trifft die Marktfestentscheidung insoweit hart, als dass „es schon die dritte abgesagte Veranstaltung für uns ist, bei der wir wichtige Einnahmen erzielt hätten“, so Vorsitzender Bernd Rehberger.

Auch interessant: Corona-Krise: Sportvereinen in Ettlingen und Umgebung fehlen die Einnahmen

Bewirten wollte der WCC beim Volksbank Altstadtlauf im Juni – abgesagt. Zudem bei der Musiknacht im Grünhaus der Stadtwerke im Juli – ebenfalls abgesagt. Und nun noch das Marktfest. Der einzige Trost sei das große überörtliche Gardetanzturnier. Es soll statt im Oktober im Dezember in Ettlingen stattfinden.

Den Kunsthandwerkermarkt bestücken immer bis zu 70 Kunsthandwerker aus Ettlingen und Umgebung. | Foto: Archiv Ullmann

Geld wird für Kostüme, Noten und Instrumente gebraucht

Rehberger zufolge nimmt der Fasnachtsverein das Geld aus der Bewirtung, um Kostüme für seine diversen Tanzgruppen anzuschaffen, außerdem für den Kauf von Noten und Instrumenten für die „Wasenknoddler“. Die Rücklagen des Vereins seien jetzt schwer strapaziert, erklärt Rehberger, um dann noch deutlicher zu werden: „Wir sind blank.“

Erträge waren für Sportplatz eingeplant

Ähnlich ist die Situation beim TSV Schöllbronn mit seinen rund 700 Mitgliedern. Er muss aufs Sportfest im Juli verzichten und aufs Marktfest. Aus beiden Veranstaltungen waren Erträge eingeplant, die man Vorstand Ralf Stückler zufolge unter anderem für die Platzpflege und die Sportanlagensanierung eingeplant hatte. So sollte das Flutlicht auf LED umgestellt werden, ein Projekt, das jetzt möglicherweise verschoben wird.

Wir sind aufs Marktfest dringend angewiesen.

Klaus Kübler, Keglerverein Ettlingen

Der Ettlinger Keglerverein hatte sich schon drauf eingestellt, beim Marktfest auf die beliebte Kegelbahn platzbedingt verzichten zu müssen, wollte aber laut Vorsitzendem Klaus Kübel „auf jeden Fall dabei sein“. Schon weil der Unterhalt des Keglerheims am Huttenkreuz teuer ist, dort in die Bahnen und die Sanitäranlagen investiert werden musste und „wir deshalb aufs Marktfest dringend angewiesen sind“. Pachteinnahmen aus dem Lokal habe man derzeit keine, auch ruhe der Trainings- und Sportbetrieb.

Viele Band spielen immer bis spät in die Nacht - aber nicht 2020.
Viele Band spielen immer bis spät in die Nacht – aber nicht 2020. | Foto: Archiv Bentz

Wer zahlt jetzt die Jugendtrainer?

Auf ein „Baustellenmarktfest 2020“ hatte sich der TTV Grün-Weiß eingerichtet, denn sein angestammter Platz auf dem Neuen Markt wäre nicht nutzbar gewesen. „Damit hätten wir problemlos leben können und auch mit ein paar Euro weniger Umsatz an einem anderen Ort“, sagt Vorsitzender Christian Gerwig.

Auch interessant: German Light Products: Wegen Corona bleiben die Lichter aus

Der Totalausfall sei aber insoweit gravierend, als im Verein jetzt Geld fehle für Jugendtrainer, Tische, Bälle und um Fahrtkosten zu bezahlen. Neben dem bundesoffenen Albgauturnier Anfang des Jahres und Mitgliedsbeiträgen sei das Marktfest die wichtigste Einnahmequelle für den Tischtennisverein

Enttäuschung bei den Kunsthandwerkern

Nicht nur die Vereine, auch Kunstschaffende aus der ganzen Region sind vom Marktfest-Aus betroffen. Einer von ihnen ist der Ettlinger Josef Schottmüller, ein Mann der ersten Stunde und damit seit 1991 präsent. Er drechselt Holzspielzeug und -puzzles für Kinder und Spiele zum Zusammenbauen. „Ich habe schon alles vorbereitet“, berichtet er wehmütig.

Für den 77-Jährigen Witwer, der früher mit seiner Frau den Stand betrieb, ist der Kunsthandwerkermarkt weniger Einnahmequelle als eine willkommene Abwechslung im Alltag. „Dann halt wieder 2021“, meint er.

 

Die Europäische Meile wird seit 2005 immer von den Ettlinger Partnerstädten gestaltet. Sie ist ein beliebter Treffpunkt. | Foto: Archiv Stadt

Den Bands geht Honorar flöten

Kulturamtsleiter Robert Determann versteht die Enttäuschung von Marktbeschickern, Vereinen und von Bands, die auf den Bühnen spielen sollten. Denen geht jetzt Honorar flöten. Die Stadt habe keine Alternative zur Absage gehabt. Es ist das erste Mal überhaupt, dass das Event nicht stattfinden kann. Man spare zwar Geld (der städtische Zuschuss liegt bei 87.000 Euro), „hätte sich aber anderes gewünscht“.

Auch interessant: Auch Ettlingen hat jetzt ein Autokino

Determann weiß um die Bedeutung des Ettlinger „Stadtfestes“. Auch durch die  Präsenz zumeist aller sechs Partnerstädte auf der „Europäischen Meile“ im Schlosshof hat es  seinen unverwechselbaren Charakter und Charme.

 Das Ettlinger Marktfest ist wie so vieles in der Stadt untrennbar mit dem Namen Erwin Vetter verbunden. Der damalige Oberbürgermeister und heutige Ehrenbürger hat nach der gelungenen Altstadtsanierung die Idee, den Abschluss mit der Bevölkerung zu feiern. „Das Marktfest sollte ein Fest für die Säule der Ettlinger Bürgerkultur werden: für das Vereinswesen aus allen Stadtteilen“, so Vetter vor Jahren. Termin dafür ist das Wochenende vom 11. und 12. Oktober 1980. 30 Vereine machen mit, trotz schlechten Wetters ist die Resonanz so positiv, dass man sich auf eine Neuauflage im September 1981 verständigt.
1983 schließen sich mehr als 50 Vereine zur Arbeitsgemeinschaft Marktfest zusammen, um die Aktivitäten besser zu koordinieren. 1985, als der bis heute gültige Termin Ende August festgelegt wird, kommen 60.000 Menschen, um auf Straßen und Plätzen in der Altstadt zu feiern. 1990 führt Ettlingen das Mehrweggeschirr beim Open-Air-Event ein und verbietet ein Jahr später aus Umweltschutzgründen das Einweggeschirr. Mit dem Amtsantritt von Kulturamtschef Robert Determann bekommt das Marktfest 1991 eine weitere Attraktion: Er hat die Idee eines ergänzenden Kunsthandwerkermarktes, den bis heute immer gut 70 Kunsthandwerker bestücken.
Im Jahr 2000 dann der Rekord beim Marktfest: An die 90 Vereine, Gastronomen und Organisationen machen mit. 2002 startet ein Musikprogramm auf diversen Bühnen. Jazz, Pop, Rock ist dann bis in den späten Abend angesagt. Zum 25-Jährigen des Marktfestes 2005 zeigen erstmals Ettlingens Partnerstädte auf der so genannten „Europäischen Meile“ beim Schloss Flagge, schenken Schampus (Epernay) oder belgisches Bier (Middelkerke) aus. Später ziehen sie in den Schlosshof um. 2013 kommt eine zweite Meile am Marktfestsonntag in der Leopoldstraße hinzu: die des Ehrenamtes, die ebenfalls ihr Publikum findet.