WERTVOLLES in Gitterboxen: ESG-Chef Dominik Lochmann mit Leiterplatten. | Foto: jodo

Wirtschafts-Reportage

Das Rheingold rieselt bei der ESG in Rheinstetten

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Feuerrot züngelt die Flamme des Schmelzofens. Brenzlig riecht es in dem kleinen kahlen Raum. Thomas Bauer ist mit Schürze und schweren Handschuhen ausstaffiert. Ringe, Kettchen, Anhänger kommen in den Ofen. „Gold schmilzt wie Butter in der Pfanne“, sagt Dominik Lochmann. Wie recht der Chef der Rheinstettener ESG-Gruppe doch hat. Schon kurz danach gießt sein Mitarbeiter flüssiges Gold in eine Form. Erst raucht es, dann klopft er das rasch hart gewordene Edelmetall auf den Tisch und tunkt es mit der Zange in einen Blecheimer voll mit Wasser. Es zischt und dampft gewaltig. Fertig ist der Goldbarren.

So edel sieht der aber gar nicht aus. Soll er auch nicht. Die Schmelze der ESG ist vergleichsweise klein. Sie dient nur einem Zweck: Wenn zum Beispiel ein Zahnarzt eine größere Menge an Gold anliefert, muss nicht jede einzelne Krone unter dem Röntgen-Fluoreszenzgerät auf ihre einzelnen Bestandteilen analysiert werden, sondern gleich das komplette Material als Barren.

SCHMILZT WIE BUTTER: Die Schmelze der ESG dient dazu, um die Analyse von Edelmetallen vorzubereiten. | Foto: jodo

Als deutsche Hauptstadt der Edelmetallscheidung gilt sicherlich Pforzheim mit der Agosi, Doduco oder Heimerle + Meule, die Rohstoffe so aufbereiten, dass das Edelmetall übrig bleibt. In der Fachwelt ist aber auch die vergleichsweise junge Firma ESG Edelmetall-Service aus Rheinstetten ein Begriff – ihre patentrechtlich geschützten „CombiBars“ verkaufen nicht nur deutsche Banken und Sparkassen. Sie liegen weltweit in den Tresoren. Im Grunde genommen sind sie wie Schokoladentafeln, nur aus Gold: als ein Stück rationell herstellbar und Rippchen für Rippchen abbrechbar. Da kann der Großvater seinem Enkelkind zu jedem Geburtstag ein kleines Stückchen mehr schenken. Oder Firmen kleben die goldenen Stückchen zur Ehrung von Mitarbeitern auf passende Glückwunschkarten. Eine Idee, die dem 43-jährige ESG-Chef 2010 übrigens auf einer Hotelterrasse der griechischen Insel Santorin kam. Griechenland 2010! Wir erinnern uns: Euro-Krise, Ansturm aufs Gold – wenn es knapp ist, kann man es ja rippchenweise verkaufen, dachte sich Lochmann und zeichnete seine Idee auf einer Serviette auf.

Der Chef der ESG ließ sich unzählige Internet-Adressen sichern

Lochmann ist anders als andere in seiner Zunft: Im Polo-Shirt mit Firmenemblem, in Turnschuhen und mit so manchem flotten Spruch begegnet der Pfarrerssohn seinen Besuchern. BWL mit Schwerpunkt Controlling hat er in Pforzheim – ja, in der Goldstadt – studiert. Marketing kann er sowieso. Kaum von der Hochschule abgegangen, übernimmt er eine Drei-Mann-Firma, baut kurz danach 2001 in Rheinstetten. Verkauf via Internet ist noch jung. Lochmann lässt sich unzählige Adressen sichern, so wie www.scheideanstalt.de – die sind im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Internet und Edelmetallrecycling kombiniert er clever. Die Gesamterlöse beziffert Lochmann für 2017 auf 270 Millionen Euro.

Analysetechnik im Haus im Wert von über einer Million Euro

Noch heute macht die ESG-Gruppe, die auch Dependancen in der Schweiz und ab September für die Franzosen in Kehl hat, 85 Prozent ihres Umsatzes per Online-Geschäft. Wie das geht, zeigt ESG-Marketingchef Daniel Klee bei einem kleinen Rundgang. In einem der Labors sitzen zehn Frauen und analysieren Edelmetalle auf Geräten, die jeweils über 36 000 Euro kosten. „Wir haben im Haus Analysetechnik im Wert von über einer Million Euro“, sagt Klee. Also, das Internet: Wer sein Gold zu Geld machen will, geht auf die Homepage mit Preisrechner, füllt ein Formular mit Daten für den Gesetzgeber aus, schickt dieses mit dem von der ESG versicherten Edelmetall ein. Dort wird es bei Videoüberwachung ausgepackt und  analysiert. Danach erreicht den Kunden per Mail oder Telefonat die Info mit dem Wert – und das Geld wird überwiesen.

GOLD IN DER TONNE: Die ESG sammelt auch Kleinmengen an Edelmetallen – viele auch per Online-Auftrag. | Foto: jodo

Bei ESG weiß man, dass in der Branche nicht jeder glänzt, der mit Gold zu tun hat. Gold-Ankauf-Buden gibt es in fast jedem Dorf, wo es nicht immer seriös zugeht. Seriosität ist aber lebensnotwendig für einen, der wie Lochmann so sehr aufs Internet setzt. Ein unzufriedener Kunde – und schon hat er im Netz einen Shitstorm. Zum Renommee der ESG trägt sicherlich bei, dass Kunden auch direkt in der Firmenzentrale Edelmetalle abgeben können. „Wir haben auch schon mal Kunden aus Hamburg, die auf der Durchreise nach Italien sind, hier ihr Gold abgeben und mit 2 000 Euro Urlaubsgeld weiterfahren“, sagt Klee.

Die ESG ist wie ein Fort Knox in Miniaturausführung. Ohne Anmeldung kommt hier keiner rein. Drinnen hängen in den Räumen Monitore und zeigen an, was all die Kameras auf dem Firmenareal beobachten. Polierter Granitboden glänzt, Ledermöbel, ausliegende Zeitschriften – der Empfangsraum ähnelt einer gut gehende Privatarztpraxis.

Hinter den Kulissen lagern  in blauen Kunststoffeimern Zinnbecher und Silberbesteck. Oder Gebisse mit Zahngold, sieht nicht so appetitlich aus – auch das nimmt die ESG aber entgegen. Wo die Tresore für güldene Preziosen stehen, verrät natürlich auch der sonst so auskunftsfreudige Lochmann nicht. Wäre ja nicht seriös. Und der BNN-Fotograf darf, logisch, hier nicht überall fotografieren. In den öffentlichen Räumen aber sieht der Besucher jeden Arbeitsschritt – nur woher das Geld für seine verkauften Wertsachen herkommt, bleibt ihm verborgen.

„1 000 Tonnen edelmetallhaltige Recyclingprodukte gehen jedes Jahr über unseren Hof“, sagt Lochmann und führt – in den Hof. 40 Prozent des Umsatzes macht die ESG mit Geschäftskunden. Gleich ob Dax-Unternehmen oder Mittelständler, sie liefern ihre ausgedienten Computer, Handys, Autoradios an Zerlegebetriebe oder Behindertenwerkstätten. Und dann kommen die Einzelteile zur ESG in die Werkstatt. Dort scheppert und klappert es. Ein Mitarbeiter sortiert weiter, füllt Gitterboxen mit Prozessoren (Lochmann: „Da hat neu jedes Stück mal 200, 300 Euro gekostet“), mit RAM-Bausteinen, Leiterplatten. Hochwertige Abfälle, die bei ihrer Produktion anfallen, bringen einige Betriebe auch direkt zur ESG, die die Ware mit Staplern und Schwerlastkränen transportiert. Die ESG sammelt sie, bis sich die Fahrt zum Einschmelzen bei einem der europäischen Partnerbetriebe lohnt. Und dann lassen die ESG’ler Halbzeuge daraus herstellen, wie sie etwa die Schmuckindustrie braucht. Oder Goldbarren, Goldgranulat, Goldsalz, und, und, und.

„Responsible Gold“ kommt aus Nevada

Das Erfolgsrezept der Rheinstettener wird bei der Besichtigung schnell deutlich: Sie sind schlank und schnell, überlassen spezialisierten Partnerbetrieben, was die besser können. Lochmann spricht vom „Tröpfchen-machen-auch-Wasser-System“.

Die Firma startete mit Recycling, dann kam der Verkauf von edelmetallhaltigen Produkten hinzu, die oft innovativ sind. Goldbarren können ja schließlich viele. Wenn Lochmann davon erzählt, strahlen seine Augen wie die eines Jungen, der im Kinderzimmer gerade wieder etwas Neues erfunden hat. „Responsible Gold“, beispielsweise. Das wird im US-Bundesstaat Nevada abgebaut: keine Kinderarbeit, keine Ausbeutung, kein abgeholzter Regenwald. In Kooperation mit dem weltgrößten Goldbarrenhersteller Valcambi lässt ESG daraus die speziellen Barren gießen.

Aus Rheinstetten – was für ein passender Name! – kommt aber auch tatsächlich Rheingold: als Flitter, Barren oder für den Ring, den ein heimatbewusstes Ehepaar tragen will. Kein Witz! Rheingold im 21. Jahrhundert. In Kiesgruben entlang des Rheins zwischen Karlsruhe und Baden-Baden wird es – nebenbei – minimal gefördert. Eine Goldwäscherfamilie trägt es zusammen und bringt es zur ESG.

„Im Investmentbereich verlassen jedes Jahr allein über sechs Tonnen Gold unser Haus.“

Auch angesagt: individualisierte Edelmetalle. Beim Verkauf von Edelmetallprodukten hat ESG Gewicht. Lochmann: „Im Investmentbereich verlassen jedes Jahr allein über sechs Tonnen Gold unser Haus.“
Pro Jahr hat sich die ESG nun vorgenommen, mit dem Verkauf in ein weiteres europäisches Land zu gehen. Ab 2020 soll auch Online in großem Stil mit Schmuck gehandelt werden. Die Produktvielfalt werde noch größer werden. Diversifikation lautet das Stichwort, um weniger abhängig von Schwankungen des Goldpreises zu sein. Denn das ist das Risiko der Branche: Da braucht, beispielsweise, nur ein unberechenbarer US-Präsident Donald Trump gegen jemanden zu twittern – und schon rauscht der Goldpreis bergab oder steigt rasant an.

„Wir sind spezialisiert, wie am Fließband kleine wie große Geschäftsvorfälle abzuarbeiten“, sagt der Chef, der vor zehn Jahren im damaligen Sechs-Mann-Betrieb noch selbst an der Schmelze den Ofen angeworfen hat. Heute hat er 60 Mitarbeiter, die pro Jahr bei der ESG über 100 000 An- und Verkäufe abwickeln.