Was in Stuttgart geht, soll es auch im Landkreis Karlsruhe bald geben: Busorder per App. | Foto: dpa

Test in Ettlingen und Marxzell

Der Bus wird per App bestellt

Anzeige

Spät abends mit dem ÖPNV heimfahren – das kann im ländlichen Bereich schwierig bis unmöglich sein. Landkreis und KVV probieren ab dem Sommer im Albtal on-demand-Verkehr: Ein Kleinbus holt Fahrgäste nach deren Bestellung per App an der Haltestelle ab.

Das Nahverkehrsangebot im Landkreis Karlsruhe ist gut – aber es gibt Angebotslücken im ländlichen Raum sowie außerhalb der üblichen Taktzeiten. Auf der Suche nach alternativen und flexiblen „Bedienformen“ sind Landkreis und Karlsruher Verkehrsverbund nun bei „on-demand-Verkehr“ (Verkehr auf Anforderung) angelangt. Das im südlichen Kreis geplante „Reallabor“ ist laut Landrat Christoph Schnaudigel das ihm einzig bekannte im ländlichen Raum. In jedem Fall sei der Kreis Karlsruhe der erste Landkreis, der nun ein solches System aufziehen will, bei dem Fahrgäste über eine Bestellung per App mittels Kleinbus von ihrem Standort abgeholt und zu einem persönlichen Ziel gebracht werden. Angedockt werden soll dieser Verkehr an Haltepunkte der Stadtbahn.

„Reallabor“ startet im Sommer

Nach dem Plan soll das Ganze in einem „Reallabor“ ab Juni zunächst für die Ettlinger Kernstadt getestet werden. Der Fahrgast teilt dem System via App mit, dass er mit der Stadtbahn zu einer bestimmten Uhrzeit beispielsweise am Stadtbahnhof Ettlingen eintrifft. Ob ihn ein Kleinbus oder besser ein Pkw dann zu seiner Wohnung oder zumindest in deren Nähe bringt, wird im „Reallabor“ untersucht. Per Ausschreibung soll bei den Busunternehmen diese Leistung angefragt werden. Funktioniert der „on-demand-Verkehr“ in Ettlingen-Kernstadt, soll das System zunächst in Richtung Marxzell ausgeweitet werden. Dort hat am Montag der Gemeinderat den Planungen zugestimmt. Im Idealfall kommen in der nächsten Stufe die Ettlinger Stadtteile hinzu. Für die Nutzungen bedarf es eines KVV-Tickets.

Kreistag muss zustimmen

Landrat Schnaudigel verdeutlicht gegenüber den BNN, dass die Systematik der vor rund 20 Jahren eingeführten Anruf-Sammeltaxis angesichts geänderter Rahmenbedingungen Unzulänglichkeiten aufweise. „Das Grundbedürfnis nach Mobilitätsdienstleistungen ist im ländlichen Raum und gerade außerhalb der normalen Taktzeiten gegeben“, sagt Schnaudigel – im Testfeld soll nun „auch über einen längeren Zeitraum“ getestet werden, ob sich dieses Grundbedürfnis auch in einer realen Nachfrage niederschlägt. Formale Grundvoraussetzung ist noch die Zustimmung des Kreistags, denn der Versuch schlägt mit grob geschätzten 200 000 Euro zu Buche. Technischer Partner von Landkreis und KVV ist die Firma moovel, ein Unternehmen, an dem Daimler und BMW beteiligt sind.

Hochschule als Partner

Die Hochschule Karlsruhe Technik und Wirtschaft will den Versuch wissenschaftlich begleiten. Der „on-demand-Verkehr“ ist laut Landrat nur der Einstieg in weitere Überlegungen, die als nächstes dem Raum Dettenheim gelten.

Chance für weitere Orte

Die zu gewinnenden Erkenntnisse könnten noch in weiteren Gegenden des Landkreises Anwendung finden, in denen es spät abends oder nachts abseits der S-Bahn-Linien eng wird. Die Junge Union hat eine Ausarbeitung vorgelegt, deren Ziel das gleiche ist, das der Landkreis mit dem „Reallabor“ verfolgt: eine Angebotsverbesserung durch flexible Leistungen. Der Landrat sieht im geänderten Verhalten junger Leute, die vermehrt auf die Angebote des ÖPNV zurückgreifen, eine Chance für positive Ergebnisse. Dieses Verhalten könne durch den „on-demand-Verkehr“ gesteigert werden: „Da ist mehr Komfort.“

Tempolimit, Dieselskandal, Abgasproblematik, Stau, Baustellen, Benzinpreis – das Leben des Autofahrers ist nicht immer lustig. Mit dem Fahrspaß ist es eben so eine Sache. Es sind deshalb nicht nur grundsätzlich umweltmäßige Überlegungen, die bei jüngeren Leuten dazu führen, ohne eigenes Auto auskommen zu wollen. Für die Generation der Fünfziger und Sechziger gab es zum 18. Geburtstag eigentlich nur zwei Wünsche – Führerschein und dazu am besten einen eigenen Golf. Seinerzeit der mit den viereckigen Scheinwerfern.
Das ist inzwischen anders. Der öffentliche Nahverkehr hat einen anderen Stellenwert bekommen. Der Ausbau in der Region Karlsruhe erfolgte mit Siebenmeilenstiefeln. Das Angebot ist gut bis sehr gut – und hat doch Schwächen. Ländlicher Raum, späte Abendstunden, nachts an Wochenenden geht praktisch nichts. Das hat gute Gründe. Die aktuellen Systeme sind nicht darauf ausgelegt, vergleichsweise geringe Fahrgastmengen und die auch noch individuell zu transportieren. Wenn der große Bus mit wenigen Kunden nach Fahrplan und Umlaufzeiten unterwegs ist, ist das zu teuer.
Nach mehreren Jahren Diskussion und Versuchen steigt der Landkreis mit dem KVV in zeitgemäße Mobilität ein. Der geplante „on demand-Verkehr“ für Ettlingen und Marxzell ist ein Qualitätssprung, der eine deutliche Verbesserung des Angebots bringen kann. Für das Albtal, aber auch für den restlichen Landkreis. Die Entwicklung des Testfelds wird zahlreiche interessierte Beobachter aus Wissenschaft, Industrie und von Verkehrsanbietern haben. Die Ergebnisse beeinflussen die weitere Ausgestaltung des ÖPNV in der Region.             Matthias Kuld