Rüssel bis zum Boden: Dieser Tornado ist echt. Aber nicht aus Ettlingen. Symbolfoto. | Foto: dpa

Unwetter am Dienstagabend

DWD-Experte nach Ettlinger Tornado-Fake: „Wir sind nicht manipulierbar“

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Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat am Donnerstag vorübergehend bestätigt, dass es im Raum Ettlingen ein Tornado gab. Um kurz darauf zurückzurudern: Ausschlaggebend für die Einschätzung war ein Video, das ein ganz anderes Ereignis zeigt. Ist der Dienst anfällig für Fake-News? Ein Gespräch mit dem DWD-Tornadobeauftragten Andreas Friedrich.

Herr Friedrich, Sie haben am Donnerstag erklärt, bei Ettlingen habe es am Dienstagabend einen Tornado gegeben – und ihre Bestätigung kurz darauf revidiert. Was war da los?

Andreas Friedrich: Wir hatten einen sehr glaubhaften Augenzeugenbericht und bekamen dann noch ein Video, das ganz eindeutig einen Tornado zeigt. Zwei voneinander unabhängige Quellen also. Das hat uns dann zunächst dazu bewogen, den Tornado als bestätigt anzusehen. Leider sind wir bei dem Video einem Schwindel aufgesessen – es zeigt zwar einen Tornado. Allerdings nicht am Dienstag und nicht über Ettlingen.

Das heißt, ich kann Ihnen ein Video zuschicken, dass irgendeine Extremwetterlage zeigt. Und Ihnen erklären, dass da zum Beispiel gerade ein schweres Gewitter in Neuss wütet – und sie glauben das dann?

Andreas Friedrich ist Pressesprecher und Tornadobeauftragter beim Deutschen Wetterdienst (DWD).
Andreas Friedrich ist Tornadobeauftragter beim DWD. | Foto: Deutscher Wetterdienst (DWD)

So einfach ist es natürlich nicht. Wir haben schon relativ viele Möglichkeiten zu klären, wie plausibel ein Gewitter in Neuss ist. Zunächst mal muss die Wetterlage so ein Ereignis überhaupt hergeben. Das können wir relativ leicht verifizieren. Dann haben wir ein Netz von geschulten, ehrenamtlichen Mitarbeitern in ganz Deutschland. Wenn die sagen, in Neuss war kein Gewitter, wäre das schon mal ein starkes Indiz dafür, dass da keines war.

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Aber wissen können Sie es damit noch nicht so ganz genau…

Herausfinden können wir es aber schon. Wir können in Deutschland auf die Daten von 17 Radarstationen zugreifen. Die reichen aus, um zum Beispiel den Nachweis eines Hagelschauers bis auf eine kleine Kommune herunterzubrechen. Ganz viel kann uns da also nicht mehr durch die Lappen gehen. Wir verzeichnen jeden Blitz, der in ganz Europa niedergeht.

Und warum dann dieser Fauxpas mit dem Tornado?

Das war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Zunächst mal ist ein Tornado tatsächlich eines der ganz wenigen Dinge, die wir nicht allein mit technischen Mitteln nachweisen können. Unsere Daten zeigen ganz klar: Es gab eine Wetterlage, die einen Tornado ermöglicht hätte. Die Wolkenformation gibt das her, alle anderen Voraussetzungen sind auch erfüllt. Ob es dann aber unter der Wolkendecke wirklich zu einem Tornado kommt, können wir nicht sehen – zumal ein Tornado einige ganz klare Kriterien erfüllen muss. Dann kamen der Augenzeugenbericht und das Video. Das hat für uns in dem Augenblick zunächst als Nachweis gereicht.

Das heißt im Umkehrschluss, es gibt zumindest bei einigen Wetterlagen die Möglichkeit, den DWD manipulieren?

Naja, der konkrete Vorfall hat ja noch einige Weiterungen. Unser Tornado-Beauftragter – also ich – war im Urlaub, als sich der Tornado über Herxheim entwickelt hat, den besagtes Video zeigt. Andernfalls hätte ich es normalerweise gekannt und den Fake direkt entlarvt. Und dann waren wir gestern einfach zu schnell: Wenn man das Video mal mit Abstand betrachtet, stellt man fest: Eigentlich ist der Himmel ziemlich hell für ein Ereignis, dass im August gegen 21 Uhr stattgefunden haben soll. Da ist in der Eile einfach ein Fehler passiert, wir hätten etwas mehr Energie in die Verifizierung stecken müssen. Deswegen sind wir aber nicht manipulierbar.

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Stellen Sie denn fest, dass Menschen Sie vermehrt mit Falschmeldungen bombardieren?

Über die sozialen Medien erreichen uns natürlich heute mehr Meldungen, als das früher mal der Fall war. Und klar melden da mal besorgte Anwohner ein Weltuntergangsszenario, wenn ein mittelschweres Gewitter über ihre Köpfe zieht. Dass da allerdings gezielt Leute falsche Unwettermeldungen an uns herantragen, können wir höchstens mal im Einzelfall beobachten. Und selbst im Fall der Fälle: der Tornado zeigt ja auch, dass wir reagieren, wenn wir einem Fake aufgesessen sind.

Weil statt eines Tornados über Ettlingen ein Shitstorm über den DWD hereingebrochen ist?

Nunja, die Öffentlichkeit kann eben durchaus als Korrektiv wirken. Wir arbeiten aber bei unseren Einschätzungen auch mit anderen Stellen zusammen. Um beim Beispiel Tornado zu bleiben: Da ziehen wir auch Einschätzungen etwa der ESWD (European Severe Weather Database) heran. Es dauert dann aber seine Zeit, ein Ereignis wasserdicht zu verifizieren und richtig einzuordnen. Bezogen auf Ettlingen kamen einfach viele unglückliche Umstände zusammen. Wir haben dann ja im Netz und bei der ESWD die Informationen umgehend angepasst.