Figur auf dem Ettlinger Narrenbrunnen
Warum schaut der Possenreißer auf dem Ettlinger Narrenbrunnen nur so unlustig drein? | Foto: abw

Der Ettlinger Narrenbrunnen

Ein Narr macht ernst

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Dieser Narr sieht nicht so aus, als ob ihm der Schalk im Nacken säße. Keine Spur von Fröhlichkeit, eher skeptisch blickt er drein. Leicht grimmig vielleicht. Oder – das trifft es wohl am besten – trotzig. Aber die Figur auf dem Ettlinger Narrenbrunnen stellt ja auch keinen Fastnachter dar, der nur während der tollen Tage das Narrenszepter schwingt. Die eleganten Kniehosen, der Säbel, dazu ein Zipfelhemd und eine von zwei Eselsohren gezierte Kappe – das deutet auf einen Hofnarren hin, einen Profi.

Narrenbrunnen auf dem Schlossplatz Ettlingen.
Der Narrenbrunnen auf dem Schlossplatz Ettlingen. | Foto: abw

Schon 1532 wurde ein Narrenbrunnen erwähnt

Der Narrenbrunnen auf dem Schlossplatz Ettlingen ist der älteste seiner Art im südwestdeutschen Raum. 1549 – diese Jahreszahl findet sich auf dem Brunnen. Womöglich ist er aber noch älter. Denn in Dokumenten aus dem Kloster Frauenalb wird bereits 1532 ein Narrenbrunnen erwähnt. Bei dem trotzigen Narren, der den Brunnen heute krönt, handelt es sich allerdings um eine Kopie. Die Original-Figur wurde ins Museum gebracht, um sie vor Wind und Wetter zu schützen. Wer sie bewundern will, muss sich ins Schloss hinein begeben.

Wirklich spaßig war das Leben eines Narren kaum

Warum aber schaut der in Stein gemeißelte Possenreißer so unlustig drein? Daniela Maier, die Leiterin des Ettlinger Museums, zeigt für seine trübe Miene Verständnis. Denn bei den Berufsnarren habe es sich meist um körperlich behinderte Menschen gehandelt: „Sie standen außerhalb der Gesellschaft, etwa so wie auch die Henker.“ Ihrer Behinderung wegen wurde mit solchen Leuten mancher Spott getrieben. Doch wenn sie sich bei Hofe zum Narren machen ließen, eröffneten sich den Benachteiligten gewisse Karrierechancen – bis hin zum regelrechten Hofamt.

Der kleine Narr mit dem nackten Hintern.
Ein kleiner Narr kauert zu Füßen den Brunnenfigur und streckt dem Betrachter sein nacktes Hinterteil entgegen. | Foto: abw

„Verachte mich nicht“

Davon, dass das Narrendasein oft aber alles andere als spaßig war, zeugt auch ein kleines Männchen, das zu den Füßen der Ettlinger Brunnenfigur kauert und dem Betrachter närrischerweise sein nacktes Hinterteil entgegenstreckt. Es weint. Und hat sein Köpfchen auf eine Tafel gelegt, die man lesen kann, wenn man um den Brunnen herumgeht. „Las mich unferacht bedenck der Welt Wysheyt und Bracht ist vor Got ein Dorheit geacht“, steht da in großen Lettern.

Moderner gesprochen heißt das: „Verachte mich nicht. Bedenke: Der Welt Weisheit und Pracht ist vor Gott nur eine armselige Torheit.“

Die mahnende Tafel
Tafel auf dem Ettlinger Narrenbrunnen | Foto: abw

In kluger Einfalt Kritik geübt

Verachtung, das war das eine. Auf der anderen Seite ließ sich die vornehme Gesellschaft Europas gerne amüsieren von kleinwüchsigen Menschen und anderen „Launen der Natur“, als welche man Behinderte betrachtete. Über Jahrhunderte hinweg waren Zwerge und Narren (oft in Personalunion) fester Bestandteil der höfischen Kultur. Künstler verewigten etliche von ihnen in Portraits.

Sie bildeten den Gegenpart zum Herrscher, der sich neben ihrer lächerlichen Erscheinung nur noch prächtiger abhob. Die Narrenfreiheit ermöglichte ihnen zudem, in kluger Einfalt recht unverblümt Kritik an den Mächtigen zu üben. Wenn der Narrenmund allzu unliebsame Wahrheiten kund tat, konnte man diese ja immer noch als bloße Narreteien abtun.

Narrenbrunnen Ettlingen - Detail
Kopf der Brunnenfigur | Foto: abw

Ein testamentarisch vermachter Hofnarr

Auch die Markgrafen von Baden hielten sich zumindest zeitweise Hofnarren. Namentlich bekannt ist Hans von Singen (nach seinem Herkunftsdorf, heute ein Ortsteil von Remchingen). Dieser Hans, auch Henselin oder Hansele genannt, war seinem Herrn, dem Markgrafen Philipp I. (1479-1533) so lieb, dass er ihn testamentarisch an seinen Bruder Ernst (1482-1553) vermachte – mit der Bitte, dem Narren „gute Achtung und Pflege“ angedeihen zu lassen.

Hans von Singen – „der witzigste König der Narren“

1533 wurde eine Medaille geprägt, die Hans von Singen zeigt – mit einem Kopfschmuck, der an eine Krone erinnert, aber aus Eselsohren besteht. Ob „der witzigste König der Narren und Albernen“ – so die Umschrift – die Medaille selbst in Auftrag gab oder seine Dienstherren ihm diese außergewöhnliche Ehre zuteilwerden ließen, weiß man nicht. Ein tumber Tölpel hätte es aber kaum auf eine Medaille geschafft. Der Witz des Hofnarren spricht für einen intelligenten Mann.

Die Portraitplakette am Pfeiler des Narrenbrunnens zeigt Hans von Singen, den Hofnarren der badischen Markgrafen Philipp I. und Ernst. Seine „Krone“ wird von Eselsohren geziert.
Ein gekröntes Haupt? Nein, die Portraitplakette am Pfeiler des Narrenbrunnens zeigt Hans von Singen, den Hofnarren der badischen Markgrafen Philipp I. und Ernst. Seine „Krone“ wird von Eselsohren geziert. | Foto: abw

… aber wer ist der Narr auf dem Brunnen?

Stand Hans von Singen Modell für den Ettlinger Narrenbrunnen? Es gibt etliche Anhänger dieser These. So geht etwa die Remchinger Sachbuchautorin Marlis Zeus mit „sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ davon aus, dass die Ettlinger Brunnenfigur Hans von Singen gewidmet ist. Als „Beweis“ führt sie – wie andere auch – vor allem eine Portraitplakette des badischen Hofnarren am Pfeiler des Narrenbrunnens an. Dieses Relief ist der Medaille aus dem Jahr 1533 nachempfunden – und Ähnlichkeiten der Gesichtszüge des Hans von Singen mit denen der großen Brunnenfigur sind durchaus vorhanden.

Kein historischer Beweis

Doch: „Vorsicht“, warnt Daniela Maier. Es gebe keinen historischen Beweis dafür, dass die Brunnenfigur Hans von Singen darstellt. Auch das Relief sei kein Beleg für seine Identität mit dem trotzigem Narren – sondern als „Zutat“ erst später am Brunnenpfeiler angebracht worden.

Mit dem Narrenbrunnen ein Zeichen gesetzt?

Für wahrscheinlich hält es die Museumschefin, dass die katholischen Ettlinger sich eines Narren bedienten, um mit der „bildhauerisch tollen Arbeit“ eines unbekannten Meisters ein Zeichen gegenüber der Obrigkeit zu setzen. Die Botschaft der Bürger: „Auch Eure Pracht ist vor Gott nur eine armselige Torheit – auch ihr seid einer höheren Gewalt unterworfen“. Ein Narr darf sich die Freiheit nehmen …

Die Brunnenfigur

Fans unter den Fastnachtern

Ob der historische Hans von Singen sich jemals in Ettlingen aufhielt? Zumindest posthum hat sich der „König der Albernen“ in der Stadt an der Alb eingenistet. Und viele Fans unter den Fastnachtern gefunden. Die Narrengilde Ettlingen etwa, immer bemüht, der Obrigkeit mit spitzer Zunge aufs Maul zu schauen, nennt sich „Bruderschaft des Hans von Singen“. Sie verleiht zudem regelmäßig den Narrenbrunnen-Preis.

Die Sage vom Ettlinger Schweinekrieg

Und dann gibt es auch jede Menge Anekdoten über den badischen Hofnarren, die man sich immer wieder gerne erzählt. Eine etwas anrüchige Geschichte hat sogar einen wahren Kern, wie Daniela Maier bestätigt: die Sage vom Ettlinger Schweinekrieg.

Zoff mit den Klosterfrauen von Frauenalb

Die Ettlinger aßen nämlich gerne Schweinefleisch, wollten die Tiere aber nicht in ihren Mauern halten – des Geruches wegen. So ließen sie außerhalb der Stadt, unweit des Klosters Frauenalb im Albtal, einen großen Schweinestall bauen. Die Klosterfrauen waren jedoch nicht bereit, die ihnen vor die Nasen gesetzten Wutzen zu dulden – es kam zu massiven Streitigkeiten mit der Ettlinger Bürgerschaft. Das ist historisch gesichert. Dann soll der Schweinekrieg eskaliert sein – die Nonnen fackelten den Schweinestall ab. Und die Ettlinger revanchierten sich, indem sie das Klosterdach in Brand setzten. Das ging nun gar nicht.

Wie Hans von Singen ein Leben rettete…

Der Sage nach verurteilte der Markgraf, immerhin Schirmherr des Klosters, wegen der Zündelei die zwölf Ettlinger Ratsherren zum Tode. Zur Hinrichtung reiste er persönlich an – in Begleitung seines Hofnarren. Elf Köpfe waren bereits gefallen, als der Markgraf sich bei Hans von Singen erkundigte, wie ihm denn das blutige Schauspiel gefalle. Prompt soll der Narr geantwortet haben:

„Wenn’s alles Krautköpf’ wären, die wachsen nach,
könnt mich belustigen solche Schmach,
sprach tapfer Hans ohn’ viel Geschrei.
Da ließ der Fürst den zwölften frei.“

Klar, dass der Markgraf dem letzten Ratsherrn das Leben schenkte – vernarrt wie er in seinen Narren war.

So beschreibt die Stadt Ettlingen ihren Narrenbrunnen.