Die WM-Karten für die deutschen Vorrundenspiele hat Oliver Brannath schon in der Tasche. Im Hintergrund die Schalsammlung von seinen Fußballreisen.
Die WM-Karten für die deutschen Vorrundenspiele hat Oliver Brannath schon in der Tasche. Im Hintergrund die Schalsammlung von seinen Fußballreisen. | Foto: Körner

„KSC Freak“ Oliver Brannath

Ein Weltreisender im Fußballfieber

Wenn am Sonntag das deutsche WM-Spiel gegen Mexiko angepfiffen wird, darf einer nicht fehlen: Oliver Brannath. Seit Jahren reist der Mörscher der Nationalelf quer über den Globus hinterher. Brannath war im Stadion, als Deutschland 1996 in London Europameister und 2014 in Rio de Janeiro Weltmeister wurde. 2015 erlebte er den missglückten Anschlag auf das Stade de France in Paris und war einer von gerade mal 40 deutschen Fans beim WM-Qualifikationsspiel 2013 in Kasachstan. Stets mit dabei: Seine blau-weiße Fahne mit der Aufschrift „KSC Freak“. Bei jedem Spiel von DFB und KSC hängt sie im Stadion.

1 082 Spiele in 47 Ländern

1 082 Spiele in 47 Ländern hat Brannath gesehen. Schluss ist noch lange nicht: Für die WM in Russland hat der 49-Jährige, wie schon in Südafrika 2010 und Brasilien 2014, ein sogenanntes „Follow-your-team“-Ticket erworben. Damit besitzt Brannath für jede Runde, in der die deutsche Mannschaft antritt, ein Vorkaufsrecht. Kostenpunkt: 1 200 Euro. Allein die Karte für das Finale in Moskau kostet 440 Euro. „Das ist es mir wert“, sagt der Familienvater, der nach dem deutschen Auftakt am Sonntag wieder zur Arbeit nach Hause fliegt.

22 Stunden Zugfahrt

Spiel zwei und drei verbindet er. Mit einer Gruppe KSC-Fans, die seit Jahren gemeinsam reist, fährt Brannath mit dem Zug von einem Spielort (Sotschi) zum nächsten (Kasan) – Zwischenstopp in Wolgograd, dem einstigen Stalingrad, inklusive. „Uns erwarten 22 Stunden Zugfahrt“, berichtet Brannath. Weil er als Karteninhaber eine „Fan-ID“ besitzt, lassen die Russen ihn innerhalb von sechs Wochen so oft ein- und ausreisen, wie er will.

Ich hätte beide nicht mitgenommen.

Oliver Brannath über Özil und Gündogan

 

Brannath geht davon aus, dass seine Reise – und damit die der Nationalmannschaft – früher endet als vor vier Jahren: „Spätestens im Halbfinale ist Schluss“, prognostiziert er. Die Unruhe um das Treffen der Spieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Erdogan habe der Mannschaft geschadet. Brannaths Haltung ist klar: „Ich hätte beide nicht mitgenommen“. Weltmeister, tippt er, wird diesmal Frankreich.

Seine Zaunfahne hängt Brannath bei allen Spielen der DFB-Elf und des KSC im Stadion auf. | Foto: Körner

Der Fußballfan, bei den Alten Herren des TV Mörsch selbst aktiv, freut sich auf die Begegnung mit den Russen. „Beim Confed Cup waren die Menschen sehr gastfreundlich“, erzählt Brannath, „und haben erstaunlich gut Englisch gesprochen“. Sorgen um die Sicherheit müssten sich deutsche Fans nicht machen. Er habe sich „rund um die Uhr wohlgefühlt“.

Fußballtrip nach Nordkorea

Der Mörscher hat große Spiele erlebt, unter anderem das 7:0 des KSC gegen Valencia, das 7:1 der Nationalmannschaft gegen Brasilien und das Elfmeterschießen bei der EM 2016 gegen Italien. Und er hat viel von der Welt gesehen: Er war in Amerika, Albanien, Australien – und Nordkorea. „Dort haben wir Spiele zwischen Betriebsmannschaften angeschaut“, erinnert er sich. Frei bewegen habe man sich nicht können: „Sobald wir in eine Seitenstraße abbiegen wollten, wurden wir von unseren Reisebegleitern zurückgepfiffen“.

Groundhopping
Groundhopping ist eine Sammelleidenschaft von Fußballfans, bei der es darum geht, Fußballspiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien rund um den Globus zu besuchen. Die Liga spielt dabei keine Rolle. Die Groundhopping-Szene ist weitgehend unorganisiert. Strikte Regeln gibt es nicht, für die meisten gilt jedoch: Ein Ground muss mit einem Fußballspiel verbunden sein, der bloße Stadionbesuch zählt nicht. Das Wort Groundhopping setzt sich zusammen aus dem englischen Substantiv ground – bezeichnet unter anderem das Spielfeld eines Stadions – und dem Verb to hop, das hüpfen oder springen bedeutet. Groundhopping meint also das Hüpfen von Stadion zu Stadion.
Die Idee, Groundhopping organisiert zu betreiben, hatte der Brite Geoff Rose 1974. Der Sportjournalist schlug er vor, für Fans, die alle 92 Stadien der vier englischen Profiligen besucht hatten, eine spezielle Krawatte zu produzieren. 1978 wurde dann der so genannte „92-Club“ gegründet. In deutschen Fankreisen kam der Groundhopping-Trend während der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien auf.
Einmal im Jahr erscheint der Groundhopping-Informer. Das Buch ist eine Art Adressbuch des Weltfußballs, das nahezu alle Stadien der Welt mit Adresse, Telefonnummer und Fassungsvermögen auflistet. (kal)

Langweilig wird Brannath auf Reisen nie. In einer brasilianischen Favela besuchte er ein Fußballspiel zwischen brasilianischen und argentinischen Fans. In Soweto, den Townships Johannisburgs, war er einer von nur vier Weißen in einem Supermarkt. Und in Armenien wurde Brannath in einem Hinterhof von einer alten Dame bekocht. Er könnte stundenlang über seine Abenteuer erzählen – und man will ihm genauso lange zuhören. In Russland, davon ist auszugehen, werden neue dazukommen.