Auf bestem Weg: "Routago" informiert über Objekte in der Umgebung, schlägt gefahrenlose Umwege vor und sammelt Erfahrungen durch maschinelles Lernen.
Auf bestem Weg: "Routago" informiert über Objekte in der Umgebung, schlägt gefahrenlose Umwege vor und sammelt Erfahrungen durch maschinelles Lernen. | Foto: dpa

Wirtschaft

Ettlinger Start-Up hilft mit der App „Routago Assist“ blinden Menschen

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Blinde und sehbehinderte Menschen haben es schwer, sich in der Stadt zurechtzufinden. Ihnen kann jetzt mit einem neuartigen Navigationssystem unter die Arme gegriffen werden. „Wir revolutionieren die Mobilität blinder und sehgeschädigter Menschen mit einem digitalen Assistenzsystem auf ihrem Smartphone“, erklären Gerd Güldenpfennig und Stefan Siebert, die Gründer und Geschäftsführer der jungen „Routago“ GmbH in Ettlingen.

von unserer Mitarbeiterin Monika John

„Schließt man die Augen und versetzt sich in die Lage eines Blinden, der einen sicheren Weg etwa zum Bahnhof sucht, dann versteht man sofort, vor welchen Herausforderungen weltweit rund 285 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen stehen. Gängige Navigationslösungen behandeln Fußgänger wie langsame Autos. Fußgängerbrücken und -unterführungen, Parks, Zebrastreifen und kleinere Wege werden nicht berücksichtigt.“

Das ändere sich mit dem „Routago“-Assistenzsystem, betont Siebert. Eine zentrale Eigenschaft der Navigation sei es, für den Benutzer eine optimierte Route zu bestimmen. Für einen Blinden könne es sicherer sein, einen Umweg zu gehen, als eine Straße direkt zu überqueren. Ein Rollstuhlfahrer erhalte eine Route, die wenig Steigungen enthält, Treppen meidet und Rampen beinhaltet.

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Kontinuierliche Verbesserung durch maschinelles Lernen

Außerdem liefert „Routago“ Informationen über Objekte in der Umgebung und kann Strecken aufzeichnen. „Das alles wird durch maschinelles Lernen kontinuierlich verbessert“, so Siebert. Entstanden ist „Routago“ aus einem interdisziplinären Forschungsprojekt, das 2016 gestartet ist und 2019 erfolgreich beendet wurde. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und 2018 bei den „Galileo Masters Baden-Württemberg“ mit dem ersten Platz ausgezeichnet.

Nach Aussage von Stefan Siebert war die Teilnahme blinder Menschen am gesamten Entwicklungsprozess wesentlich für den Erfolg. Beispielsweise seien zentrale Konzepte wie Sprachausgabe oder Bedienung am Studienzentrum für Sehgeschädigte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelt worden.

Bereits in der ersten Phase des Projekts habe sich das beteiligte Unternehmen iXpoint entschlossen, aus den Ergebnissen ein Produkt zu entwickeln, es auf den Markt zu bringen und diesen Bereich aus der Firma auszugliedern. Dazu gründeten Güldenpfennig und Siebert die „Routago“ GmbH. Ende Januar gingen sie mit „Routago Assist“ an den Markt.

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Jahresabo kostet 59,99 Euro

Die App ist seither im App Store erhältlich. Das Jahresabo kostet 59,99 Euro. „Bis in drei Jahren wollen wir weltweit 300.000 Kunden erreicht haben“, formuliert Siebert ein Unternehmensziel. Der Weg dahin führt über Verbände und Vereine, über Mobilitätstrainer, Schulen und Messen. Erst in der Region, dann überregional.

Viel versprechen sich die Gründer von der Präsenz in den digitalen Medien. Es sei bekannt, dass blinde und sehbehinderte Menschen sich intensiv über diese Kanäle austauschen. Um den Markteintritt und das Wachstum zu finanzieren, hat sich das junge Unternehmen für eine Crowdinvestment- Kampagne auf Founder Nation entschieden. Außerdem sind Investoren nach dem Business-Angels-Konzept willkommen.

Die Vision des jungen Ettlinger Unternehmens ist die Mobilität von Menschen in der digitalisierten Stadt der Zukunft. Daraus erschließen sich nach Aussage der Unternehmensgründer große und hochaktuelle Mobilitätsmärkte wie Urban Mobility, Smart Cities, Transport und Logistik, zudem ergäben sich Möglichkeiten zur Unterstützung der medizinischen Forschung.