Showtime im Knast: Schon mit dem Zellenblock-Tango versichern die Darsteller rings um Dorothée Kahler (Velma, Mitte), dass Qualität in dieser Inszenierung groß geschrieben wird. | Foto: SFE

Schlossfestspiele Ettlingen

Famose Inszenierung des heißen Broadway-Musicals „Chicago“

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Lange Beine, lange Töne, aber keine Sekunde Langeweile. In Ettlingen hat das Premierenpublikum mit dem Musical „Chicago“ in deutscher Sprache das beste gesehen, was der Schlosshof in den vergangenen Jahren zu bieten hatte. Tolle Stimmen, ein spannend aufbereiteter Plot mit viel Situationskomik und geschliffene Choreografien, pointiert zur spritzigen Musik mit Jazz, Swing, Ragtime und Charleston einer akzentuiert und launig aufspielenden elfköpfigen Combo. Diesmal sitzt einfach alles – selbst den auf den Rängen sicherlich etwas zu frischen „Albtäler“ (den Abendwind aus dem Albtal) scheint der Himmel geschickt zu haben, um beim finalen Tusch die goldenen Fransen um die vier Beine der beiden grandiosen Hauptdarstellerinnen flattern zu lassen. Perfekt!

Knast-Queen in Lack und Leder

Auch eine Zeitung flattert in der kühlen Albtäler Brise. Sie ist des Pudels Kern in dem auf wahren Begebenheiten basierenden Schauspiel der Reporterin Maurine Dallas Watkins aus dem Jahr 1926, aus dem Fred Ebb und Bob Fosse 1975 das Buch für ein Musical mit Musik von John Kander und Gesangstexten von Fred Ebb schufen. Und das trifft den Nerv des Publikums bis heute so zielsicher wie die Kugeln, mit denen Roxie Hart und Velma Kelly ihre Lover ins Jenseits und sich selbst ins Gefängnis befördert haben.

Überzeugende Darsteller hat „Chicago“ in Ettlingen zu bieten. Hier Matrone „Mama Morton“, Tanzgirl Roxie Hart, Journalistin Mary Sunshine und Anwalt Billy Flynn (von links). | Foto: SFS

Dort geht es auch in Ettlingen gleich rund: Mit dem „Zellenblock-Tango“ versichert die tanzende Crew, dass Qualität groß geschrieben wird an diesem Abend. Das Futter für Klatsch und Tratsch haben im Chicago der 1920er freilich ebenso die Medien geliefert und aufbereitet wie noch heute. Und um im Frauenknast nicht nur dem Strick zu entrinnen, sondern auch auf die Titelseite zu kommen, gibt es die Knast-Queen Mama Morton, der Gudrun Schade mit Lack und Leder, mit viel Haut im Dekolleté und wenig Berührungsängsten die Hüften der kessen Mörderinnen betreffen sowie mit vollmundig derbem Timbre das Bild einer fürsorglichen Puffmutter verleiht. Wer sich gut mit ihr stellt, den vermittelt sie an den gewieften Anwalt Billy Flynn. Dessen Autritt bringt ein Wiedersehen mit Marc Lamberty, der vor einem Jahr einen hinreißenden Frank ’n’ Furter in der Rocky Horror Show gegeben hatte und sich erneut als Top-Besetzung erweist: Mit dem Aussehen irgendwo zwischen Clark Gable und Magnum und seiner charismatischen Stimme bewegt sich Lamberty stilsicher durch die Rolle des blasierten Anwalts, der als Verteidiger nur die besten „Pferde im Stall“ nimmt und die sensationshungrige Presse mit medientauglichen Skandalen füttert. Velma hat er für Roxie fallen lassen und liefert nun zusammen mit dieser die ersten Höhepunkte an diesem Abend, wenn er vor die Presse tritt um ihre Geschichte zu singen, während sie als Marionette an Seilen nur den Mund bewegt („Pressekonferenz-Rag“).

Velma Kelly hat in der Stimme „All den Jazz“

Maria-Danaé Bansen ist eine körperlich wie stimmlich flotte, quirlige und zugleich elegante Roxie. Ihre Bewegungen haben Spannung und Stil, ihr Timbre ist klar und schön, ihr Spiel erfrischend und kokett. Mit einer ganz anderen und nicht minder reizvollen Palette und mit düsterem Charme besticht Dorothée Kahler als ihre Gegenspielerin Velma. Ihre Stimme hat in der Tat „All den Jazz“ wie im Titellied besungen. Besonders schön und lasziv zieht sie ihr Reibeisen-Register, bewegt sich ebenso feminin wie pointiert und amüsiert mit ihren eifrigen Versuchen, Billy oder auch Roxie für sich einzunehmen („Steht Velma vor Gericht“ oder „Leider geht’s nicht allein“). Köstliche Kontraste setzt Anton Schweizer. Von ihm sei – um nicht zu spoilern – an dieser Stelle nicht mehr verraten als: „Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen“. Aus der Reihe fällt auch Roxies Ehemann. Adrian Kroneberger spielt diesen unscheinbaren „Mr. Zellophan“ so herrlich profan, dass ihm sogar der Running Gag „Abgangsmusik bitte!“ verweigert wird, mit dem sich die Darsteller in die große grinsende Fratze des Clowns verabschieden.

Hervorragend einstudiertes Team auf der Bühne

Ohne Eva Müller, Vanessa Wilcek, Ellen Wawrzniak, Tina Podstawa, Isabelle Vedder und Julie Hall und Vanessa Vilcek sowie Marco Fahrland-Jadue, Robert Lankester, Anton Schweizer, Wolfgang Schwingler, Bas Timmer und Marc Trojan als spritziges Musicalensemble wäre die Show nur halb so rund. Ein hervorragend aufeinander und auf die schmissige Musik (Leitung: Tobias Leppert) einstudiertes Team.
Wie engmaschig, flott und sekundengenau alles einstudiert ist, zeigt sich spätestens im kurzweiligen Prozess, auf den die Show zusteuert. An Roxies großem Tag lässt Billy Flynn vor den nicht sichtbaren Geschworenen die völlig frei erfundene Geschichte um die vermeintlich schwangere Roxie und ihren Mord Revue passieren. Hibbelig spielen die Beteiligten zu Kontrabass-Pizzicati und allerlei weiteren die Szene würzenden musikalischen Motiven das Geschehen na2ch. Und die als Freiheitsstatue kostümierte Justitia mit Fackel statt Schwert schläft ein vor Langeweile. Alles nur Medienrummel – ist die Moral von der Geschicht’. „Murder. Exploitation. Violence. Adultry“ heißt es auf der Anzeigentafel rechts über den Zellen, links liefern Roxie und ihr Anwalt auf einer Bühne das Futter für die Presse. Der scheidende Festival-Intendant Udo Schürmer hat als Regisseur nochmal groß ausgeholt für diese Inszenierung, an die sich Ettlingen noch lange erinnern wird.

Musical „Chicago“ – weitere Termine: 22., 23., 24., 30. Juni, 1., 3., 4., 5., 11., 12., 15., 20., 22., 25., 26., 28., 29. Juli, 2., 3., 5., 7., 8., 9., 10. und 11. August jeweils ab 20.30 Uhr im Schlosshof Ettlingen. Kartentelefon: (0 72 43) 10 13 33, Internet: www.tickets.bnn.de, Info: www.schlossfestspiele-ettlingen.de.