RUND GEHT ES AUF BODENBELÄGEN der Ettlinger Findeisen GmbH nicht nur in diesem Einkaufszentrum in Sindelfingen, sondern weltweit. Jährlich werden Beläge hergestellt, die von der Albgaustadt bis nach Rom reichen würden. | Foto: krischerfotografie

Weltmarktführer aus Ettlingen

Findeisen GmbH: Die Arbeit im Nadelstudio – eine Wissenschaft für sich

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Dieses Nadelstudio wäre etwas für Fakire: Eine Riesen-Auswahl an Brettern, jeweils mit 6 000 Nadeln drauf. Und ist eine Nadel futsch, wird sie per Hand einzeln repariert. Sorgsam mit dem Alu-Hämmerchen. Thomas Bernhardt liest eine Nadel vom Boden auf, zeigt auf die winzigen Widerhaken. Je nach verwendetem Material und Einsatzgebiet brauche man unterschiedliche Nadeln. Spätestens jetzt wird klar: Das hier bei der Ettlinger Findeisen GmbH ist eine Wissenschaft für sich.

Die Nadelbretter sind ein wichtiges Werkzeug, um Nadelvlies herzustellen. Findeisen produziert jedes Jahr so viel davon, dass man eine zwei Meter breite Bahn von Ettlingen bis nach Rom verlegen könnte.
Tatsächlich liegen die Produkte aus Ettlingen auf vielen Böden in über 40 Ländern: weltweit in Einkaufszentren, in Hotels, Schulen, in der deutschen Botschaft in Peking, im Deutschen Bundestag in Berlin, bei adidas in Herzogenaurach, global an Siemens-Standorten. „Wir sind Weltmarktführer im Segment des hochwertigen Nadelvliesbelags“, sagt Bernhardt stolz.

1921 als „Lumpenreißerei“ gegründet

Er ist Prokurist in dem 1921 als „Lumpenreißerei“ gegründeten Familienunternehmen. Und er erklärt gerne in Bildern: Billigproduzenten färben die Fasern, die den Bodenbelag bilden. Findeisen nimmt hingegen spinndüsengefärbte neue Polyamid-Fasern. „Das ist wie bei einer Möhre. Wenn Sie die aufschneiden, ist sie immer noch orange“, sagt Bernhardt. „Wenn Sie aber eine Gurke aufschneiden, ist sie innen nur noch hellgrün.“ Will heißen: Wer über Jahrzehnte mit dem Bürostuhl über Findeisen-Nadelvlies rollt, hat den Möhreneffekt – eben immer noch die gleiche Farbe.

SO WIRD REPARIERT: Ohne Nadeln gäbe es kein Nadelvlies. Bei Findeisen werden fachmännisch sogar einzelne Nadeln ausgetauscht. | Foto: Fabry

Nur wie wird dann gefärbt? Gar nicht. Es wird gemischt. Bernhardt marschiert zunächst strammen Schrittes ins Rohwarenlager. Dort liegen Faserpakete in vielen bunten Farben. Da will man natürlich reingreifen: Manche fühlen sich struppig an, andere fein. Wertvoll sind die silberbedampften Fasern, die elektrische Ableitfähigkeit gewährleisten. 80 Euro kostet davon das Kilo. Weil das Unternehmen Findeisen ein Spezialist ist, der sogar die Firmen-Farbe seiner Kunden auf den Bodenbelag bringen kann, hat es viele Rezepturen.
Also kommen die Rohfasern in einen Mischwolf. Ein grünes Ungetüm ist das. Es quietscht ordentlich. Bernhardt lässt durch ein Guckloch blicken: Der Mischwolf reißt die Ballen auseinander und macht das Material locker. So vorbereitet geht es weiter in eine der drei gigantischen Mischkammern – eine ist 30 Meter lang und 5,5 Meter hoch. Darin fährt ein Teleskoparm herum und verteilt die Fasern. Als wäre das noch nicht genug, sorgt auch ein Gebläse für die perfekte Mischung. Am liebsten würde man da reinspringen, ein weiches Fasernbad nehmen. Ein Kinderspiel ist das hier aber nicht. „Wenn Sie nur eine Handvoll weiße Fasern zu viel nehmen, wäre das katastrophal“, sagt Bernhardt.

Die von Findeisen sind Qualitätsfanatiker

Die bei Findeisen sind Qualitätsfanatiker. Dass Nadelvliesbeläge per se äußerst strapazierfähig sind, reicht ihnen nicht. Sie tüfteln, damit der Bodenbelag noch einfacher vom Handwerker zu verlegen und nach Gebrauch zu entfernen ist. Recycling ist ihnen wichtig, Design. Als Billigheimer könnte man nicht ausschließlich in Ettlingen produzieren.

Viele Konkurrenten sind in den vergangenen 15 Jahren vom Markt verschwunden. Nun gebe es in Europa noch eine Handvoll Betriebe, die dort selbst herstellen. Teilweise werde mit Kampfpreisen agiert, sagt Bernhardt. „Bei der aktuellen Marktsituation das Unternehmen wettbewerbsfähig zu erhalten“, sei sicher eine Herausforderung. Man bekomme aber 2018 ein positives Ergebnis hin.
Außerdem trumpfe Findeisen nicht nur mit individuellen Produkten auf, sondern biete auch Beratung für Handwerker. Und: „Wer heute bestellt, hat die Ware in Deutschland innerhalb von 48 Stunden auf der Baustelle.“

BODENBELAG FÜR FERNOST : Findeisen stattet auch die Firma Baugeist in Shanghai aus. | Foto: Georg Zuen

Deshalb leistet sich Findeisen zahlreiche Lager, produziert nicht am Stück. „Der Wert dieser Lager liegt ständig zwischen sechs und sieben Millionen Euro.“ Hauptsache: schnell und flexibel lieferfähig. Neben Europa geht auch viel Ware nach China zu deutschen Unternehmen, die dort vertreten sind, und nach wie vor nach Russland.
Nicht nur Findeisens Nadelstudio ist eine kleine Wissenschaft, die gesamte Wertschöpfungskette ist es. Deshalb sei sie hier nur verkürzt dargestellt: Aus Rohrleitungen kommt farblich gemischtes Fasermaterial auf eine Bandwaage. Eine flauschige Sache ist das. In der Krempel genannten Maschine drehen sich Walzen mit Drähten. Das dröhnt ordentlich. So werden die Fasern gekämmt. Am Ende kommt ein hauchzarter Flor heraus. Der „Leger“ – Nomen est omen – stapelt mehrere Lagen übereinander. Ja, und nun wird genadelt.

Im Nadelstuhl vibrieren die Bretter mit dem spitzen Metall, dass das Auge nicht mehr mitkommt. Die vielen einzelnen Fasern haben sich so miteinander verbunden. In einem weiteren Arbeitsschritt wird auch der separat angefertigte Unterboden mit der Nutzschicht vernadelt. Was so entstanden ist, ist schon ziemlich reißfest – aber eben nur ziemlich. Mit so etwas gibt man sich bei Findeisen nicht zufrieden.

Vliesbahnen kommen in ein Wasser-Latex-Bad

Die Vliesbahnen tauchen daher in eine Wasser-Latex-Mischung. Pitschnass, wie sie nun sind, müssen sie wieder getrocknet werden. Ab in den 25 Meter langen Trockner. Wieder ein Guckloch: Drin züngelt Feuer. Das Vlies wird über unzählige Rollen transportiert, die kleine Löcher haben, durch die heiße Luft strömt. Der Trockner hier ist Baujahr 78, aber noch gut in Schuss. „Das ist inzwischen komplett computergesteuert“, betont Bernhardt. Bei dem Endprodukt spricht man von Nadelvlies. Rollenware. Masse ist aber nicht alles. Es geht auch um Marge.

BUNTE ANGELEGENHEIT: Findeisen hat verschiedenfarbene Faserpakete. Eingefärbt werden die Bodenbeläge nicht. | Foto: Fabry

Findeisen wolle mit seinen strapazierfähigen und schalldämpfenden Produkten in mehr Hotels, in Ladengeschäfte und edle Büros, sagt Marketingleiterin Rose Marie-Riedl. Also kommt es umso mehr aufs Design an. Dafür haben die Ettlinger eine Manufaktur mit zwei Plottern: Die schneiden in Windeseile Fliesen, Planken, Intarsien und Logos zu. Kombinationen mit Folie, Alu oder Acrylglas sind möglich. Da ließe sich – passend in diesen Tagen – sogar ein Bild von einem festlich farbig geschmückten Weihnachtsbaum aus Nadelvlies auf den Boden bringen.
Das Segment mit Modulen und Individualisierung wachse rasant, sagt Riedl. „Wir sind positiv gestimmt für die Zukunft“, pflichtet ihr Bernhardt bei. Nur: High-Tech-Plotter hin oder her. Auf sein Nadelstudio mit den fleißigen Arbeitern wird Findeisen auch künftig nicht verzichten. Bernhardt: „Spätestens nach 600 Maschinenstunden ist ein Nadelbrett hinüber.“

Findeisen GmbH (Ettlingen)
Gründungsjahr: 1921
Produkte: Nadelvlies-Bodenbeläge
Geschäftsführung: Stephan Naacke, Helmut Wenzel
Umsatz 2018 voraussichtlich über 18 (2017: 17,4) Millionen Euro
Jahresüberschuss: k. A.
Exportquote: unverändert zehn Prozent
Mitarbeiterzahl: 73 (wie im Vorjahr)
Homepage des Unternehmens: www.nadelvlies.de